08.07.2021 / Ansichten / Seite 8

Dem Debakel entkommen

Europäisches Mali-Abenteuer eskaliert

Jörg Kronauer

Desaströs ist sie, die Lage in Mali, wo Deutschland am Mittwoch die Führung des Ausbildungseinsatzes EUTM übernommen hat. Mehr als acht Jahre dauert die Militärintervention inzwischen an, zu deren Gesamtbild auch die UN-Operation Minusma sowie Kampfeinsätze insbesondere französischer Truppen zählen. Das Ergebnis? Die Lage wird von Jahr zu Jahr schlimmer; die weithin dschihadistisch geprägten Aufstände weiten sich immer mehr aus, von Nordmali zum einen auf das Zen­trum des Landes, zum anderen auf die Nachbarstaaten, vor allem auf Niger und Burkina Faso. Derzeit spitzt sich die Lage zu: Frankreich, das seine Kräfte längst überfordert hat, hat kürzlich angekündigt, möglichst viele seiner Soldaten in naher Zukunft abziehen zu wollen; eine deutsche Einheit ist von einem schweren Anschlag getroffen worden; die Proteste im Land gegen die Präsenz ausländischer Truppen nehmen zu. Und all dies wird auch noch überschattet von der Niederlage der westlichen Streitkräfte in Afghanistan, die unweigerlich die Frage aufdrängt, ob ihnen in Mali nicht dasselbe Schicksal droht.

Was tun? Zum einen hat das übliche »Blame game« begonnen, die Phase wechselseitiger Schuldzuschreibungen, die immer eintritt, wenn ein gemeinsames Vorhaben zu scheitern beginnt. Paris beschwert sich seit Monaten über mangelnde Unterstützung durch andere EU-Staaten. Berlin lässt Kritik an der französischen Militärstrategie erkennen. So richtig das der Sache nach ist – aus dem Mund deutscher Politiker ist es verlogen und falsch. Dass es der Bundesregierung gelungen ist, der Bundeswehr in Mali die weniger blutigen Aufgaben zuzuschustern, enthebt sie nicht der Mitverantwortung für die militärische Drecksarbeit, die sie anderen – in diesem Fall Frankreich – überlässt. Und: EUTM Mali und damit auch die Bundeswehr müssen sich die Frage gefallen lassen, wie es kommen kann, dass die von ihnen ausgebildeten malischen Militärs seit Jahren regelmäßig furchtbare Massaker an der Zivilbevölkerung anrichten.

Zum anderen werden inzwischen Forderungen laut, mit Blick auf das Scheitern der Intervention deren Ziele herunterzuschrauben. Man müsse klären, was man im Sahel »realistischerweise« erreichen könne, erklärte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Dienstag. Mal ganz abgesehen davon, dass sie damit nahelegt, die Bundesregierung führe in Mali seit acht Jahren Krieg, ohne sich über realistische Ziele Gedanken gemacht zu haben: Letztlich geht es darum, die eigenen Ansprüche zu senken, um gesichtswahrend aus dem Debakel herauszukommen. Die Leidtragenden sind die Menschen in Mali, denen Berlin, Paris und Brüssel einst großspurig das Blaue vom Himmel versprochen haben, die sich nun aber mit dem Desaster abfinden sollen, in das »wir Europäer« (Heiko Maas) sie mit dem Krieg gestürzt haben. Was EUTM Mali betrifft, findet die Kurskorrektur hin zu »realistischen Zielen« unter deutscher Führung statt.

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