27.07.2021 / Inland / Seite 5

Keine Elefantenehe

Hedgefonds haben sich verzockt: Übernahme von Deutsche Wohnen durch Vonovia endgültig geplatzt. Berliner Senat setzt auf Desinformation

Ralf Wurzbacher

Gibt es also doch noch Aktionäre mit Herz, denen das Wohl von Großmütterchen in ihrer Berliner Zweizimmerwohnung über die eigene Dividende geht? Von wegen: An Sozialromantik ist der Vorstoß des Vonovia-Konzerns, seinen größten deutschen Rivalen einzuverleiben, am Montag bestimmt nicht gescheitert. Vielmehr verhält es sich genau umgekehrt: Die potentiellen Profiteure des Deals konnten den Hals nicht voll genug bekommen – und haben sich verzockt. Vor allem die in großem Stil bei der Deutsche Wohnen engagierten Hedgefonds wurden beim Übernahmepoker zum Spielverderber wider Willen. Offenbar hatten sie darauf spekuliert, dass die 50-Prozent-Annahmeschwelle auch ohne ihr Zutun überschritten wird, um dann später eine noch lukrativere Abfindung für ihre Anteilsscheine einzustreichen. 52 Euro pro Aktie waren ihnen einfach nicht genug, oder anders: Sie wollten Oma noch mehr von ihrer Rente abjagen.

Nun ist auch der zweite Versuch nicht geglückt, die beiden größten deutschen Wohnungsunternehmen zu verschmelzen. Das verschafft den betroffenen Mietern wohl kaum mehr als eine Verschnaufpause. Gegenüber dem Handelsblatt kündigte Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch bereits am vergangenen Freitag einen möglichen neuen Anlauf an: »Man sollte im Leben nie etwas ausschließen, aber man sollte auch nicht immer von einem Happy-End träumen«, erklärte er und weiter: »Die Zeit spielt eher für uns.« Kurz davor war beim Bochumer Dax-Konzern die Mitteilung herausgegangen, dass aus der geplanten Megafusion, die einen Immobiliengiganten mit mehr als einer halben Million Wohneinheiten hervorgebracht hätte, voraussichtlich nichts wird.

Übers Wochenende wurde daraus Gewissheit: Wie Vonovia am Montag bekanntgab, blieb die Zahl der seitens der Deutsche-Wohnen-Anteilseigner »angedienten« Aktien knapp unter der angestrebten 50-Prozent-Marke. In der Konsequenz des »endgültigen Ausfalls dieser Vollzugsbedingung sind sowohl das Übernahmeangebot erloschen als auch die durch die Annahme des Übernahmeangebots zustande gekommenen Verträge entfallen«, hieß es in einem Pressestatement. Tatsächlich ist die am 23. Juni ergangene Offerte nur für etwas mehr als 29 Prozent der Deutsche-Wohnen-Aktien angenommen worden. Unter Berücksichtigung der schon im Vorfeld durch die Bochumer gesicherten rund 18 Prozent am Grundkapital und den Stimmrechten des Berliner Konkurrenten verfehlte die Bieterin ihr Ziel um 2,38 Prozentpunkte.

Auf die Frage nach den Schuldigen tippte auch der Vonovia-Boss auf Hedgefonds, also aggressive Investmentfonds, die bei ihren Geschäften großes Risiko gehen. »Es sieht so aus, als ob sich ein paar Finanzinvestoren in London verrechnet haben«, befand Buch. Außerdem mache der zunehmende Anteil von »passiven Investoren solche Transaktionen einfach deutlich schwerer«. Dabei handelt es sich um Akteure, die breit gestreut investieren und dabei auf Beständigkeit setzen. Gefragt danach, was der Misserfolg für die Konzernstrategie bedeute, sagte Buch: »Eigentlich nichts.« Damit falle zwar eine Wachstumsoption weg, »aber es gibt ja noch andere«, gerade mit Blick aufs Ausland. »Wir sind auch ohne die Deutsche Wohnen das größte Immobilienunternehmen in Europa.«

Kosten lassen wollte sich der Marktführer den Griff nach der Deutsche Wohnen rund 18 Milliarden Euro. Das Bundeskartellamt hatte schon im Juni grünes Licht für den Zusammenschluss gegeben und einmal mehr demonstriert, wie sehr die Behörde ihren Job verfehlt hat. Anders als beim ersten Übernahmeversuch im Jahr 2016, als der Konkurrent das Ansinnen als feindlich einstufte, begrüßte die Chefetage diesmal die Offerte und riet den Aktionären zur Annahme. Selbst der Berliner Senat, der dem Miethai Nummer eins in der Hauptstadt mit seinem – am Ende höchstrichterlich kassierten – »Mietendeckel« in die Parade gefahren war, unterstützte im Vorfeld die Elefantenhochzeit. Im Gegenzug versprachen beide Konzerne, Mieterhöhungen für einige Jahre zu begrenzen und dem Land 20.000 Wohnungen zum Kauf anzubieten. Für Finanzminister Matthias Kollatz (SPD) ist die Abmachung auch mit dem geplatzten Geschäft nicht vom Tisch. »Wir gehen dennoch davon aus, dass beide Unternehmen zeitnah auf das Land Berlin zukommen werden, ob und gegebenenfalls wie es mit dem Ankauf weitergeht«, hatte er am Sonnabend geäußert.

Mit der Rekommunalisierung von Teilen der nach der Jahrtausendwende in Massen verhökerten Wohnungsbestände will die Landesregierung dem Bündnis »Deutsche Wohnen & Co. enteignen« den Wind aus den Segeln nehmen. Zeitgleich mit der Bundestagswahl sind die Berlinerinnen und Berliner am 26. September aufgerufen, per Volksentscheid darüber abzustimmen, ob Berlins führende Wohnungskonzerne wieder verstaatlicht werden. Am Montag übte die Bürgerinitiative heftige Kritik an einem in der Vorwoche beschlossenen Stellungnahme des Senats, die mit der Wahlbenachrichtigung versandt wird. Darin seien die Entschädigungskosten falsch kalkuliert und drastisch überschätzt, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Vorwurf: »Das ist dreiste Desinformation.«

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