02.08.2021 / Inland / Seite 2

Missachtete Warnungen

Flutkatastrophe im Ahrtal: Kreisverwaltung reagierte offenbar zu spät

Der Landkreis Ahrweiler ist offenbar vor der Flutkatastrophe in der Nacht auf den 15. Juli präzise gewarnt worden, ohne jedoch rechtzeitig darauf zu reagieren. Es seien bei der Kreisverwaltung mehrere automatisierte Mails des rheinland-pfälzischen Landesumweltamts eingegangen, berichtete am Wochenende die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Berufung auf einen Sprecher der Behörde.

Bereits am Nachmittag des 14. Juli veröffentlichte das Landesumweltamt demnach Prognosen, die einen Pegelstand der Ahr von 3,70 Meter vorhersagten. Am Abend habe es dann neben den E-Mails auch weitere Onlineinformationen der Landesbehörde gegeben. Darin sowie in den E-Mails an die Kreisverwaltung sei gegen 21.30 Uhr ein erwarteter Pegelstand von fast sieben Metern genannt worden. Dennoch habe der Landkreis erst gegen 23 Uhr den Katastrophenfall ausgerufen. Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) verwies gegenüber der FAZ auf die Zuständigkeit der Kreisverwaltung. Er kündigte an, die Abläufe an dem Abend würden »exakt aufgearbeitet« werden.

Die Kreisverwaltung Ahrweiler wollte am Sonntag diesen Bericht auf dpa-Anfrage nicht kommentieren und verwies auf einen späteren Zeitpunkt. In einer Antwort an die dpa heißt es, man sei »derzeit aber noch immer dabei, die Katastrophenlage zu bewältigen. Oberste Priorität hat für den Kreis und Landrat Dr. Jürgen Pföhler, die Versorgung der Menschen im Flutgebiet wiederherzustellen.«

Der Krisenforscher Frank Roselieb erhob in der in Koblenz erscheinenden Rhein-Zeitung schwere Vorwürfe gegen Landrat Pföhler. Dass im Kreis Ahrweiler kein Voralarm ausgelöst worden sei, halte er für unerklärlich. Dies hätte frühzeitige Notmaßnahmen ermöglicht. Als schließlich gegen 23.15 Uhr Evakuierungen angeordnet wurden, seien bereits Häuser von den Wassermassen mitgerissen worden. »In der Stellenbeschreibung eines Landrats oder einer Oberbürgermeisterin zählt das Krisenmanagement zu den wenigen Tätigkeiten, die nicht wirklich delegiert werden können«, so Roselieb.

In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hatte Starkregen vor mehr als zwei Wochen verheerende Überschwemmungen ausgelöst. Viele Gemeinden insbesondere im Ahrtal wurden verwüstet. Rheinland-Pfalz meldete bislang 135 Tote; 59 weitere Menschen werden dort noch vermisst. In Nordrhein-Westfalen gab es 47 Todesopfer. (dpa/AFP/jW)

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