08.09.2020 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Großfusion in Frankreich geplant

Wasser- und Abfallkonzern Veolia will Konkurrenten übernehmen. Stellenabbau befürchtet

Raphaël Schmeller

Der französische Wasser- und Abfallkonzern Suez wehrt sich gegen den Übernahmeversuch durch den Konkurrenten und Weltmarktführer Veolia. Suez-Chef Bertrand Camus bewertete in einem Interview mit Le Figaro am Sonntag die Offerte als »opportunistische Finanztransaktion«, bei der die Vermögenswerte seines Unternehmens viel zu niedrig bewertet würden. Das ganze Vorhaben sei absurd und ein »Irrweg« für Frankreich. Zuvor hatte Veolia mitgeteilt, die Suez-Anteile des Energiekonzerns Engie für 2,9 Milliarden Euro aufkaufen zu wollen. Engie, bei dem der französische Staat 23,6 Prozent der Anteile hält, besitzt 29,9 Prozent von Suez. Sollte Veolia mit der Offerte an Engie erfolgreich sein, will das Unternehmen ein Angebot für die übrigen Anteile von Suez abgeben.

Die Gewerkschaftsorganisation der betroffenen Konzerne befürchten, dass die Fusion zu Stellenabbau führen wird. In einer gemeinsamen Erklärung der CGT Engie und der CGT Suez vom 2. September beklagen sie, »dass die Führung von Engie keine andere Strategie verfolgt als das Verscherbeln der Anteile an den Meistbietenden«. Die Aktionäre seien nur an schnellem Profit interessiert, was zu einer Perspektivlosigkeit des Unternehmens führe, heißt es darin weiter. Auch der Staat als Anteilseigner beweise keine Weitsicht. Das Versprechen von Veolia-Chef Antoine Frérot, dass es zu keinen Entlassungen kommen würde, hält die CGT für »unglaubwürdig«. Nach Gewerkschaftsangaben stehen mehrere tausend Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Auch die liberale Gewerkschaft CFDT stellt sich kategorisch gegen das Übernahmeprojekt. Cédric Tassin, Koordinator von der CFDT Suez, befürchtet mindestens 2.000 Stellenstreichungen, da viele Posten durch die Fusion doppelt besetzt wären, berichtete die Zeitung Les Echos vergangenen Freitag.

Ende August hatte Frérot vor Journalisten in Paris seinen Traum erläutert, einen »französischen Superchampion« zu schaffen. Das neue Unternehmen solle weltweit 260.000 Arbeiter beschäftigen und einen Umsatz von 45 Milliarden Euro erzielen. Um Kartellprobleme zu vermeiden, plane er außerdem einige Sparten von Suez zu verkaufen, unter anderem das Geschäft der Wasser- und Abwasserversorgung. Mit dem Vorhaben will der Konzern die aktuelle Coronakrise nutzen, um seine Dominanz weiter auszubauen und Konkurrenten aus China fernzuhalten.

Der Linkspolitiker und Vorsitzende der Partei »La France insoumise«, Jean-Luc Mélenchon, reagierte in einem Blogbeitrag vom 4. September alarmiert. Der Zugang zu Trinkwasser sowie die Abwasserversorgung seien große Zukunftsherausforderung der Menschheit. Man dürfe nicht zulassen, dass Trinkwasser an Spekulanten verkauft werde. Er forderte den Staat dazu auf, sich öffentlich gegen die Fusion zu positionieren. Offenbar hat Präsident Emmanuel Macron den Deal aber unter bestimmten Bedingungen schon befürwortet.

Auch in Deutschland würde das Geschäft Konsequenzen mit sich bringen. Denn mit der Übernahme will das Unternehmen stärker expandieren. Frérot hat in diesem Zusammenhang explizit den hiesigen Markt im Auge. Schon jetzt ist der französische Konzern ein ernsthafter Konkurrent für das Unternehmen Remondis aus Nordrhein-Westfalen, der deutschen Nummer eins auf dem Markt. In mehreren Landkreisen Baden-Württembergs entsorgt Suez Spezialabfälle, und Veolia versorgt beispielsweise die Stadt Braunschweig mit Strom und Gas sowie mit Trinkwasser, wie die Süddeutsche Zeitung am 31. August berichtete. Beschäftigte in Deutschland sollten sich aber nicht fürchten, da das Wachstum des Geschäfts zur Schaffung von Arbeitsplätzen führen werde, prognostizierte Frérot.

Bereits 2012 hatte Veolia versucht, Suez zu übernehmen, und war dabei aber unter anderem an kartellrechtlichen Bedenken gescheitert. Schon damals warnten Gewerkschaften und Regierung vor drohenden Arbeitsplatzverlusten.

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