23.09.2020 / Feuilleton / Seite 10

Torriani, Meyerfeldt, Farber

Jegor Jublimov

Der Lehrer fragt: Wie nennt man die Jahre zwischen 1837 und 1901 in Großbritannien? Die aufgeweckte Ingrid sagt: Das Vico-Torrianische Zeitalter! Dieser Witz stand vor etwa 60 Jahren in der Bravo, die mir meine Westcousine mitgebracht hatte. Damals war der Schweizer Vico Torriani im deutschsprachigen Raum eine fast übermächtige Schlagergröße. Hatte er zuvor vor allem Schmusesongs aufgenommen (»Gitarren der Liebe«, 1954 auch im Film), wechselte er nun zu frecheren Titeln (»Bon soir, Herr Kommissar«), ehe er mit seinem noch immer hellen Tenor mit volkstümlicher Musik eine Alterskarriere bestritt. Dazwischen sah man ihn in TV-Shows, auch mal bei »Da lacht der Bär« im DFF. Am deutlichsten in Erinnerung bleibt die WDR-Reihe »Hotel Victoria«, wo er echte musikalische Kochrezepte vortrug. Er starb 1998 und wäre am Montag 100 Jahre alt geworden.

Naiv betrachtet, schien Astrid Meyerfeldt, die Schauspielerin mit dem ausdrucksstarken Blick und dem besonderen Ton, in den 90er Jahren vom Himmel gefallen zu sein, aber sie war schon in der DDR erfolgreich, wurde sogar 1989 mit dem Goethe-Preis der Hauptstadt für ihre Arbeit beim Berliner Kinder- und Jugendtheater ausgezeichnet. Die ab übermorgen 60jährige spielte am Theater der Freundschaft in Stücken von Victor Carvajal und Peter Brasch, war in Märchen im DFF zu sehen. Aber als Frank Castorf die gebürtige Rostockerin an die Volksbühne holte, ging es richtig los. In seinen Inszenierungen und in denen von Johann Kresnik, Christoph Schlingensief, Thomas Ostermeier und René Pollesch wuchs sie über sich selbst hinaus, löste sich schließlich von der Volksbühne und gastierte in Basel und Stuttgart, wo sie einen Lehrauftrag annahm und auch wieder mit Castorf zusammenarbeitete. Erstaunlich, dass sie daneben in über 50 Hörspielen auftrat. Unter ihren etwa 40 Kino- und TV-Rollen waren welche in bekannten Filmen wie »Banale Tage« (1992), »Wolfsburg« (2002), »Die Entdeckung der Currywurst« (2008) sowie in mehreren Folgen vom »Tatort«.

Karl Farber ist in Bayern aufgewachsen und wurde mit 13 ein Rand-Potsdamer. Dort hat er erst Rinderzüchter gelernt, bevor er an der Babelsberger Filmhochschule studierte und ein erfolgreicher Dokumentarfilmkameramann wurde. Als solcher kam er weit herum. Mit Regisseur Kurt Tetzlaff drehte er an der Druschba-Trasse. Das Jugendobjekt der FDJ war ein Abschnitt der Erdgasleitung »Sojus«, die noch heute mit der PCK-Raffinerie in Schwedt verbunden ist. Für Farber entstand hier eine Liebe zu russischen Menschen, weshalb er vor drei Jahren noch einmal dorthin reiste. In Bautzen kann er am Rande des Neiße-Filmfestivals am Samstag seinen 75. Geburtstag mit »Hochwaldmärchen« und »Die Schmerzen der Lausitz« (1988/90), zwei seiner mit Peter Rocha gedrehten Filme, begehen. Da darf nachgedacht und gefeiert werden!

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