22.04.2021 / Sport / Seite 16

»Angestellte wechseln, Eintracht Frankfurt bleibt«

Gefühl und Verstand von Fußballfans im Profigeschäft. Gespräch mit Fanklubchefin Ina Kobuschinski

Andreas Müller

Fußballbundesligist Eintracht Frankfurt ist erstmals in seiner Geschichte auf Kurs in die Champions League. Trotzdem hat Sportdirektor Bruno Hübner seinen Vertrag nicht mehr verlängert. Sportvorstand Fredi Bobic und Trainer Adi Hütter gehen – gegen Ablöse – vorzeitig von Bord und wechseln zu Hertha BSC bzw. Borussia Mönchengladbach, obwohl sie bei der Eintracht bis 2023 unterschrieben hatten. Die Diskussionen unter den Fans müssen gerade sehr leidenschaftlich sein?

Ganz klar, dass die Debatte gerade sehr emotional geführt wird. Würde es keine Pandemie geben, und wir dürften ins Stadion, dann könnte sich jeder Fernsehzuschauer ein Bild davon machen. Ich könnte mir vorstellen, dass es dann im Stadion bei den Heimspielen zum Beispiel Gesänge oder Spruchbänder geben würde, die – gelinde gesagt – etwas unfreundlich ausfallen würden. Dieses unmittelbare Feedback von den Tribünen fehlt jetzt und wird durch die emotionale Diskussion vor allem in den sozialen Medien ersetzt. Wahrscheinlich wäre die Begleitmusik der Fans auch beim Bekanntwerden des Wechsels von Marco Rose von Gladbach zu Dortmund oder jetzt bei der Personalie Hansi Flick in München ganz anders, wenn die Bundesliga in vollen Stadien spielen dürfte.

Die Pandemie als prima Gelegenheit, das Trainerwechsel-gegen-Geld-Karussell anzuwerfen. Fühlen sich die Eintracht-Getreuen von Bobic und Hütter im Stich gelassen?

Es ist im Profifußball schon länger zu beobachten: Sobald sich irgendwo der sportliche Erfolg einstellt und jemand gute Arbeit leistet, weckt das bei anderen Vereinen Begehrlichkeiten. Für mich sind das zwei Angestellte, die sich ein neues Betätigungsfeld suchen und längst nicht mit soviel Herzblut unterwegs sind wie wir Fans. Fredi Bobic und Adi Hütter nehmen sogar in Kauf, dass sie mit der vorzeitigen Vertragsauflösung sportlich in der nächsten Saison vielleicht schlechter dastehen. Wenn es dumm läuft, findet sich Bobic mit Hertha BSC in der zweiten Bundesliga wieder und Hütter ist mit Gladbach nicht einmal international dabei. Das hat Potential für sehr viel Häme. Andererseits sollen dem Vernehmen nach beide bei ihren neuen »Arbeitgebern« ein paar Millionen mehr verdienen als in Frankfurt. Was soll’s, lasst sie ziehen. Viele unserer eigenen Fans haben außerdem schon vergessen, dass wir Hütter vor drei Jahren bei den Young Boys in Bern ebenfalls vorzeitig aus seinem Vertrag gekauft haben. Jetzt hat es uns mal genauso erwischt.

Das klingt gar nicht so sehr nach Emotion, eher rational und abgeklärt?

Die Fans sind ja nicht auf den Kopf gefallen und wissen, dass Profifußball längst ein riesiges Geschäft geworden ist. Ich persönlich nehme das alles relativ gelassen, bin ja schon etwas abgehärtet, habe ein bisschen Distanz nach allem, was ich im Laufe der Jahre miterlebte. Seit 1995 bin ich im Besitz einer Dauerkarte und habe bis zur Pandemie und den »Geisterspielen« nur ein einziges Heimspiel verpasst, weil der DFB eine »Blocksperre« verhängte und wir nicht ins Stadion durften. Da haben wir das Spiel gemeinsam im Fanhaus angeschaut. Die wichtigste Erkenntnis über die Jahre hinweg ist: Trainer und Manager wechseln, Eintracht Frankfurt bleibt.

Sie meinen die Fan-Base?

Der Stammverein ist für die Fans das entscheidende Element für die Identifikation. Er verbindet sämtliche Fangruppierungen miteinander und sorgt für ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das bei der Eintracht mit ihren insgesamt 90.000 Vereinsmitgliedern ganz besonders ausgeprägt ist. Dieses Kulturgut ist das Herzstück von allem. Der Fußball, die Profiabteilung, das Team, die Spiele und der Tabellenplatz bilden einen Kern, um den sich nach unserem Verständnis das Wesentliche gruppiert. Es gibt nicht wenige von uns, die behaupten: Eintracht Frankfurt, das sind eigentlich nur die Fans.

Sind die beiden Abtrünnigen jetzt bei den treuen Anhängern unten durch, oder werden sie für das Duo zum Saisonende noch den roten Teppich ausrollen?

Beides ist möglich, das hängt von den Ergebnissen der restlichen Spiele bis zum Saisonende ab. Die Fans haben nicht vergessen, dass wir mit Bobic und Hütter in den letzten Jahren und besonders in der Euro-League eine großartige Zeit hatten. Andererseits kann die Situation schnell eskalieren, wenn nach der 0:4-Klatsche am vorigen Wochenende in Mönchengladbach weitere Enttäuschungen folgen sollten. Wir hoffen, dass sich die Mannschaft von diesen Personalien nicht beeindrucken lässt und sich wieder fängt. Wonach es ja nach dem 2:0 gegen Augsburg am Dienstag zum Glück aussieht. Wir als Fanvertreter sind daran interessiert, dass wir insgesamt die Ruhe bewahren. Alles andere würde die Suche nach adäquaten Nachfolgern wahrscheinlich eher erschweren. Außerdem haben wir mit den Plänen zur neuen europäischen »Super League« gerade gemerkt, dass es im Fußball viel größere Probleme gibt als unsere in Frankfurt.

Was hält der Eintracht-Anhang von diesen Plänen?

Wenn man sieht, was da passiert, kriegt man das Kotzen. Das ist völlig irre. Man ist sprachlos und steht fassungslos davor, was diese Klubs sich in ihrer unendlichen Geldgier erlauben. Schnell hatte bei uns die Runde gemacht, was der frühere englische Nationalspieler Gary Neville dazu sagte. Diese Pläne sind »ein krimineller Akt« gegen den Fußball und seine Fans, das ist eine Schande! Damit hat er es gut auf den Punkt gebracht, uns aus dem Herzen gesprochen.

Ina Kobuschinski ist seit 2014 hauptberuflich Vorsitzende und Sprecherin des Fanklubverbandes der Frankfurter Eintracht, dem mehr als 1.000 Klubs mit insgesamt rund 50.000 Mitgliedern ­angehören.

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