10.02.2021 / Sport / Seite 16

Der Schatten fährt mit

Biathlon-WM in Pokljuka: Sportpolitischer Skandal im Vorfeld, norwegisches Team mit größten Siegeschancen

Gabriel Kuhn

Heute beginnt im slowenischen Pokljuka die 52. Weltmeisterschaft im Biathlon. Die auch zum Weltcup zählenden Rennen werden mit Spannung erwartet, da die Biathleten zuletzt fast drei Wochen Pause hatten. Die letzten Weltcuprennen vor der WM fanden Mitte Januar in Ant­holz in Italien statt. Zuschauer werden in Pokljuka keine vor Ort sein, doch das ist man in diesem Winter gewohnt.

Die WM wird überschattet von den Korruptionsvorwürfen, mit denen sich der ehemalige Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU), der Norweger Anders Besseberg, konfrontiert sieht. Besseberg saß der IBU von ihrer Gründung 1993 bis zu einer Razzia im IBU-Hauptquartier in Salzburg 2018 vor. Jahrelang soll er geholfen haben, systematisches Doping zu vertuschen. Zu diesem Schluss kam eine externe Untersuchungskommission, deren Bericht im Januar veröffentlicht wurde. Von Prostituierten und Jagdausflügen als Gegenleistungen ist die Rede. Auch die ehemalige IBU-Generalsekretärin Nicole Resch aus Thüringen, im Amt von 2008 bis 2018, wird der Vertuschung angeklagt. Beide bestreiten die Vorwürfe.

Die Biathlon-Familie wiegelt ab. Der jetzige Präsident Olle Dahlin meinte in einer IBU-Pressemitteilung: »Dank der Schaffung des Biathlon Integrity Unit und zahlreicher administrativer Reformen in den letzten zwei Jahren gibt es nun Schutzmaßnahmen, die sicherstellen, dass es nicht mehr zu Vergehen dieser Art kommen wird.« Die Läufer konzentrieren sich auf das Sportliche, wie man das angesichts sportpolitischer Skandale so macht.

Die Favoriten der WM ergeben sich aus dem Stand im Gesamtweltcup. Bei den Herren liegen vier Norweger vorn: Superstar Johannes Thingnes Bø vor dem erstaunlich starken Neuankömmling Sturla Holm Lægreid, Johannes Thingnes’ Bruder Tarjei Bø und einem weiteren Jungspund, Johannes Dale. Bei den Damen gibt es mit Marte Olsbu Røiseland und Tiril Eckhoff eine norwegische Doppelführung, dahinter folgen die Schwedin Hanna Öberg und die Italienerin Dorothea Wierer. Stark aufsteigende Form in den letzten Rennen vor der WM zeigten bei den Herren der Franzose Quentin Fillon Maillet und bei den Damen die Österreicherin Lisa Theresa Hauser, die in vier der letzten fünf Einzelrennen auf das Podest lief.

Die größten Chancen für das deutsche Team liegen in den Staffelwettbewerben, beginnend mit der heutigen Mixed-Staffel, bei der zwei Frauen und zwei Männer antreten. Die größten Hoffnungen auf Einzelmedaillen bei den Frauen können sich die Weltcup-Sechste Franziska Preuß (SC Haag) und die ehemalige Speziallangläuferin Denise Herrmann (WSC Erzgebirge Oberwiesenthal) machen. Bei den Männern sind die Routiniers Arnd Peiffer (WSV Clausthal-Zellerfeld) und Erik Lesser (SV Eintracht Frankenhain) immer für eine Sonderleistung gut. Benedikt Doll (SZ Breitnau) hat Außenseiterchancen. Nicht dabei ist der achtfache WM-Medaillengewinner Simon Schempp. Der 32jährige Schwabe schaffte nach gesundheitlichen Problemen in den letzten Jahren nicht mehr den Anschluss an die Weltspitze und verkündete vor zwei Wochen sein Karriereende.

Fünf Medaillen, wie bei der WM vor einem Jahr in Antholz, wären für das deutsche Team dieses Mal ein großer Erfolg. Bei der WM 2017 im österreichischen Hochfilzen holte alleine Laura Dahlmeier sechs davon (fünfmal Gold, einmal Silber). Auch sie ist in Pokljuka nicht dabei. Schon 2019 beendete sie ihre Karriere, noch keine 26 Jahre alt. Die Garmisch-Partenkirchenerin tritt heute im Berglauf an und studiert Sportwissenschaften in München.

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