28.06.2021 / Ausland / Seite 1

Ein Hauptzeuge gegen Assange packt aus

Zentraler Anklagepunkt der USA gegen Wikileaks-Gründer im Interview widerlegt

Ina Sembdner

Für den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden und den UN-Sonderberichterstatter über Folter, Nils Melzer, ist die Sache klar, wie sie auf Twitter bekundeten: »Dies ist das Ende des Verfahrens gegen Julian Assange.« Beide beziehen sich auf ein am Sonnabend von der isländischen Zeitung Stundin online veröffentlichtes Interview mit einem Hauptzeugen der US-Anklage gegen den Wikileaks-Gründer, die bei erzwungener Auslieferung auf eine Verurteilung zu 175 Jahren Hochsicherheitsgefängnis hinauslaufen könnte. Seit Anfang des Jahres bereitet das US-Justizministerium seine Berufung gegen die im Januar von einem britischen Gericht aus »humanitären Gründen« abgewiesene Auslieferung vor.

Sigurdur Ingi Thordarson, isländischer Staatsbürger und 2010 mit 17 Jahren Freiwilliger bei Wikileaks, hat sich demnach der US-Bundespolizei FBI für 5.000 US-Dollar als Informant angedient. Wie er nun gegenüber Stundin zugegeben hat, habe er wichtige Teile der Vorwürfe, auf die sich die US-Anklageschrift stützt, erfunden. Im Gegenzug sei ihm Immunität in bezug auf seine kriminellen Aktivitäten – Missbrauch Minderjähriger und weitreichender Finanzbetrug – versprochen worden.

In ihrem im Juni 2020 vorgelegten »Superseding indictment« hatte die US-Justiz den bereits bestehenden 18 Anklagepunkten keinen weiteren hinzugefügt, sondern »Beweise« vorgelegt, um Assange für das illegale Eindringen in Computer (Hacking) zu kriminalisieren. Der Wahrheitsgehalt der unter dem Punkt »Teenager, Manning und NATO-Land 1« enthaltenen Angaben wird nun von dem Hauptzeugen, auf dessen Aussage sie beruhen, direkt widerlegt, wie es bei Stundin heißt. Demnach fällt der Anklagepunkt, der explizit im Urteil zur Auslieferung aufrechterhalten worden war, in sich zusammen: Assange und Thordarson hätten einen »gemeinsamen Versuch« unternommen, eine aus einer isländischen Bank gestohlene Datei zu entschlüsseln.

Dass Thordarson durchaus Versuche unternommen hat, isländische Einrichtungen zu hacken, bestreitet er nicht – nur hatte weder Assange noch jemand anderes von Wikileaks etwas damit zu tun.

kurzelinks.de/Thordarson
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