23.07.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Kein Eis für Siedler

Palästinensische Gebiete: Ben & Jerry’s will keine Produkte an illegale jüdische Gemeinden liefern. Israel beklagt »Terrorismus«

Gerrit Hoekman

Der US-amerikanische Speiseeishersteller Ben & Jerry’s will Ende 2022 keine Produkte mehr in völkerrechtswidrig errichteten jüdischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten verkaufen. Das teilte das zum britisch-niederländischen Lebensmittelkonzern Unilever gehörende Unternehmen am Montag mit. Während Palästinenser den Schritt begrüßen, kommt aus Israel Kritik.

»Wir glauben, dass es nicht mit unseren Werten vereinbar ist, dass Ben-&-Jerry’s-Eis in den besetzten, palästinensischen Gebieten verkauft wird«, heißt es auf der Internetseite der Firma. Der Ende 2022 auslaufende Vertrag mit dem israelischen Lizenznehmer werde demnach nicht verlängert. Bis dahin will sich der Franchisenehmer aber nicht am Boykott beteiligen. Der Verkauf in Israel soll ohnehin fortgesetzt werden.

»Die Entscheidung ist ein neuer Sieg für die Boykottbewegung«, erklärte der palästinensische Oppositionspolitiker Mustafa Barghuthi am Dienstag laut Nachrichtenagentur Maan. Die israelische Besatzung auf der Westbank und in Ostjerusalem nannte der Politiker ein »Apartheidsregime«. Barghuthi ist Abgeordneter des palästinensischen Parlaments und wurde 2005 bei den Präsidentschaftswahlen hinter Mahmud Abbas zweiter.

Die in der Westbank regierende Fatah von Präsident Abbas rief die europäischen Regierungen auf, auch ihre Unternehmen daran zu hindern, mit israelischen Siedlungen Handel zu treiben, so die amtliche Nachrichtenagentur WAFA am Mittwoch. Es handele sich dabei um ein legitimes wirtschaftliches Druckmittel, sagte der Fatah-Sprecher in Europa, Dschamal Nasal.

Die Reaktion aus Tel Aviv war gewohnt harsch. Premierminister Naftali Bennet drohte in einem Telefonat mit Unilever-Chef Alan Jope »ernste Konsequenzen« an. Israel werde »aggressiv gegen jede Boykottmaßnahme« vorgehen, berichtete Reuters am Dienstag. Außenminister Yair Lapid nannte den Beschluss eine »schändliche Kapitulation vor dem Antisemitismus«. US-Botschafter Gilad Erdan blies ins selbe Horn: Die Entscheidung spreche Israel die Legitimation als jüdischer Staat ab und »entmenschliche das jüdische Volk«, so die Onlineausgabe der israelischen Tageszeitung Haaretz am Mittwoch. Für Staatspräsident Isaac Herzog ist der Boykott gar »eine neue Form des Terrorismus«. Die internationale Boykottbewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) »sucht keinen Frieden, sie möchte die Existenz des Staates Israels untergraben. Sie zielt auf die israelische Wirtschaft.«

Dabei sind die Firmengründer von Ben & Jerry’s, Bennett Cohen und Jerry Greenfield, selbst Juden. Das Eis sei sogar koscher, schrieb die Jüdische Allgemeine 2015. Allein deshalb ist die Marke bei vielen Israelis schon populär. Die Siedlerbewegung will nun dagegen vorgehen: »Wir werden diesem Antisemitismus, der das amerikanische Judentum durchdrungen hat, nicht nachgeben«, sagte Yossi Dagan, ein einflussreicher Vertreter der Siedlerbewegung, laut Israel Heute am Dienstag.

Die Haaretz hält es für übertrieben, den Eishersteller und die BDS-Bewegung pauschal als Antisemiten zu brandmarken. »Zweifellos sind es einige von ihnen, aber die große Mehrheit ist es nicht – und das schließt die Bosse von Ben & Jerry’s mit ein«, kommentierte sie am Mittwoch. Auch Haaretz-Mitherausgeber Gideon Levy hält den Boykott für richtig, denn sonst werde sich an der israelischen Siedlungspolitik nie etwas ändern. »Wir sollten die Eishersteller aus Vermont preisen: Sie werden die Besatzung nicht beenden – das ist nicht ihr Job –, aber an einem heißen Sommertag haben sie den Israelis ein paar Wahrheiten offenbart«, schrieb er am Donnerstag. Er sprach sich gar für einen noch härteren Boykott aus; einen, der für Israel »schmerzhaft« sei. Levy glaubt allerdings nicht, dass es angesichts des »zu erwartenden Drucks von amerikanischen Juden« wirklich ab 2023 zum Boykott kommen werde. Tatsächlich kündigen einige kleinere Supermarktketten im Großraum New York bereits an, aus Solidarität mit ihrer jüdischen Kundschaft alle Produkte von Ben & Jerry’s aus ihren Kühltruhen zu verbannen.

Seit der Eröffnung ihrer ersten Eisdiele 1978 verfolgen die Firmengründer Cohen und Greenfield ein erfolgreiches Marketing, Schlagwort: »faires Eis«. Die Produzenten der benötigten Rohstoffe Milch, Zucker und Kakao sollen angeblich ordentlich bezahlt werden, die Produktion sei klimaneutral. Flecken erhielt das »soziale Image« u. a., als sich der Lebensmittelgigant Unilever 2010 Ben & Jerry’s für geschätzte 326 Millionen US-Dollar (etwa 276 Millionen Euro) vollständig einverleibte. Allerdings sicherte Unilever der neuen Tochter bei unternehmerischen Entscheidungen sowie dem sozialen Engagement weitgehende Autonomie zu. Cohen und Greenfield haben inzwischen keinen Einfluss mehr auf das Tagesgeschäft und kümmern sich nur noch um soziale Projekte. Das Unternehmen engagiert sich unter anderem im Klimaschutz, bei »Black Lives Matter« und für LGBTQ-Rechte. 2016 unterstützen Cohen und Greenfield im Präsidentschaftswahlkampf den linken Kandidaten Bernard Sanders.

Die Eisfabrik ist indes nicht das erste Unternehmen, das die israelischen Siedlungen meidet. Anfang Juli hatte bereits der norwegische Rentenfonds KLP beschlossen, Aktien von Unternehmen, die dort Geschäfte machen, aus dem Portfolio zu werfen, darunter Bauunternehmen und Firmen aus der Mobilfunk- und Internetbranche. Auch der israelische Geschäftsmann Omri Padan, der in Israel das gesamte Franchise für den Bulettenbrutzler McDonald’s besitzt, hat in den Siedlungen noch keine einzige Filiale eröffnet, weswegen Siedler in der Vergangenheit Diskriminierung beklagten.

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