03.05.2021 / Ausland / Seite 2

Sicherer Hafen gesucht

»Sea-Watch 4« mit 455 Geflüchteten an Bord. 600 Menschen gestoppt

Private Hilfsschiffe haben binnen weniger Tage Hunderte Flüchtende von überfüllten Booten in Seenot im Mittelmeer gerettet. Das Schiff »Ocean Viking« der Organisation SOS Méditerranée konnte am Sonnabend 236 Flüchtlinge, davon die Hälfte unbegleitete Minderjährige, in dem sizilianischen Hafen von Augusta an Land bringen. Die Organisation »Sea-Watch« wartet indes weiter darauf, einen Hafen von den Behörden zugewiesen zu bekommen. Angefragt wurden Italien und Malta. An Bord der »Sea-Watch 4« seien mittlerweile 455 gerettete Menschen, teilte die in Berlin ansässige Organisation auf Twitter in der Nacht zu Sonntag mit.

Zudem berichtete »Sea-Watch« in einer Pressemitteilung vom Sonnabend von einem »gefährlichen Manöver der sogenannten Libyschen Küstenwache« am Freitag, bei dem die beiden Schnellboote der »Sea-Watch 4« vom Erreichen eines Seenotfalls abgehalten wurden. Auf die Menschen im Schlauchboot sei eingeschlagen worden, um sie anschließend gegen ihren Willen zurück nach Libyen zu schleppen. Wenige Stunden später habe die Besatzung zwei weitere leere Schlauchboote entdeckt, deren Insassen ebenfalls in das Kriegsland zurückgeschleppt worden seien. Die »Küstenwache« bestätigte am Sonntag, dass innerhalb von 48 Stunden sechs Schlauchboote mit insgesamt mehr als 600 Flüchtlingen an Bord gestoppt wurden. Die Menschen seien zurück nach Libyen gebracht worden und sollten dort der Behörde zum Kampf gegen die Immigration übergeben werden, teilte die libysche Marine mit.

»Sea-Watch« erinnerte in der Pressemitteilung daran, dass der Bundestag vor weniger als zwei Wochen beschlossen hatte, die deutsche Beteiligung an der EU-Mission Irini im zentralen Mittelmeer für zwei weitere Jahre zu verlängern. Zentraler Bestandteil ist dabei auch die fortgesetzte Ausbildung der sogenannten Libyschen Küstenwache. »Diese im Bundestag legitimierte Gewalt hat verheerende Konsequenzen für Menschen auf der Flucht und ist ein erschütterndes Ergebnis europäischer Migrationspolitik«, heißt es in der Mitteilung. Und die Einsatzleiterin der »Sea-Watch 4«, Hannah Wallace Bowman, beklagte erneut den Druck, der auf den privaten Seenotrettern laste, da die EU die »tödlichste Seegrenze der Welt geschaffen hat«. (AFP/jW)

https://www.jungewelt.de/artikel/401604.eu-grenzregime-sicherer-hafen-gesucht.html