22.07.2021 / Inland / Seite 5

Megadeal geplant

Berlin: Immobilienkonzern Akelius will Gros des Wohnungsbestands veräußern. Mieterinitiative fordert Rekommunalisierung

Oliver Rast

Noch klingt es vage: Der Vorstand des Immobilienkonzerns Akelius diskutiert über den Verkauf von Altbeständen. Speziell von Wohnungen in Berlin, aber auch von solchen in Schweden und in Dänemark. Entschieden sei noch nichts, beschwichtigte Hauptgeschäftsführer Ralf Spann am 23. Juni in einer knappen Mitteilung. Zumal bislang keine Verhandlungen mit Kaufinteressenten stattgefunden hätten, so der CEO weiter.

Aussagen, die keinesfalls beruhigen – und aktive Mieter auf den Plan rufen. Denn Spann brachte als potentielle Käufer Pensionsfonds ins Spiel, die als Anlageobjekte »Qualitätsimmobilien in zentralen Lagen« suchen. Und der Akelius-Boss blickt voraus, erwartet nach Abschluss der »Veräußerung« des Gros der Wohnbestände ein »sehr gutes Geschäft« für den Konzern. Immerhin geht es Branchenkennern zufolge um Immobilienwerte von etwa fünf Milliarden Euro. Weltweit besitzt Akelius nach eigenen Angaben Immobilien im Wert von zwölf Milliarden Euro.

Die Initiative »Akelius-Mieter*innenvernetzung« reagierte rasch. Am Mittwoch richtete sie eine Petition an das Berliner Abgeordnetenhaus, wie deren Sprecherin gleichentags gegenüber jW bestätigte. Ihre Forderung ist klar: Rekommunalisierung aller Berliner Häuser des Konzerns. Hierbei handelt es sich stadtweit um etwa 14.000 Wohneinheiten.

Wenn Akelius seine Planspiele ungehindert umsetze und Wohnungen an den höchstbietenden Anleger der Finanzindustrie weiterverkaufe, »treibt der Konzern die Immobilienspekulationsspirale ungehemmt an«, erklärten die Mieteraktivisten am Dienstag in einer Mitteilung. Die Folgen: Mieten­explosion samt Gentrifizierung. »Doch unser Wohnraum ist unser Zuhause und darf keine Anlage für Spekulanten sein«, betonten die Betroffenen.

Das Geschäftsmodell folgt einem immergleichen Muster: »Cherry picking«. Die Scouts des schwedischen Milliardärs und Firmengründers Roger Akelius picken sich gewissermaßen Filet­stücke bevorzugt in Innenstädten heraus, kaufen diese auf, erhöhen mittels neuer Farbanstriche Wohnstandards, treiben Mieten nach oben, um nach der Ausbeute die Bestände an potente Geldgeber zu veräußern. Alsdann geht »das Spiel« von vorne los.

Doch die Gegenwehr scheint zu wachsen, die Initiatoren der Petition werden unterstützt. »Akelius ist einer der aggressivsten Player in der Wohnungswirtschaft«, sagte Jochen Biedermann, Stadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Bürgerdienste in Berlin-Neukölln, am Mittwoch im jW-Gespräch. Der Bezirk versucht gegenzusteuern, über das Vorkaufsrecht für öffentlichen Wohnraum in sogenannten Milieuschutzgebieten etwa. Es brauche aber mehr, so Biedermann: ein Veräußerungsverbot für Wohnungen von öffentlichen Gesellschaften. »Das muss in der Berliner Landesverfassung fixiert werden.« Nur so könne der Kreislauf durchbrochen werden, in der Krise Wohnungsbestände billig zu verkaufen, um sie gegebenenfalls in »Boomzeiten« wieder teuer zu erwerben.

Deutliche Worte findet ferner die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe. »Alle Fakten des geplanten Megadeals von Akelius müssen auf den Tisch«, forderte sie am Mittwoch gegenüber jW. Und es dürfe nicht sein, dass die Häuser dem nächsten Renditemaximierer in die Hände fallen.

Die Misere hat eine Vorgeschichte. Ein erheblicher Teil des heutigen Akelius-Immobilienbestandes in Berlin »war noch vor 20 Jahren in öffentlicher Hand«, schreiben die Mieter­aktivisten. Die Wohnungen seien damals vom früheren »rot-roten« Senat »weit unter Wert« verkauft worden, um Haushaltslöcher zu stopfen. Das weiß auch Joachim Oellerich, Chefredakteur vom Mieterecho, der Zeitschrift der Berliner Mietergemeinschaft, der die Forderung nach kommunalem Wohnraum ausdrücklich verficht. Fraglich sei indes, sagte er am Mittwoch zu jW, ob der Petitionsausschuss der richtige Adressat für eine aktive Hilfe seitens des Senats sein könne. Davon unabhängig seien Zusammenschlüsse von Mietern ein zentraler Faktor, um politischen Druck zu verstärken. Ein Ansatz, den gleichfalls die »Mieter:innengewerkschaft Berlin« verfolgt. Und richtig: »Jeder teure Verkauf eines Hauses bedeutet steigende Mieten.« Damit müsse Schluss sein, betonten die Mietergewerkschafter auf jW-Nachfrage.

Die Petition an das Abgeordnetenhaus sei kein Endpunkt einer Kampagne, so die Sprecherin der »Akelius-Mieter*innenvernetzung«. Vielmehr solle die Landespolitik mit dem vorgesehenen Großverkauf konfrontiert werden. »Wir müssen gesamtstädtisch an die Wohnungsfrage rangehen«, sagte sie. Final gehe es darum, den in Rede stehenden Wohnungsbestand des Konzerns zu rekommunalisieren – und zwar »zu einem Preis weit unterhalb des spekulativen Marktpreises«. Nur so lasse sich das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen durchsetzen. Übrigens: Akelius wollte sich gegenüber jW nicht zur Geschäftspolitik des Konzerns äußern.

https://www.jungewelt.de/artikel/406802.wohnungswirtschaft-megadeal-geplant.html