02.08.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Billiges Geld für Superreiche

Eine Art Steuersparmodell: Milliardäre verschulden sich selbst und bürgen mit Eigentum

Christian Bunke

Was macht ein Multimilliardär in den USA, der gerade kein Bargeld zur Hand hat, aber für den Wochenendurlaub noch schnell einen neuen SUV kaufen will? Er nimmt einen Privatkredit bei der Bank seines Vertrauens auf und hinterlegt als Sicherheit Anteile seines Unternehmens. Selbiges machte vergangenen Monat unter anderem Elon Musk. Als er flüssiges Geld brauchte, holte er sich flugs ein Darlehen und hinterlegte Anteile seiner Unternehmen Tesla und »Space X«.

Damit liegt Musk voll im Trend. Vor allem in den USA nehmen Multimilliardäre zunehmend günstige Kredite auf und bürgen für diese mit Teilen ihres Eigentums, berichtete das US-Portal Bloomberg am 23. Juli. Demnach habe Hedgefondsmanager Alan Howard für 59 Millionen US-Dollar ein Appartement im New Yorker Stadtteil Manhattan gekauft. Zwei Monate später nahm er dafür eine Hypothek in Höhe von 30 Millionen US-Dollar bei der Großbank Citigroup auf.

Was für viele Normalverdiener ein notwendiges Übel oder eine Bedrohung sein kann, ist für Superreiche zunehmend eine alltägliche Methode, um an schnell verschiebbares Geld zu gelangen. Verschiedene Finanzkonzerne bieten extra auf diese Klientel maßgeschneiderte Darlehensprogramme an.

Ursache für diese Lust an der Selbstverschuldung unter den Superreichen scheint die Senkung der ohnehin schon rekordverdächtig niedrigen Leihzinsen in Reaktion auf die Coronapandemie durch die US-amerikanische Zentralbank Federal Reserve zu sein, so zumindest die einhellige Meinung der Finanzpresse. J. P. Morgan und Citigroup sollen inzwischen sogar mehr Geld an Milliardäre verleihen als an ihren Kundenstamm normalsterblicher Kreditkartenbesitzer. Laut Bloomberg brauchen die Superreichen ihr Cash überwiegend für den Konsum. Aber wo Lohnabhängige vielleicht einen Kredit brauchen, weil die Waschmaschine plötzlich kaputtgegangen ist, brauchen Milliardäre flüssiges Geld vor allem für Yachten und Privatjets. Diese seien laut von Bloomberg befragten Vermögensverwaltern im vergangenen Jahr besonders beliebt gewesen. Einer habe es sogar als »Geld leihen, um soziale Distanz zu kaufen« beschrieben.

Tatsächlich gibt es aber auch weitere Gründe: Der wesentliche Zweck der bewussten Selbstverschuldung der US-amerikanischen Milliardäre dürfte die Steuervermeidung sein. Laut einer Analyse des US-amerikanischen Investigativportals Pro Publica handelt es sich hierbei nämlich um eine Schlüsselmethode der Steuerflucht, durch welche dem Staat jährlich Milliardenbeträge durch die Lappen gehen. In einer Zusammenfassung der Pro-Publica-Recherche durch Business Insider vom 10. Juni heißt es: »Da Kredite nicht als steuerpflichtige Einkommen gelten, müssen die Vermögenden nur das Kapital und die Zinsen zurückzahlen und nicht die höheren Steuern, die bei Einkommen und Investitionen in Millionenhöhe anfallen würden.«

Die Methode funktioniert, weil individueller Reichtum in den USA nicht direkt besteuert wird. Steuern würden aber etwa durch den Verkauf von Aktienanteilen anfallen. Wer jedoch einfach Geld leiht, behält seine Aktien und muss keine Steuern zahlen. Wie praktisch.

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