12.09.2020 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)

Klangspuren der Libido

Beethovens »Andante favori« lädt ein zu romantischen biographischen Spekulationen über das Leben des Komponisten

Stefan Siegert

Für Peter Gülke

Auch in der Klassik gibt es echte Schlager. Das Publikum fährt auf sie ab, Grund: eine Melodie. Sie betört die Ohren, ist Teaser, Türöffner, Ohrwurm. Je öfter man sie hört, desto deutlicher und lieber wird aber auch alles andere, alles außer der Melodie. Eben noch war es das Aufhaltende, das den Moment Hinausschiebende, bis es endlich wieder losgeht. Aber irgendwann kommt das andere auf. In ihm, dem Außermelodischen mehr als in der Melodie, ist die Form, ihr bewusst zu werden ein Vergnügen. Eine Wonne aber auch, sich »etwas« zu denken beim Hören, einen »Inhalt« zu träumen. Beethovens »Andante favori« WoO 57 eignet sich in allen Aspekten hervorragend, darüber nachzugrübeln, was in ihm der Form gebührt, was dem Gefühl.

Beethoven schrieb während der Arbeit an der Waldstein-Sonate mit dem »Andante favori« ursprünglich deren zweiten Satz. Aber der Freundeskreis maulte. Zu lang das Ganze. Nach einigem Zögern komponierte der Tonsetzer eine kürzere Introduktion zum finalen Rondo; er machte das Andante zum Solitär. Warum lenkte er ein?

Im Abschnitt »Klavierstücke« seines dreibändigen Werks über »Beethovens Klaviermusik« schreibt Jürgen Uhde (1913–1991), das »Andante favori« sei »zweifellos in seiner Satztechnik bedeutender als in dem, was sich rein musikalisch begibt«. Es beginne im Quartettsatz, in kammermusikalischer Schreibweise, Begleitfiguren seien eher nicht akkordisch, mehr »linienartig«. Die Themenmelodie ist wenig variiert, wird aber »satztechnisch immer neu beleuchtet«. In den Zwischensätzen über die Kammermusik hinaus orchestrale Klänge, Oktavenläufe in beiden Händen. In der Coda üppige Klangfülle. Das »Andante favori«, so Uhde, »hätte in seiner außerordentlichen Klangentwicklung den in der endgültigen Fassung der Waldstein-Sonate als strahlende Klangoffenbarung wirkenden Anfang des Finales klanglich vorweggenommen und damit unwirksam gemacht«.

»Rein musikalisch« ist er von dem Werk weniger angetan. Ihm erscheint von minderer Güte, was man den »Ausdruck« nennen könnte, die »Stimmung«. Die wäre wohl, zumindest am Anfang, mit dem Wörtlein »beschwingt« nicht ganz falsch beschrieben.

Aber bei Beethoven hat es selbst mit der Beschwingtheit immer etwas auf sich. Sie ist ein in Gemüt und Körperbewegungen wirksamer Niederschlag positiver Gefühle. Gefühle sind kein Ausgangspunkt von Kompositionen. Aber das charakteristische punktierte Melodiemotiv mag ein Anhaltspunkt dafür sein, was im Tonsetzer im Moment der Komposition vorging. Der Gedanke, in ihm verberge sich der Name einer in Beethovens Leben durchaus nicht unwichtigen Frau, drängt sich spielerisch auf.

Eine Laune des Komponierenden, gewiss. Aber eine, welcher der Tonsetzer in für Launen untypischer Hartnäckigkeit bis ins »Arietta«-Thema der letzten c-Moll-Sonate mehr als einmal nachhing. Es ging ihm beim Komponieren nicht vordergründig um Josephine von Deym, spätere von Stackelberg, geborene Gräfin Brunsvik, um die es sich handelt, ihr Vorname spricht und singt sich nun einmal punktiert – es ging, siehe oben, um die Erweiterung seiner satztechnischen Möglichkeiten.

Er selbst legte allerdings immer wieder Spuren auch in die Befindlichkeit hinter der Komposition. So liest man im Brief, der dem der Geliebten übersandten Autographen des »Andante favori« beiliegt: »hier ihr – ihr Andante«. Bald anderthalb verklemmte Jahrhunderte lang verbrämte man die Kette verpatzter Anbahnungen in Beethovens Beziehungsbiographie als gewollte Dauerabstinenz. Libido? Störte als geistfremd. Beginnend 1977 mit dem Bahnbrecher Harry Goldschmidt (Schweiz/DDR), fortgesetzt 1983 mit Elisabeth Tellenbach (BRD) und 2003 mit Rita Steblin (Kanada/Österreich), setzte sich bei Musikwissenschaftlern nichtsdestoweniger ein der Wirklichkeit des Tonsetzers auch im Fleischlichen näheres Beethoven-Bild durch. So dämmert einer 2020 besonders aufnahmebereiten Gemeinde gerade noch rechtzeitig zum 250. Geburtstag: Es gab sie wirklich, die »unsterbliche Geliebte«, jene den Gegenstand eines heißen Liebesbriefs darstellende Frau, zu deren Identität sich seither Bibliotheken füllten. Sie war kein Traumbild eines Einsamen. Der Tonsetzer war real mit ihr im Bett. Der Brief, geschrieben mit ihrem Crayon, ist der frische Nachklang einer soeben durchlebten, glücklichen Nacht im sommerlichen Prag vom 3. auf den 4. Juli 1812.

Zum Beweis, dass es sich bei ihr um Josephine handelte, fehlt der Forschung allerdings immer noch ein Beleg für ihren Aufenthalt in Prag in der betreffenden Nacht. Dass sie zu der Zeit nach Prag wollte – gesichert. Es fehlt zudem jeder Hinweis darauf, wo sie statt dessen gewesen sein könnte. Erwiesen: Exakt neun Monate später bringt sie, die das Bett nachweislich seit Juni 1812 nicht mehr mit Herrn von Stackelberg geteilt hat, ein gesundes Mädchen zur Welt. Sie nennt es Minona, von hinten gelesen: Anonim. All das ist so bekannt wie die Explosion der Satztechnik oder die Verbindung zur Waldstein-Sonate. Was aber der »Inhalt« des »Andante favori« wäre, was der liebende Komponist mit ihm wem auch immer hat mitteilen wollen – liegt in Händen bedeutender Interpreten, lebt im Bewusstsein, im Imaginieren starker Hörender, pulsiert weiter in der nach der Welt hin offenen Dialektik Beethovenscher Kunst.

Der Komponist hat ausweislich seiner Liebespost zum mindesten der Geliebten mit dem »Andante favori« etwas sagen wollen. Die Idee von Kommunikation funktioniert in der Musik wunderbarerweise unbeschadet der Tatsache, dass sich in der Vorstellungswelt des Publikums beim Hören musikalischer Artefakte so viele »Inhalte« ergeben, wie es Ohrenpaare gibt. Allein, ein Trauermarsch bleibt für alle unter allen Umständen etwas Trauriges, ein Rondo bleibt ein im Zweifel fröhlicher Tanz.

Das »Andante favori« ist eine von zärtlich punktierten Anrufungen unterbrochene Abfolge liebevoller Rückblicke inklusive entsprechender Verstärkungen, Ängste, Evokationen. Allein für die Adressatin wird sich der Kreis mit vielleicht real Geschehenem geschlossen haben. Uns Nachgeborenen bleibt die Phantasie. So macht es Sinn, sich etwa vorzustellen, wie Josephine selbst – die »Pepi«, wie die Wiener, und die »Peps«, wie ihre Schwestern und Eltern sagten –, sich das ihr zugedachte Stück allein im Musikzimmer der Brunsviks vorspielt, sie ist Schülerin des Urhebers, eine glänzende Klaviersolistin. Wie sie an den passenden Stellen das dämmerspendende Moderatorpedal einsetzt und die schönen Arme spreizt im Ambitus der Takte mit den sehr hohen und zugleich sehr tiefen Läufen. Wenn der Urheber sie im einem impulsiven Volkstanz gewidmeten Teil des Zwischensatzes an einen Abend erinnert, den sie in irgendeinem der Heurigen der Wiener Vorstädte verbracht haben könnten – bebenden Herzens Arm in Arm und Aug’ in Aug’ –, greift die Pepi besonders herzhaft in die Tasten. Oder war es in Hetzendorf? Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind die beiden 1805 vor der Neugier ihrer Verbindung nicht wohlgesinnter Leute dorthin geflohen. In Hetzendorf war es einsamer als im mondänen Baden, wo der Tonsetzer seine »offiziellen« Sommer verbrachte. »In der Astgabel einer Eiche« soll er in Hetzendorf die »Leonore« vollendet haben. Wir stellen uns vor, Josephine saß auf dem Ast daneben. Zurückgekehrt ins Quartier, spielt er ihr die frisch entstandenen Stellen aus seiner Oper vor. Sie lesen gemeinsam Goethe und Klopstock – oder ist es Seume? –, gehen tagsüber Hand in Hand durch angenehme Gegenden, stecken abends, wer weiß, nicht nur die Köpfe zusammen. Nein, Hetzendorf war es nicht, zumindest nicht 1805. Denn er komponierte das »Andante favori« schon 1803 auf 1804. Aber was er der Liebsten in der Musik alles erinnert an gemeinsamen Momenten, was er ihren Fingern und zugleich ihrer Seele aufgibt an Erlebnissen liebender Gemeinsamkeit, hat keinen Ort als die verblichene Sparbüchse ihrer beider Herzen.

Das Stück, siehe Jürgen Uhde, ist unterschiedlich angesehen. Für die einen ein hübsches Encore, eine nette Kleinigkeit für die leichte Schulter, nehmen andere es ernst und beim Wort. In der Leichtigkeitsfraktion bevorzuge ich Pianisten wie ­Andras Schiff, deren Eleganz der Spannung nicht entbehrt. Andererseits ist mir unter den Ernstnehmern Swjatoslaw Richter einer der liebsten, er unterlag allerdings in all seiner empfindsamen Kompakt- und Schroffheit einem Handicap: Der moderne Konzertflügel egalisiert den Klang.

Da hat es Tobias Koch besser. Zum von ihm so erkannten Ernst des »Andante favori« fällt ihm mehr ein als Richter. Und Kochs Rosenberg-Flügel aus der Wiener Beethoven-Zeit erleichtert und forciert das Spiel mit der Dynamik, dem launig häufigen Wechsel der Tempi. Er lässt plastisch hören, wie viele akkordgreifende, figurierende Finger Beethoven jeweils etwa zwischen einem Fis'' im Diskant und einem grottentiefen G im Bass unterbringt, was sie in dem Riesenabstand in einer oft schon ins Überladene gehenden Einfallsfülle alles treiben, die acht Finger plus zwei Daumen, welche Klangfülle sie zu erzeugen vermögen, welchen Orchestersturm. Er nimmt dafür, wenn nötig, an Stellen, wo andere es biedermeierlich fließen lassen, agogisch das Tempo heraus, vergrößert Verzierungen, überbetont Akkorde. Aufs Risiko hin, technisch ungeschickt zu erscheinen, bringt er in die Musik Brüche ein, die ihren an nicht wenigen Stellen einkomponiert improvisatorischen Charakter spüren lassen.

Wenn sich die Musik am Ende der Reprise zum Gehen anschickt, sucht Tobias Koch seine Sachen besonders lange zusammen, er legt zwischen den Tönen Pausen ein, dehnt den Abschied. Aber weil der Komponist sich dann einfach überhaupt nicht aus dem Bannkreis der Liebsten entfernen mag, bewegt sich eine lange, besonders geist- und gestaltreich und klangvoll gesetzte Coda ausschweifig auf den Grundton zu, erreicht ihn auch und trampelt auf ihm herum, ohne ein Ende zu finden. Denn ein voraussichtlich allerletztes Mal, schon im Hinausgehen, nachdenklich, zweifelnd, steuert der verliebte Tonsetzer noch einmal das punktierte Thema an – was, Jooooo-se-phiiiiiine, soll aus unserer Liebe werden, was? Er weiß es nicht. Übers Grundtonende hinaus atmen die letzten beiden Akkorde: nichts Gutes.

Beethoven: Klavierstücke (auf fünf historischen Instrumenten) – Tobias Koch (Cavi/Harmonia Mundi)

Stefan Siegert ist Autor und Zeichner und lebt in Hamburg. Er schreibt regelmäßig im Feuilleton der jungen Welt, zumeist über Musik. Auf diesen Seiten erschien zuletzt in der Ausgabe vom 9./10. Mai 2020: »›Wir breiten nur den Mantel aus …‹ – Ein Spaziergang durch die Musikhauptstadt des 19. Jahrhunderts«

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