18.03.2021 / Thema / Seite 12

Die geimpfte Nation

Debakel? Nationalismus? Germany first? Ein Land versorgt sich mit Vakzinen und sieht die anderen Staaten seiner Preisklasse als Rivalen im Rennen um den besten Ausgang aus der Pandemie

Theo Wentzke

Ende Dezember, mitten im etwas freudlosen Weihnachtslockdown, beginnt das große Impfen in Deutschland und Europa. Und bevor die deutschen Bürger ihren Termin erfahren und eine Kanüle zu Gesicht bekommen, impfen sie Merkel und Co vorab mit der salbungsvollen Botschaft, dass Vernunft und Vertrauen der Bevölkerung in die Pandemiepolitik nun mit dem Vakzin belohnt werden. Dank der tatkräftigen Regierung ist die »große Hoffnung« angesagt, dass es mit den staatlichen Beschränkungen, unter denen die bürgerliche Existenz so leidet, demnächst ein Ende hat und es endlich »eine Perspektive« gibt.

Diese Aussicht wird ausdrücklich mit Europa verknüpft: Deutschland verzichtet auf nationale Alleingänge und überantwortet Beschaffung und Verteilung des Impfstoffs der EU-Kommission, so dass jetzt auch noch eine »große Stunde für Europa« schlägt, ein »berührender Moment der Einigkeit und Solidarität« (EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen) anbricht, der, so wie die 60 Nationalitäten im Biontech-Konzern, zeigt, »dass es die europäische und internationale Zusammenarbeit, dass es die Kraft der Vielfalt ist, die den Fortschritt bringt« (Merkel, Neujahrsansprache). Daneben lebt Deutschland gleich auch noch den »Multilateralismus« vor – mit Finanzierung der UN-Initiative Covax, die die internationale Verteilung der Dosen übernimmt und für weltweite »Impfgerechtigkeit« gegenüber der ärmeren Staatenwelt sorge – in wohltuender Abgrenzung von dem egoistischen »Impfnationalismus« der von Trump geführten USA …

»Kritische Fragen«

Natürlich vergessen Deutschlands Regierende darüber nicht, ihren vom Lockdown gestressten Patrioten mitzuteilen, dass dieser eingeschlagene Weg »uns« letztlich irgendwie »am meisten nützt« und Europa der beste Weg ist, »dass wir stärker aus der Krise herauskommen als ...«. Aber mit dem schönen Lobpreis der Regierung auf sich und auf die gelebte internationale Solidarität inklusive Rücksicht auf »unsere ärmeren Partner« ist eben auch das Feld bestellt für die sorgfältige Prüfung von untennicht, was es sachlich bedeutet, zig Millionen in ein paar Monaten durchzuimpfen. Das ist langweilig. Die eifersüchtige Prüfung, die stellvertretend für die Bürger die demokratische Öffentlichkeit übernimmt, fasst das inszenierte politische Versprechen der Regierenden auf entschlossene Tatkraft und gute Führung für die Nation ins Auge; und da reicht es schon, dass Anfang Januar die 450 Impfhallen noch leer stehen, um ein politisches Desaster allergrößten Ausmaßes zu diagnostizieren:

»Wer derzeit kritische Fragen stellt, warum Deutschland zu diesem Zeitpunkt zu wenig Impfstoff hat, warum man die lebenswichtige Bestellung einer offenkundig überforderten EU-Kommissarin aus Zypern überließ, wird als ›Impfstoffnationalist‹ verunglimpft.

Für unser Land in verzweifelter Lage das Beste zu wollen, das ist kein Nationalismus. Das ist es, was unsere Bundeskanzlerin in ihrem Amtseid geschworen hat.

Es werden Menschen sterben, weil sie nicht geimpft sind, obwohl sie schon geimpft sein könnten. Sie werden nicht geimpft, weil es nicht genug Impfstoff gibt. Nicht in Deutschland, nicht in Europa. Anderswo schon. Importiert aus Deutschland.

Es war Kanzlerin Merkel, die alleine und gegen anderen Rat entschieden hat, die Beschaffung des Impfstoffs der EU zu überlassen. Sie übersah dabei, dass die EU-Verwaltung nicht effizient genug ist, um ihr die Verantwortung für unzählige Menschenleben in Deutschland und Europa zu übertragen.

Im internationalen Vergleich hat die EU bei dieser historischen Aufgabe versagt. Sie verwaltet den Mangel solidarisch. Anstatt Hilfe pragmatisch und schnell zu organisieren.

Wie genau es zu diesem Impfstoffdebakel kam – dazu schweigt die Kanzlerin bisher.

Angela Merkel sollte sich dazu erklären. Das ist sie besonders all den alten Menschen schuldig, die in diesen Tagen um ihr Leben fürchten, weil sie nicht geimpft werden können.

Noch kann die Kanzlerin die Fehler der Vergangenheit nicht nur erklären, sondern auch mit aller Kraft korrigieren. Das hätte wahre Größe.« (Bild, 3.1.21)

Ehre, wem Ehre gebührt. Schärfste Regierungskritikerin zu Beginn des Jahres ist Bild. Das Blatt stellt mit seinen »kritischen Fragen« an die deutsche Regierung von Anfang an klar, dass es sich seine Kritik bzw. seinen Standpunkt nicht durch moralische Ächtung als Nationalismus wegnehmen lässt. Was es dann vehement im Totalversagen der Merkel-Regierung, das nahe an den Bruch des Amtseides, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, heranreicht, einklagt, ist nichts als der Egoismus der deutschen Nation – aber eben ausgedrückt als das wohlverstandene Gesundheitsinteresse der Menschen, gegen Covid-19 geimpft zu werden.

Worauf Bild da bauen kann, wenn sie täglich betagte Menschen, die um ihr Leben fürchten, als Kronzeugen ihrer Vorwürfe auf ihre Schlagzeilen zerrt, ist die tatsächliche Abhängigkeit der Volksgesundheit vom mehr oder weniger machtvollen Wirken der jeweiligen Staatsgewalt, die sich gegen ihresgleichen in der Frage der schnellstmöglichen Verfügung über den Impfstoff behaupten will. Und davon, vom Vergleich, wie die eigene Macht darin abschneidet, lebt die ganze Aufgeregtheit. Dass die Menschen, ob jung, ob alt, in diese staatliche Schlacht, gern auch »Wettlauf« oder »Rennen« genannt, um Krisenbewältigung so verwickelt sind, dass das Impfen am Ende tatsächlich irgendwie davon abhängt, ob Geld und Gewalt der eigenen Staatsmacht für die Beschlagnahmung gegen andere Staaten ausreichen – diese gemütlichen Umstände werfen bei Bild keine »kritischen Fragen« auf. Davon geht man in dem Blatt aus und hat im Impfen den Stoff und die Gelegenheit gefunden, den Menschen den unumschränkten nationalen Egoismus deutscher Macht als medizinische Dienstleistung nahezubringen. Vor dieser Vorstellung nimmt sich der Verzicht auf eine nationale Regelung zugunsten einer EU-Impfallianz wie eine einzige Verweigerungshaltung Merkels aus, die vorhandenen deutschen Machtpotenzen – wir haben doch den Impfstoff erfunden, wir sind doch hier unbestritten die mächtigste Nation usw. usf. – entschlossen gegen andere und exklusiv für das deutsche Volk einzusetzen. Das präsentiert Bild dem Publikum als »kritische Frage«, wenn Impftermine nach hinten verschoben werden: Ob sich seine Herrschaft in ihrem nationalen Vorrecht als unbezweifelbare Schutzmacht seines wohlverstandenen Überlebens- und Gesundheitsinteresses betätigt: »Germany first!« – mit gutem Gesundheitsgewissen und ohne jede Anrüchigkeit sozusagen.

Politischer Nationalsport

Der Bild-Standpunkt verstetigt sich in gewisser Weise zum politischen Nationalsport. Der täglich veröffentlichte Vergleich der internationalen Impfquoten führt noch dem letzten kontaktbeschränkten Bürger vor Augen, wo »wir« in Europa und der Welt überhaupt stehen. Die Zahl sieht »uns«, die wohlwollende Gesundheitsgroßmacht Deutschland, den Miterfinder des wirksamsten Impfstoffs, in der Tabelle weit abgeschlagen hinter Israel, den USA und – ausgerechnet! – Großbritannien. Dass der hintere Platz für Deutschland eine Schmach und Missgunst eine patriotische Tugend ist, die man in der Demokratie zum Downsizen des Konkurrenten ausnützen kann, das leuchtet den mitregierenden Sozialdemokraten natürlich ein: Sie schlagen sich ein wenig auf die Seite der Opposition und stellen Merkel »kritische Fragen« zum Verhältnis von Europa und deutschem Nutzen, so dass alle bislang gepriesenen Kalküle der Europäischen Union mit dem Impfen zu einer einzigen Fehlerkette werden, die »uns« ins Hintertreffen bringen musste: Gründlichkeit bei der Zulassung des Impfstoffs durch die europäische Behörde, um Impfvertrauen bei der Bevölkerung zu generieren – ein unverzeihlicher Fehler dank fehlender Risikobereitschaft! Die Rücksichtnahme auf die mangelnde Zahlungsfähigkeit im europäischen Armenhaus bei der Auswahl des billigeren Astra-Zeneca-Impfstoffs – unverantwortlicher Geiz an der ganz falschen Stelle! Das Exportversprechen an auswärtige Staaten – Dokument europäischer Naivität … usw. usf.

Die verzögerte Auslieferung von 50 Millionen Impfdosen – irgendwo hakt es mit der Produktion – durch den schwedisch-britischen Konzern Astra-Zeneca schärft die giftige Unzufriedenheit mit dem europäischen Führungspersonal. Den vereinigten Nationalisten Europas ist vollkommen klar, dass hier die erste »Post-Brexit-Schlacht« (SZ, 28.1.21) zwischen EU und Großbritannien geschlagen wird: Impfstoff – entweder für die Briten oder für uns! Und in dieser gemütlichen Stimmungslage hat sich die EU-Kommission, die sich auch nicht so gerne Unfähigkeit im Gebrauch europäischer Macht nachsagen lässt, zu bewähren. Jedenfalls verschärft sie ihrerseits den Tonfall, mit dem sie erstens Astra-Zeneca und zweitens der britischen Regierung klarmacht, dass sie sich die Verkürzung europäischer Vorrechte auf Impfstoff nicht bieten lässt. Anhand der Veröffentlichung geschwärzter Vertragsseiten und dem weiteren Verlauf der Affäre könnten sich die aufgeregten Massen dann allerdings die Rolle erklären lassen, die für sie in diesem Impftheater reserviert ist: Der wirkliche politökonomische Gehalt der Rechte und Verträge mit dem Multi, wie ihn die Kommission mit ihrem Kontrahenten dann letztlich aushandelt, ist die Sache von politischen und kapitalistischen Funktionären und geht das einfache Volk praktisch nichts an.

Bei jeder nachverhandelten Impfcharge dürfen sich die Menschen aber Rechenschaft darüber ablegen, ob ihr ideelles Recht auf eine zupackende europäische Führung, welche »uns« nützt und die Briten und ihren Johnson Mores lehrt, von EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides und von der Leyen redlich bedient wird. Ansonsten können sich die aufgewiegelten Bürger beim Warten auf die Impfung ihre Zeit mit dem Austausch patriotischer Gehässigkeiten vertreiben. Und da bleibt es ganz dem individuellen Geschmack überlassen, ob man die Häme der Briten über das deutsche »Impfdesaster« (»Diesen Sommer keine deutschen Handtücher! Mallorca gehört uns!«, Bild, 8.2.21) als weiteren Beleg für die Unfähigkeit des eigenen Führungspersonals nimmt oder postwendend an die Briten zurückreicht, wenn man sie an ihre hohen Opferzahlen und ihre innere Zerstrittenheit zwischen Londoner Zentrale und schottischen Separatisten als ihre drohende zukünftige Schwäche genussvoll erinnert.

Die Sorgen der Edelpatrioten

Der etwas gehobenere Geschmack darf sich die Räsonnements volkswirtschaftlicher Experten zu Gemüte führen, die auf ihre Art ganz zwanglos darauf zurückkommen, dass das Impfen der Menschheit eine Frage von Geld und Gewalt ist. Auch wenn sich die wirklich Zuständigen letztlich darauf geeinigt haben, dass die jetzt verfügbare Impfstoffmenge an den beschränkten Produktionskapazitäten hängt, werfen einige VWL-Professoren noch lange nicht ihre Dogmen über den Haufen und plädieren auf »marktbasierte Anreize«: Mehr Geld wäre die Lösung; und wie lohnend das wäre, unterstreichen sie mit einer einfachen Division: Weltpandemieschaden geteilt durch Impfdosen gleich gesellschaftlicher Nutzen einer Impfung. Eine vielleicht fiktive Gleichung, die aber deutlich genug macht, worauf es letztlich ankommt: Gesundheit, die man wie das Leben natürlich nicht mit Geld aufwiegen kann, hat ihre letzte Rechtfertigung im damit verdienten Geld. Anderen Ökonomen fällt zur Impfstoffknappheit das »Modell einer Corona-›Kriegswirtschaft‹« ein, in der zeitweise die Patentrechte der Konzerne außer Kraft gesetzt werden könnten: Was sie sonst als marktfremden und eigentumsschädlichen Eingriff einer rohen staatlichen Zwangsgewalt geißeln, avanciert nun zur vorsorgenden Maßnahme einer umsichtig planenden Staatsmacht.

Die Kanzlerin selbst als die zweite Zielscheibe der Kritik lässt aus dem eifersüchtigen Gezeter um »unseren« Impfstoff zunächst etwas die Luft raus, indem sie die Sache demokratisch sauber in eine Demonstration ihrer Führung übersetzt und das Problem mit einer Einladung zu einem nationalen Impfgipfel grundsätzlich anerkennt. Dort gibt sie ihren Wutbürgern in deren nationalistischer Erregung etwas recht – »Das wurmt einen natürlich«, räumt sie ein, wenn andere Nationen beim Impfen schneller sind als »wir« – , um dann fröhlich darauf zu bestehen, »dass im großen und ganzen alles gut gelaufen ist«: Kritik in der Sache weist sie kategorisch zurück und stellt damit klar, dass mit dem »europäischen Weg«, den sie eingeschlagen hat, gerade Deutschlands Interesse und die Sorgen seiner Bevölkerung bei ihr, der Kanzlerin, und der EU ganz in den richtigen Händen sind. In diesem Sinne erneuert sie noch ihr »Impfversprechen«, dass bis zum 21. September jedem Bürger ein Impfangebot gemacht wird, und hebt damit ihr herrschaftliches Verhältnis auf die Ebene eines persönlichen Vertrauensverhältnisses. Selbstkritik angesichts des Getobes gibt es aus der Regierung an der demokratischen Methode der manipulativen Vereinnahmung der Regierten, am »Erwartungsmanagement« (Jens Spahn, »Berlin direkt«, 31.1.21): Haben wir der Bevölkerung bei der Selbstinszenierung unserer Politik vielleicht doch zu viel vorgemacht?

Etliche Zeitgenossen in Deutschland können mit dem Europa- und Merkel-Bashing respektive »primitiven« Nationalismus nicht allzu viel anfangen. Die täglich veröffentlichten Impfstatistiken halten sie in gebotener Distanz für einen etwas albernen »Medaillenspiegel des globalen Impfolympias«, das britische Triumphgeheul »ist ein geradezu kindisches Gebaren einer Nation, die sich eingeredet hat, dass sie ihr Schicksal auf der Welt alleine bestimmen kann«, was »natürlich kurzsichtig« ist, wie die Devise »Britain first!« »die Parole der Gestrigen« ist (SZ, 3.2.21). Da steht man drüber, angesichts der Maßstäbe, die man selber an sich und die Nation anlegt. Sie erinnern Regierung und Nation an ihre Selbstverpflichtung auf Multilateralismus, deuten im Tonfall der Ermahnung darauf, dass »sich tatsächlich die Welt in der Impffrage in reichere und ärmere Länder aufspaltet, (…) dass von Afrika kaum mehr jemand redet« und von Covax, der von der WHO geführten Allianz, »bis heute keine einzige Dosis ausgeliefert ist« (SZ, 6./7.2.21). Diesen Edelpatrioten ist das offene Bekenntnis zum (inter-)nationalen Gegeneinander zuwider, und sie sorgen sich um die Glaubwürdigkeit deutscher Heuchelei im internationalen Auftritt, wenn sie jenseits des wohlverstandenen Eigeninteresses auf »Impfgerechtigkeit« und ähnliche Ideale der globalen Zuständigkeit plädieren.

Gerade dem europäisch tickenden deutschen Geist kann es überhaupt nicht egal sein, was jenseits der Grenzen mit dem Impfen angestellt wird. Der etwas beunruhigt-unzufriedene Blick der deutschen Politimpfexperten auf den (süd-)östlichen Rand unseres »solidarischen Europas« registriert nämlich bei den üblichen Verdächtigen, dass sie die Ausstiegsklausel, mit der die Kommission sie zur Einordnung in das europäische Impfregiment überhaupt bewegen konnte, tatsächlich für »nationale Alleingänge« ausnützen. So könnte man zwar fragen, was an der ungarischen, tschechischen oder serbischen Entscheidung, russischen oder chinesischen Impfstoff zu kaufen und zu verimpfen, so stören soll, wo sie doch ein konstruktiver Beitrag zur Immunisierung Europas ist, die im Westen angeblich so stockt.

Interessen haben nur die anderen

Aber so einfach ist es eben nicht mit dem Impfen und nicht mit »unserem« Europa: Erstens verimpfen die glatt »Sputnik V«, gegen den »wir« das letzte halbe Jahr dermaßen gegiftet haben, dass das geneigte deutsche Publikum zwar sicher zwischen »unseren« mRNA- und Vektorimpfstoffen inklusive Wirksamkeit bis auf die Stelle hinterm Komma unterscheiden kann, vom russischen Impfstoff bis gestern aber nur zu wissen brauchte, dass er erstens ein Prestigeprojekt Putins, zweitens unverantwortlich unsicher, drittens also eigentlich überhaupt kein Impfstoff ist, es sei denn, viertens, wir lassen ihn von oben herab europäisch zu, weil »wir« ihn jetzt gerade selbst gebrauchen können. Deutschland kann in diesen schweren Zeiten eben beides: Russlands Impfstoff ausnützen und Russland im nächsten Atemzug klar und deutlich zu verstehen geben, dass sich dadurch an »unserer« neuen Feindseligkeit, festgemacht z. B. an Nawalny, gar nichts ändert. Außerdem erkennt das politisch geschulte Auge in Ungarns »Hinwendung zum Osten« (FAZ, 29.1.21) eine Abwendung von Brüssel, die nur dem geopolitischen Interesse Russlands oder Chinas dient, also »unseren« Besitzstand Europa in Unordnung bringt. Dort »provoziert« (dw.com, 27.1.21) gar der EU-Beitrittskandidat Serbien mit seinem grenzüberschreitenden Impfen im Kosovo – wen, ist offensichtlich: die kosovarische Regierung und damit auch uns – und bringt »unsere« wackelige Ordnung im Westbalkan durcheinander. Immerhin widersteht die Ukraine mit ihrer Russenfeindschaft, wie man hört, den russischen Verführungen. Dort wütet zwar das Virus mit verheerenden Folgen, und das Land bekommt erst einmal auch von »uns« keinen Impfstoff – wir haben ja selbst zu wenig –, aber was ist das schon im Vergleich dazu, dass die »Hinwendung« der Ukraine zum Westen durch die schweren Zeiten hindurch Bestand hat.

Der kritische Blick aufs Ausland reicht, wie es sich für eine global-multilaterale Nation gehört, selbstverständlich weiter, bis in den Fernen Osten. Und da ist es aus deutscher Perspektive schon wieder keine sehr erfreuliche Nachricht und auch kein Zeichen hoffnungslos idealistischer Selbstvergessenheit der chinesischen Regierung, wenn sie ihr Sinopharm und Sinovac »zum Selbstkostenpreis« an 150 Staaten verkauft und so für die beschleunigte Immunisierung der Menschheit sorgt: »Wirkstoff der Macht« (SZ, 26.1.21) und »Xi betreibt ›Impf­diplomatie‹« (FAZ, 26.1.21) lauten hier die Schlagzeilen, unter denen dem Leser kennerisch ausgebreitet wird, dass es sich beim östlichen Riesenreich genau umgekehrt verhält wie bei »uns«, wo Impfpolitik der Gesundheit der Menschen dient. Dort, in China, wird Impfstoff produziert und massenhaft ins Ausland verkauft, damit sich auf diese Weise Politik im Interesse Chinas machen lässt: »Die Ankündigung (dass China 150 Staaten mit seinem Impfstoff versorgen wird und eine engere internationale Zusammenarbeit beim Impfen wünscht) ist Teil einer außenpolitischen Strategie Pekings, die der Fachmann für chinesische Gesundheitspolitik Yanzhong Huang von der amerikanischen Denkfabrik Council on Foreign Relations als ›Impfdiplomatie‹ bezeichnet. Indem China ärmeren Entwicklungsländern seine Impfstoffe anbiete, baue es seine ›Soft power‹ aus, also die auf nichtmilitärischen Ressourcen beruhende Macht.« (Ebd.)

Das fällt hiesigen Journalisten beim solidarischen Europa ganz gewiss nicht ein. Für von der Leyens Versprechen, die Covax-Initiative mitzufinanzieren, gilt eben nicht, dass »der Export des Impfstoffs das Image aufpoliert und seinen globalen Einfluss stärkt« (SZ, 26.1.21). Das hat nur China nötig, schließlich haben wir mit unserem ZDF-Mann Ulf Röller als Speerspitze monatelang an seinem schlechten Image gearbeitet: China hat das Coronavirus erst ausgebrütet, dann vertuscht, zu uns exportiert und dann mit seiner Abriegelungstaktik die Menschen unterdrückt, womit es schließlich – ein bisschen zähneknirschender Neid – die Pandemie dermaßen erfolgreich bekämpft hat, dass es als einzige Nation von Rang mit einem Plus aus dem Coronajahr herausgeht. Noch, denn: »Verliert China das Impfrennen?« (FAZ, 1.2.21) – so die leise Hoffnung auf Schadenfreude beim deutschen Publikum: »... macht sich im Land die Sorge breit, dass der Pandemiegewinner China des Jahres 2020 aus den kommenden Monaten plötzlich doch noch als Verlierer hervorgehen könnte. Denn weil China anstelle der Herdenimmunität durch Impfungen als Ziel wie im Westen auf die vollständige Ausrottung des Virus setzt, wird ein für das Land unvorteilhaftes Szenario immer wahrscheinlicher: Nach diesem wären im vierten Quartal des Jahres die Impfungen in den USA und Europa weitgehend ausgerollt und die dortigen Grenzen wieder offen, während in China höchstens ein Drittel der Menschen geimpft und die Einreise für Ausländer in das Land weiterhin fast unmöglich ist.« (Ebd.)

Ätsch, Chinas Volk ist einfach zu groß, weil die Regierung mit ihrer heuchlerischen Multilateralismustour einen Haufen eigenen Impfstoffs an staatliche Habenichtse quasi verschenkt hat. Und mit ihrer erfolgreichen Ausrottungsstrategie hat sie sich letztlich selbst ins Knie geschossen, weil wir ihnen, Herdenimmunität hin oder her, bei offenen Grenzen mit unseren Handelsreisenden irgendwann doch das Virus wieder ins Land schleppen.

Zurück nach Deutschland. Nach vier, fünf Wochen erschöpfender Debattenkultur über den Missstand, dass »die Welt impft und Deutschland debattiert« (SZ, 8.2.21), kommen auch einige Journalisten der jedem »primitiven« Nationalismus abholden SZ zu der interessanten Einsicht, dass in den USA mit ihrem »Warp speed«-Projekt, ihrem »Defense act«, der überlegenen Dollarmacht usw., deren Einsatz allein und ausdrücklich nur der eigenen Nation gilt, alles richtig gemacht worden ist: »Donald Trump also als Vorbild? Ausgerechnet jener Präsident, der lange prophezeite, das Virus werde von ganz allein wieder verschwinden? Das ist eine weitere, bittere Pointe in dieser Coronapandemie.« (Ebd.)

Etwas später finden investigative Journalisten von SZ, NDR und WDR heraus, dass der EU-Kommission irgendwie doch »unser« aller Dank gebührt, weil sie den Halsabschneidern von Biontech und Pfizer den Preis für eine Impfdosis um zwei Drittel gedrückt hat. Das wird wiederum von Biontech heftigst bestritten. Man sieht: Der Kampf ums Impfen geht weiter …

Theo Wentzke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 12. und 13. Januar 20221 zur Wohnungsfrage im Kapitalismus.

Mehr zum Thema Coronapandemie im demnächst erscheinenden Heft 1/2021 der Zeitschrift Gegenstandpunkt. Im Buchhandel und beim Verlag unter https://de.gegenstandpunkt.com zu beziehen.

https://www.jungewelt.de/artikel/398848.impfnationalismus-die-geimpfte-nation.html