28.08.2021 / Inland / Seite 8

»Hanf könnte der Rohstoff der Zukunft sein«

Verbände und Initiativen kritisieren Illegalisierung von Cannabis in der BRD. Ein Gespräch mit Dirk Hogess

David Maiwald

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl am 26. September äußerte sich die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Andrea Ludwig von der CSU, am Montag zur strafrechtlichen Verfolgung von Cannabisbesitz. Sie plädierte dafür, die Eigenbedarfsgrenze bundesweit auf sechs Gramm zu setzen. Wie bewerten Sie das?

Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1994 stellte geringe Mengen straffrei, es existiert aber keine einheitliche Linie. Jedes Bundesland hat unterschiedliche Regelungen, in Berlin beträgt die Eigenbedarfsgrenze beispielsweise 15 Gramm.

was Ludwig als »eindeutig« zu hoch ansieht.

Wir stehen für die Freigabe von Cannabis. Kommt es dazu, braucht der Besitz weder als Ordnungswidrigkeit noch als Straftat eingeordnet zu werden. Die Linie von CDU und CSU steht dagegen. Vielleicht zündet Ludwig jetzt kurz vor der Wahl irgendwelche Nebelkerzen.

Die Illegalisierung bedeutet grundsätzlich, dass Cannabiskonsumenten kriminalisiert, verfolgt und Lebensläufe zerstört werden. Bis 1937 war Hanf als Rohstoff, Medizin und Genussmittel legal, wurde dann aber beispielsweise in den USA verboten. Dahinter stehen wirtschaftliche Interessen. 1929 wurde Hanf auch in Deutschland verboten. Die Desinformation durch Jahrzehnte alte Argumente läuft weiter, obwohl Wissenschaft und Gesellschaft sich in dieser Frage stark entwickelt haben. In Portugal und den Vereinigten Staaten sind mittlerweile erste Schritte hin zu einer Liberalisierung getan worden, Gesetze wurden mancherorts gelockert.

Will Ludwig aus Ihrer Sicht nur Signale an mögliche Koalitionspartner senden?

Vermutlich ist das so. Bei den Parteien ist der Umgang mit Cannabis unterschiedlich. Die Union ist noch Law and Order, dort läuft das Thema Hanf unter Sicherheitspolitik. Die SPD ist offen für gewisse Modellprojekte, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke fordern die Freigabe.

Rechnen Sie mit Blick auf die Wahl im September beim Thema Cannabis mit einem Wandel?

Wenn man in dieser Frage schon Jahrzehnte unterwegs ist, ist die Hoffnung nicht mehr allzu groß. Ich sehe auch nicht, dass eine Partei das Thema wirklich auf der Fahne hätte. Bei den Grünen läuft es immerhin unter Gesundheitspolitik, und einige Grüne sind zum Beispiel auch auf der Hanfparade. Die SPD spricht von Entkriminalisierung, doch da ist wenig zu erwarten. Als SPD und Grüne 1998 an die Regierung kamen, gab es kurz die Hoffnung, passiert ist jedoch nichts – außer dem Hanfsamenverbot. Bei der nächsten Regierungsbildung kommt es darauf an, ob sich für das Thema eingesetzt oder ob es geopfert wird, um dem Koalitionspartner entgegenzukommen.

Wie könnte aus Ihrer Sicht ein politischer Kurswechsel aussehen?

Es braucht einen radikalen Wandel. Das Problem ist, dass Hanf als Droge angesehen wird und nicht als Genussmittel. Dazu gibt es Impulse, beispielsweise vom Hanfverband und vielen anderen Initiativen, auch aus dem medizinischen Bereich. Manche Richter sprechen sich seit Jahren für eine Freigabe oder Liberalisierung aus. Dabei ist Cannabis längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Staatsanwälte, Polizisten und Politiker rauchen es.

Was könnte mit der völligen Freigabe von Cannabis erreicht werden?

Die Kriminalisierung würde wegfallen. Seit Jahrzehnten werden Milliarden in die Verfolgung von Cannabiskonsumenten gepumpt. Mit diesen Mitteln könnte durch Hanfanbau die Landwirtschaft gestärkt werden. Regionale Genossenschaften könnten nachhaltig Hanf anbauen und verarbeiten. Die Textilindustrie und auch der medizinische Bereich könnten von einer solchen Entwicklung profitieren. Möglicherweise gibt es bezüglich des Klimawandels ein Umdenken. Hanf könnte der Rohstoff der Zukunft sein, ist zu einhundert Prozent biologisch abbaubar. Doch es gibt viele Widerstände aus der Wirtschaft, wo Plastik weitverbreitet ist. Eigentlich kann Hanf unseren Planeten retten. Die Pflanze ist ein Alleskönner, war das auch schon vor dem Verbot.

Dirk Hogess ist Mitinitiator der »Hanfparade 97« vom damaligen Bündnis Hanfparade e. V. unter dem Motto »Mit Hanf in die Zukunft – Legalisierung jetzt!«

https://www.jungewelt.de/artikel/409247.legalisierung-von-marihuana-hanf-könnte-der-rohstoff-der-zukunft-sein.html