01.03.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Macron setzt auf Atomkraft

Paris verlängert Laufzeit ältester Meiler. Frankreichs Präsident wirbt auf EU-Ebene für mehr Kernenergie

Raphaël Schmeller

Niemand weiß, wie und wo ihr radioaktiver Abfall entsorgt werden kann, von ihnen droht zu jedem Zeitpunkt eine internationale Katastrophe auszugehen: Atomkraftwerke. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron scheint sie dennoch zu lieben. »Sechs neue ›EPR‹-Reaktoren sind für die kommenden Jahren geplant«, erklärte Charlotte Mijeon, Sprecherin vom Antiatomnetzwerk »Sortir du nucléaire« am Sonnabend gegenüber jW. Dass die zuständige Aufsichtsbehörde Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) am Donnerstag den Weg für den Weiterbetrieb der ältesten Kernkraftwerke des Landes frei gemacht habe, sei also keine Überraschung. Die ASN folge damit den Wünschen der Regierung sowie des Staatskonzerns EDF, der die Anlagen betreibt.

Bei den von der Verlängerung betroffenen Reaktoren handelt es sich um die sogenannte 900-MW-Baureihe der französischen Atomkraftwerke, die hauptsächlich in den 1980ern in Betrieb genommen worden sind. Die meisten von ihnen hängen damit seit rund 40 Jahren am Netz. Konkret soll die Laufzeit dieser Reaktoren auf mindestens 50 Jahre erhöht werden. Mijeon befürchtet, dass die Laufzeit sogar noch auf 60 Jahre erhöht werden könnte, obwohl ursprünglich von einer 40jährigen Betriebsdauer ausgegangen wurde.

Aber Frankreich ist eben ein Atomland – und will es auch bleiben. Es bezieht aktuell etwa 70 Prozent seines Stroms aus der Kernkraft. Und auch wenn dieser Anteil bis 2035 auf 50 Prozent reduziert werden soll, um mehr Platz für erneuerbare Energien zu schaffen, setzt sich Macron auf EU-Ebene für diese Art der Stromerzeugung ein. »Unsere ökologische und energetische Zukunft hängt auch von der Kernenergie ab«, sagte er im Dezember. Diese sei ein unverzichtbarer Bestandteil des Strommixes, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Unterstützung bekommt der französische Präsident aus Osteuropa. Polen etwa will in den nächsten 20 Jahren sechs neue Atomkraftwerke bauen (siehe jW vom 4.11.2020). Auch Tschechien, Rumänien oder Ungarn setzen auf die Kernenergie, um ihre CO2-Bilanz zu verbessern.

Natürlich geht es Macron nicht nur um Klimaziele. Wenn Kernenergie ein wesentlicher Teil einer EU-Klimastrategie würde, könnten sich die betroffenen Konzerne über Geld aus EU-Töpfen freuen. Und für den hochverschuldeten Staatskonzern EDF wäre das überlebenswichtig. Laut dem Magazin Transitions Energies vom 20. Januar hat der Stromriese mittlerweile über 42 Milliarden Euro Schulden angehäuft. Tendenz steigend. Hier sieht Bündnissprecherin Mijeon die größte Gefahr, denn »EDF hat weder die finanziellen Mittel noch die Kompetenz«, um neue Anlagen zu bauen und bestehende sicher zu betreiben. Bei den französischen Atomkraftwerken kämen viele Faktoren zusammen: »Zuerst das Alter. Dann gibt es bei manchen Anlagen Risse in den Reaktorbehältern, an bestimmten Orten besteht eine erhöhte Erdbebengefahr, es gibt außerdem auch oft organisatorische Probleme bei den Arbeitsabläufen, weil die Belegschaft mancherorts ausgetauscht wurde, ohne dass eine Wissensübermittlung stattgefunden hat.«

An Kernenergie halten in Frankreich aber nicht nur die aktuelle Regierung und die Parteien rechts von ihr fest. Auch ein Teil der politischen Linken lehnt einen Stopp ab. Die Kommunistische Partei beispielsweise plädiert für eine »Sicherung und Erneuerung« der Kernenergieanlagen. Bei der Gewerkschaft CGT sieht man es ähnlich: Atomkraftwerke seien wichtig, um »einen effizienten Energiemix bis 2050 zu garantieren«, hieß es noch in einer Stellungnahme im Dezember. Klingt ein wenig wie Macron, ist es aber nicht. Vor wenigen Wochen kündigte Frankreichs Regierung an, EDF zerschlagen und teilprivatisieren zu wollen. Konkret: Profitable Sparten des Konzerns sollen für private Investoren geöffnet werden. Die CGT befürchtet einen Jobabbau sowie Strompreissteigerungen. Für Mijeon von »Sortir du nucléaire« ist das nicht verwunderlich: »Offiziell ist Energiepolitik eine Angelegenheit des Staates, doch in der Praxis bestimmt EDF, wohin es geht.« Ein Atomausstieg stehe also erst mal nicht auf der Tagesordnung.

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