22.04.2021 / Ausland / Seite 7

Wie zu Zeiten des Bürgerkriegs

Guatemala: Angriff auf linken Abgeordneten weckt Erinnerung an Repression während der 80er Jahre

Thorben Austen, Quetzaltenango

In Guatemala-Stadt ist es am Montag zu einem Angriff auf den Abgeordneten und LGBT-Aktivisten Aldo Dávila gekommen. In einer im Internet kursierenden Videoaufnahme einer Überwachungskamera ist der Tathergang festgehalten. Zu sehen ist, wie Dávilas Auto an einer roten Ampel zum Stehen kommt. Daraufhin wird es von drei bewaffneten Männern angegriffen. Personenschützer des Abgeordneten können den Angriff jedoch abwehren. Dabei wurde einer der Angreifer verletzt, Dávila und seine Mitarbeiter nahmen keinen körperlichen Schaden.

Das Motiv der Täter ist bislang noch nicht eindeutig geklärt. Offiziell ist von einem versuchten Raubüberfall die Rede. Tatsächlich ist die Gegend im historischen Zentrum von Guatemala-Stadt, wo sich der Angriff ereignete, für Raubüberfälle bekannt, wie auch Dávila am Dienstag gegenüber junge Welt äußerte. Allerdings gibt es auch Zweifel an der Version. »Ich selbst wurde schon mehrfach überfallen. Normalerweise halten die bewaffneten Täter Abstand und fordern zum Beispiel das Handy. Diejenigen am Montag näherten sich aber unmittelbar unserem Fahrzeug und haben ›Da kommen sie‹ gerufen«, beschrieb der Abgeordnete den Tathergang. Er selbst gehe von einem politischen Motiv der Angreifer aus.

Nach einem öffentlichen Disput mit dem rechten Staatspräsidenten Alejandro Giammattei im März des vergangenen Jahres über die Höhe der Todeszahlen in der Coronapandemie sei er von diesem als »groteske Person« beleidigt worden. Kurz darauf habe er Drohungen per SMS und Whats-App erhalten und sei von unbekannten Personen verfolgt worden, beschreibt Dávila die Situation gegenüber junge Welt. Aufgrund der Drohungen gegen ihn und seine Familie habe er Personenschutz beantragt und auch bekommen. Von einem schnellen Ermittlungserfolg zu dem nun erfolgten Angriff geht er jedoch nicht aus: »Die Staatsanwaltschaft ermittelt mal sehr schnell, mal sehr langsam. Ich bin Abgeordneter der Opposition, es wird wohl langsam gehen.«

Dávila sitzt seit dieser Legislaturperiode für die linke Winaq im Parlament, das Mandat gewann er als Spitzenkandidat der Partei für den Hauptstadtbezirk. Winaq (Maya Quiché für »Leute«) wurde im März 2009 gegründet. Zum Selbstverständnis der Partei heißt es: »Winaq ist ein Prozess der politischen Mobilisierung der Völker Guatemalas, dessen grundlegender Zweck darin besteht, den Staat und die Gesellschaft aus einer ethischen, integrativen, partizipativen und plurikulturellen Perspektive zu verändern, auf Grundlage der Menschenrechte und der Rechte der indigenen Völker.«

Nur Stunden nach dem Angriff auf Dávila veröffentlichte die Landarbeiterorganisation »Bauernkomitee des Hochlandes« (CCDA) im Internet eine Videomitteilung. In dieser drückt ein CCDA-Sprecher seine Solidarität mit dem Abgeordneten aus und erklärt, »der Pakt der Korrupten, die organisierte Kriminalität, die Mafia im Land fühlen sich bedroht durch die mutige Arbeit von Aldo Dávila«. Zudem wird auf einen Mord und einen Anschlag, bei dem eine Person schwer verletzt worden war, gegen Mitglieder des Bauernkomitees während der vergangenen Monate hingewiesen. Der nun erfolgte Angriff bereite besonders Grund zur Sorge, da »das, was auf dem Land passiert, jetzt auch wieder am hellichten Tage mitten in der Hauptstadt möglich ist« – eine Erinnerung an vergangene Jahrzehnte. Auch Dávila forderte auf seiner Facebook-Seite: »Kein Zurück in die 80er Jahre.« Damals hatte der 36jährige Bürgerkrieg in Guatemala seinen Höhepunkt erreicht, Morde an Oppositionellen waren an der Tagesordnung.

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