22.04.2021 / Feuilleton / Seite 10

Erdnüsse für Lolly-Maus

Eine Sommeridylle

Michael Bittner

Die Sonne scheint, und auch die Seuche scheint beinahe besiegt in diesem Spätsommer 2020. Ich sitze am Abend vor der Fußballkneipe »Lolly-Pub«. Es gib hier in diesem Viertel von Berlin, das Kiez zu nennen ich als Zugezogener noch nicht wage, keinen schöneren Ort, um ein Feierabendbier zu trinken. Man kann das hier guten Gewissens tun, selbst wenn man vorm Feierabend gar nicht gearbeitet hat und ihn dennoch schon um drei Uhr nachmittags einläutet. Der Platz vor der Samariterkirche hat keinen Namen, aber er ist das Herz des Viertels. Hier kreuzen sich die Samariterstraße, deren Kopfsteinpflaster unverdrossen der Moderne trotzt, und die breite Bänschstraße, in deren Mitte ein begrünter Spazierweg für Mensch und Hund verläuft. Die Bänschstraße ist benannt nach einem Schlosser namens Willi, der als Antifaschist 1944 von den Nazis ermordet wurde. Das ganze Arbeiterviertel südlich des Zentralschlachthofes galt immer schon als oppositionell, so wie auch die Gemeinde der Samariterkirche. Heute leisten noch einige Hausgemeinschaften unten in der Rigaer Straße Widerstand gegen die Immobilienwirtschaft.

Rosi kommt und begrüßt mich. Sofort muss ich meine Hände vorzeigen wie früher der Erzieherin zur Kontrolle im Kindergarten. Sie sprüht, ohne weiter was zu sagen, Desinfektionsmittel in meine Handflächen. Die Stammgäste des Lokals kennen dieses Ritual längst, nur Erstbesucher verstört es noch. Rosi fragt nach meinem Wunsch, während sie das Klemmbrett mit dem Formular vor mir auf den Tisch legt. Ich bestelle ein Budweiser und mache mich daran, einmal mehr meine persönlichen Daten einzutragen. Es soll Leute geben, die haben die Kühnheit, in solche Formulare falsche Angaben zu schreiben, um der Coronadiktatur eins auszuwischen. Ich nicht, ich unterwerfe mich widerstandslos, allerdings weniger der Staatsmacht als Rosis Strenge.

Ich sitze oft hier in diesem trügerischen Sommer zwischen zwei Wellen, den ich sonst notgedrungen fast durchweg daheim verbringe. Es wird mir nicht langweilig dabei, von meinem Tisch aus die Menschen anzuschauen, die vorüberlaufen: ganz gewöhnliche Nachbarn mit gefüllten Lidl-Tüten, junge Männer und alte Damen mit ihren Hunden, kleine Gruppen von Studentinnen und Studenten, die Englisch oder Spanisch sprechen. Sie zieht es in die Bar, die vor einem Jahr eine Straße weiter eröffnet hat und nun stets überfüllt ist. Auch dort lässt es sich aushalten, wenn man sich nicht daran stört, der Älteste im Raum zu sein und der einzige ohne Tätowierung. ­Anstrengend sind allenfalls die jungen Kellnerinnen und Kellner, die sich Mühe geben, jeden Gast merken zu lassen, dass sie in Wahrheit etwas ganz anderes sind als Kellnerinnen und Kellner. Rosi stellt mir mein Budweiser auf den Tisch und wirkt dabei nicht so, als wäre sie mit ihren Gedanken nicht beim Bier, sondern bei den Plänen zu ihrem neuen Videoperformanceprojekt. Aus der offenen Tür der Sportsbar dringen zuverlässig die größten Hits der Achtziger und Neunziger: »Moonlight ­Shadow«, »Losing my Religion«, »Self Control«. Hier ist man noch sicher vorm neuesten Deutschpop mit poetischen Texten.

Am Tisch hinter mir reden zwei Arbeiter über das letzte Scharmützel der Autonomen in der Rigaer Straße mit der Polizei. Einer flucht über die Chaoten, aber der andere hat überraschend viel Sympathie. »Das ist unser Haus, ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist nun mal meine Musik, tut mir leid!« sagt er. Sein Kollege ist zunächst verdutzt, setzt dann doch seine Tirade unverdrossen fort: »Was wollen diese Typen überhaupt? Dann werden die noch gefeiert, wie mit dieser Silvio-Meier-Straße da unten bei der Frankfurter Allee. Wieso benennt man nach irgendeinem Punker eine Straße? Ist das jetzt eine Leistung, abgestochen zu werden?« Ein junges Paar bleibt vor meinem Tisch auf dem Gehsteig stehen und äugt unschlüssig umher. Die beiden sind offenbar auf der Suche nach einem Platz in der Abendsonne, vor den angesagteren Lokalen haben sie keinen mehr gefunden. Ganz hinten sitzt ein einsamer Trinker, der mal lauter, mal leiser mit sich selbst redet. Endlich geben die beiden sich einen Ruck und setzen sich. Es dauert nur einige Augenblicke, da werden sie schon von Rosi begrüßt und desinfiziert. Nachdem diese ersten jungen Leute sich gesetzt haben, kommen bald noch weitere Sonnensucher dazu. Der letzte Sommerabend führt das sonst Getrennte zusammen.

Wieder einmal bremst ein Auto plötzlich auf der Samariterstraße, überrascht von den Pollern, die neuerdings auf Höhe der Kirche die Durchfahrt blockieren. Der Friedrichshainer Pollerkampf – derzeit größte gesellschaftliche Auseinandersetzung im Viertel. Um den unerwünschten Durchgangsverkehr zu beenden, hat der Bezirk über Nacht Poller aufstellen lassen. Nun rast zwar niemand mehr die Samariterstraße hinab zur Frankfurter Allee, dafür irren viele Autofahrer durch die Nebenstraßen, um einen Weg zu finden, der sie wieder aus dem Labyrinth hinausführt. Motorisierte Anwohner und Gewerbetreibende beschweren sich über zusätzliche Wege. Leute, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, loben den Gewinn von Sicherheit durch die Entschleunigung der motorisierten Konkurrenz. Es gab auch eine Einwohnerversammlung zum Thema, aber ich bin nicht hingegangen. Gibt es Langweiligeres als Diskussionen, bei denen bloß entgegengesetzte Egoismen aufeinanderprallen? Ginge es in der Politik überhaupt nur um den Kampf aller für ihre eigenen Interessen, dann wäre sie nichts, womit sich ein Mensch mit Geschmack beschäftigen müsste.

Unter dem Betonsockel des großen Sonnenschirms huscht eine graue Maus hervor. Sie schnuppert ein Weilchen mit der Nase in der Luft, dann flitzt sie an meinen Füßen vorbei hinüber in den Grasstreifen an der Straße. »Das ist unsere Lolly-Maus«, sagt Rosi. »Die lebt hier schon länger unter dem Schirm.« Rosi holt von drinnen Erdnüsse und schüttet sie in ein kleines Schälchen neben der Eingangstür. Etwas später huscht die Maus tatsächlich an der Wand entlang zum Futter und beginnt zu nagen. Immer wieder hebt sie den Kopf und blickt sich ängstlich um. Aber wir tun ihr nichts, hier sind alle willkommen, wir schauen ihr nur zu. »Bloß rein darf sie nicht«, sagt Rosi, dann dreht sie sich zu dem einsamen Trinker ganz hinten um: »Willst du noch eins?« Im grauen Gesicht des alleinsitzenden Mannes strahlt Freunde auf. »Ja, klar!«

Kurz nach zehn ruft Rosi die letzte Runde aus. »Um elf muss es hier draußen ruhig sein«, erklärt sie den Gästen, die noch nicht Bescheid wissen. »Drüben auf der anderen Straßenseite wohnt einer, der meldet uns regelmäßig beim Ordnungsamt. Fußball dürfen wir draußen schon keinen mehr zeigen. Wenn wir nicht aufpassen, machen sie uns die Terrasse ganz dicht.« »Ist schon scheiße mit solchen Typen«, stellt einer der Stammgäste fest. »Aber was willste machen?« Rosi schüttelt den Kopf: »Ich zieh’ nach Berlin, und dann wundere ich mich drüber, dass es da nicht so leise ist wie auf’m Dorf. Ich frag’ mich, was in so einem Kopf vorgeht.«

Rosi kommt an meinem Tisch vorbei: »Trinkst du noch eins?« – »Ein kleines«, sage ich. »Man muss ja die letzte Chance nutzen. Ab morgen soll’s kalt werden und regnen, hab’ ich gelesen.« »Da freu’ ich mich vielleicht drauf!« stöhnt Rosi. »Dann muss ich wieder die ganze Zeit drin hocken in dem Zigarettenqualm. Aber ich lass’ die Fenster offen. Und die bleiben auch offen, da können sich die Männer auf den Kopf stellen.« Nachdem ich mein Abschiedsbier getrunken habe, zahle ich, die Maske im Gesicht, bei Rosi an der Bar. Ich verabschiede mich, ohne zu wissen, dass ich mich für lange verabschiede. Ich laufe durch die laue Nacht nach Hause und sehe im Dunkel die Welle nicht, die sich am Horizont nähert. Sie wird bald alles hier unter sich begraben: die Sportsbar mit Mann und Maus. Hoffentlich nicht für immer.

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