22.07.2021 / Inland / Seite 5

Rufe nach Klimaschutz

Aktivisten und Wissenschaftler sehen Flutkatastrophe als ernste Warnung

Bernd Müller

Die Flutkatastrophe in Teilen der BRD hat Rufe nach mehr Klimaschutz laut werden lassen. Aktivisten von »Fridays for Future« (FFF) fordern nun von der Bundesregierung Taten, um die Erderwärmung abzumildern. Seit Jahrzehnten verhalte die sich so, als könne die Klimakrise Deutschland kaum etwas anhaben, erklärte die FFF-Sprecherin Luisa Neubauer am Mittwoch gegenüber dpa. Die Flutkatastrophe sei nicht nur ein großes Unglück, sie sei »auch Konsequenz der politischen Weigerung, wissenschaftliche Warnungen ernst zu nehmen«. Die Bundesregierung müsse »echte Pläne« vorlegen, mit denen die Erderwärmung gestoppt und die Menschen besser geschützt werden könnten.

Neubauers Argumentation wird von Wissenschaftlern des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) e. V. gestützt. Astrid Kiendler-Scharr, Atmosphärenforscherin und Leiterin des Instituts für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich, erklärte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz des DKK: »Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich weltweit«. Sie verwies auf die Flutkatastrophe, die Deutschland »in einem bisher unbekannten Ausmaß heimsuchte«. Solche Extremwetter mit ihren verheerenden Folgen seien schon heute durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden.

Kiendler-Scharr hat am neuen Bericht des Weltklimarates (IPCC) mitgewirkt, der Anfang August der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird. Sie ist Leitautorin des Kapitels zu kurzlebigen Klimaschadstoffen. Der erste Band des Berichts wird am 9. August veröffentlicht und fasst die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels zusammen, zum Beispiel die Erderwärmung und deren Folgen für den Meeresspiegel, die Arktis und Extremwettersituationen.

Dies bekräftigte auch Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar-Helmhotz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er referierte über die Aussagekraft von Klimamodellen, die auch dem IPCC-Bericht zugrundeliegen. Mit ihnen könne man nicht nur anhand von physikalischen Gesetzen simulieren, wie sich das Klima der Erde in Zukunft entwickle, man könne auch sehen, »dass jetzt sehr gut zutrifft, was die Modelle früher berechnet haben«. So habe in einem Modell gezeigt werden können, dass durch die Erwärmung des Mittelmeeres die extremen Niederschläge in einigen Regionen Westdeutschlands wahrscheinlicher werden.

Bis zum Jahr 2050 müsste die Klimaneutralität erreicht werden – und zwar weltweit, erklärte Hauke Schmidt vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Nur so könnten die Folgen des Wandels halbwegs beherrschbar bleiben. »Um den Temperaturanstieg zu stoppen und die Risiken für die nächsten Generationen zu verringern, müssen die globalen Treibhausgasemissionen in der Gesamtbilanz auf null sinken«, so Schmidt weiter. Das gehe aber nur, indem die Menschen aktiv das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnehmen. Denn manche Emissionen seien unvermeidbar, zum Beispiel in der Landwirtschaft, und um sie auszugleichen, müssten Lösungen gefunden werden.

Doch in der BRD gibt es auch Skepsis. Noch immer bemühen sich deutsche Politiker, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen. So sagte FDP-Chef Christian Lindner am Mittwoch den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, als »moralischer Weltmeister« werde Deutschland Länder wie China, Südamerika oder Indien nicht »für den Klimaschutz begeistern können«. Höchstens in der Bundesrepublik werde man auf diese Weise Einsparziele erreichen, »nachdem wir unsere wirtschaftliche Substanz, Jobs und soziale Absicherung für Millionen Menschen geopfert haben«.

https://www.jungewelt.de/artikel/406803.erderwärmung-rufe-nach-klimaschutz.html