22.07.2021 / Ausland / Seite 7

Mitsotakis’ Saat geht auf

Griechenlands Impfgegner – vor kurzem noch Freunde der nationalistisch-reaktionären Regierung

Hansgeorg Hermann, Chania

Die rechtskonservative griechische Regierung muss sich gegen Impfverweigerer wehren, die vor nicht allzu langer Zeit als treue Anhänger der Partei des Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis galten. Als dessen Vorgänger, der linke Premier Alexis Tsipras, und dessen von der Partei Syriza getragene Parlamentsmehrheit am 25. Januar 2019 mit der Zustimmung zum sogenannten Prespa-Abkommen den Namensstreit mit dem Nachbarn Nordmazedonien beendeten, waren Mitsotakis und die Abgeordneten seiner Nea Dimokratia (ND) dagegen. Ihre nationalistisch-reaktionären Freunde von damals – Kirchenfürsten ebenso wie Faschisten der inzwischen verbotenen Formation »Chrysi Avgi« (CA) – sind zu verbissenen Gegnern der von Mitsotakis verordneten Anticovidmaßnahmen geworden. Der rechte Regierungschef »erntet, was er gesät hat«, urteilte zu Wochenbeginn die unabhängige Athener Tageszeitung Efimerida ton Syntakton (Efsyn).

In der Tat hatte Mitsotakis wohl, bevor er einige Monate später die Parlamentswahl gewann, vor allem den reaktionären Flügel seiner Partei ruhigstellen wollen, als er seine Abgeordneten gegen die Prespa-Vereinbarungen stimmen ließ. Doch selbst die FDP-nahe deutsche Friedrich-Naumann-Stiftung (FNS) warnte im Januar dieses Jahres vor dem Trugbild, von dem sich EU-Regierungschefs bis heute leiten lassen. Mitsotakis möge »liberale Ansichten haben«, »doch seine Partei ist nationalistisch-reaktionär«.

Mitsotakis wurde 2019 in der Tat von einer knappen Wählermehrheit in die Regierung gebracht, die – aufgehetzt von den Führern der faschistischen CA und deren Freunden in der orthodoxen Kirche – vordergründig gegen den Frieden mit den Nachbarn im Norden, vor allem aber gegen eine zehn Jahre dauernde, von der EU-Kommission verursachte soziale Katastrophe stimmten. Typen wie Anthimos Roussas, der berüchtigte Metropolit von Thessaloniki, der seinerzeit den CA-Chef Nikolas Michaloliakos bei sich zu Hause empfing und ihn damit auch für Mitsotakis’ rechten Fraktionsflügel salonfähig machte, riefen bisweilen zu den Waffen, um den »slawischen Einfluss« in den Nordprovinzen mit Gewalt aufzuhalten.

Das Konglomerat aus Rassisten, Antisemiten und Homophoben, zu denen die griechische Vereinigung für Menschenrechte Anthimos und zahlreiche seiner im Bischofsrock das Christentum predigende Kollegen zählt, hat sich in den vergangenen Monaten von Mitsotakis verabschiedet. Seit der Regierungschef das Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen zur Coronaimpfung verdonnert hat und diese Pflicht nach der touristischen Sommersaison womöglich auf die gesamte Bevölkerung ausdehnen will, rufen in den Straßen von Athen und Thessaloniki Tausende zum »Widerstand« auf. Die Polizei, die sonst oftmals hart gegen Demonstranten oder Kriegsflüchtlinge in den Lagern vorgeht, hält sich merklich zurück; verbotene Massenveranstaltungen in Kirchen wurden in den vergangenen Monaten erst aufgelöst, wenn die Messe zu Ende gelesen war.

In dieser Situation entschloss sich die »Heilige Synode« der griechischen Orthodoxie am Dienstag, Mitsotakis zumindest pro forma beizuspringen. In einem Rundschreiben fordert sie nun ihre »Gottesdiener« auf, den Gläubigen in den Kirchen zwölf Fragen und Antworten vorzulesen, die zur Erleuchtung in Sachen Corona und Impfung beitragen sollen. Kein Wunder indes, sondern ein neuer Pragmatismus, der auch aus persönlichen Erfahrungen einiger der Kirchenoberen resultiert. Seine »Herrlichkeit« Hieronymos, greiser Athener Erzbischof und Oberhaupt der griechischen Orthodoxie, hatte sich im vergangenen Winter selbst das Coronavirus eingefangen und war dem Tod nur knapp entkommen. Sein Kollege Seraphim, der 61 Jahre alte Bischof von Kastoria, starb zwei Tage vor Neujahr, bei zahlreichen anderen Kirchenführern und Äbten der abgeschiedenen Klöster des Athos verlief die Viruserkrankung ebenfalls tödlich oder sie erkrankten schwer.

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