01.04.2021 / Inland / Seite 5

»Sollen die Schnauze halten«

Lieferando: Intransparentes Geschäftsgebaren und Risikoabwälzung auf Rider. Ein Gespräch mit Semih Yalcin

Elmar Wigand

Lieferando ist in den Städten allerorts präsent. Was stört Sie als Betriebsrat an der »Unternehmensphilosophie« des Fahrradlieferdienstes?

Die Fahrer sind abgekapselt vom Rest des Unternehmens. Wir haben in vielen Städten Betriebsräte gegründet, wissen aber nicht, was in Amsterdam und Berlin los ist, wo die wesentlichen Entscheidungen getroffen werden. Der Arbeitgeber versucht uns da so lange wie möglich rauszuhalten. Wir sollen die Bestellungen fahren, nach Hause gehen und die Schnauze halten.

Dabei haben wir nicht dieselben Vorteile wie ein Büromitarbeiter. Wir tragen Risiken und Kosten. Indem man private Arbeitsmittel einbringt, ein Fahrrad, ein Smartphone, eine Mailadresse, geht man in Vorleistung und übernimmt Kosten, die das Unternehmen hätte tragen müssen.

Der Arbeitsalltag, wie sieht der aus?

Wenn man eine Beschwerde hat, zum Beispiel: »Ich habe zuwenig Lohn gekriegt!«, dann schreibt man eine Mail, auf die oft nicht reagiert wird. Oder sie sagen: »Wir zahlen dir das mit der nächsten Abrechnung aus.« Aber es kommt dann nix. Die Ungerechtigkeit ist unter anderem diese Intransparenz.

Es gibt in den Stationen vor Ort zwar auch gute, engagierte Koordinatoren, die den Leuten helfen wollen. Aber deren Anweisungen widersprechen zum Teil sogar geltendem Recht. Da werden Schichten nicht bezahlt, Krankheitstage rausgenommen. Wenn man sie fragt: »Hey, warum ist mein Urlaubsgeld so niedrig?«, können die das oft gar nicht beantworten. Da hat irgendwie die Zentrale ihre Finger im Spiel, und sie selbst sind hilflos.

Der Algorithmus kontrolliert die Fahrer. Was verbirgt sich hinter der zentralen Auslieferungsapp Scoober?

Hier loggen sich die Fahrer ein und starten ihre Schicht. Hier wird der Transport vom Restaurant zum Kunden koordiniert. Scoober ist eine Eigenentwicklung, aber dahinter stecken gängige Onlineriesen wie Amazon und Google. Es gibt immer wieder Updates für diese App, und wir wissen nicht, was die genau bewirken. Erweitern sich die Möglichkeiten, die Fahrer zu kontrollieren? Und es bleibt natürlich eine Frage des Datenschutzes. Dazu haben wir jetzt eine Arbeitsgruppe gebildet.

Und mit Wolt betritt hierzulande ein weiterer Lieferdienst die Bühne. Wie würden Sie dessen Geschäftsmethoden beschreiben?

Ich sehe hier eine Parallele zum Anfang von Lieferando. Sie schauen, was bei den Konkurrenten schiefläuft. Damals hatte Deliveroo Scheinselbständige, also: Geben wir den Fahrern doch befristete Arbeitsverträge. Die Leute mussten bei Foodora und Deliveroo eigene Arbeitsmittel mitbringen, also: Wir geben ihnen mal E-Bikes. Die Bezahlung ist schlecht, also: Geben wir einen Euro mehr. Damit hat Lieferando den Kampf um die Fahrer gewonnen und den deutschen Markt erobert. Bei Wolt dürfte es ähnlich laufen. Erst mal über Mundpropaganda verbreiten: »Hey, probiert’s mal bei uns.« Solange die Flotte klein ist, wird die Atmosphäre eher gut sein. Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Bestellzahlen so hoch werden, dass Wolt immer mehr Leute rekrutieren muss. Das mag etwa zwei Jahre dauern. Dann ist der Bekanntheitsgrad so hoch, dass die Leute von selbst kommen. Dann dürfte aber auch der Umgang mit den Beschäftigten rauher werden.

Semih Yalcin ist Betriebsratsvorsitzender bei Lieferando in Köln. Der NGG-Gewerkschafter gründete bei Foodora 2018 den ersten deutschen Betriebsrat eines großen Fahrradlieferdienstes

https://www.jungewelt.de/artikel/399849.serie-unsere-armut-ihre-profite-sollen-die-schnauze-halten.html