10.08.2020 / Politisches Buch / Seite 15

Gestärkter Mythos

Anne Applebaum popularisiert die ukrainische Sichtweise auf die Hungersnot der frühen 1930er Jahre

Reinhard Lauterbach

Nationen als »vorgestellte Gemeinschaften« existieren nicht ohne Mythen. Von denen gibt es grundsätzlich zwei Typen: Helden- und Opfermythen. Ukrainische Nationalisten haben sich dafür entschieden, die eigene Identität auf eine Leidensgeschichte zu gründen: die große Hungersnot im zeitlichen Umkreis der Kollektivierung Anfang der 1930er Jahre (ukrainisch: Holodomor). Sie forderte nach neueren Untersuchungen gut fünf Millionen Menschenleben, achtzig Prozent der Opfer kamen aus der Ukraine. Teilweise ist das ein statistischer Basiseffekt: Die Ukraine war das größte Landwirtschaftsgebiet der Sowjetunion, und sie war das bei weitem fruchtbarste, deshalb sollte aus ihr auch das Maximum an Lebensmitteln herausgeholt werden.

Die ukrainische Geschichtspolitik stellt diese Katastrophe als absichtlichen Völkermord der Moskauer Zentrale an dem Bauernvolk der Ukrainer dar – mit dem Ziel, dessen Drang nach nationaler Unabhängigkeit zu brechen. Die russische und ein großer Teil der internationalen Geschichtsschreibung bezweifeln die Hungersnot als Tatsache nicht, stellen sie aber in andere Zusammenhänge: in erster Linie den der forcierten Umwälzung der landwirtschaftlichen Eigentumsverhältnisse seit den späten 1920er Jahren. Zeitlich zusammenfallend mit schlechten Ernten und zahlreiche Opfer eben keineswegs nur in der Ukraine, sondern in ausnahmslos allen sowjetischen Getreideüberschussgebieten fordernd. Die Differenz beider Lager besteht darin, ob man ein nationalistisches oder ein antikommunistisches Narrativ in den Mittelpunkt stellt.

Nicht zu bestreiten ist, dass die sow­jetische Führung diese Entwicklung auf dem Lande nicht nur durch den Beschluss zur beschleunigten Kollektivierung der Landwirtschaft 1929 in Gang setzte. Sie nahm es auch hin, dass das Elend 1932/33 Massencharakter annahm. Stalin hatte schon 1928 die Kollektivierung mit dem Argument begründet, das Land müsse seine Industrialisierung finanzieren, indem es der Bauernklasse einen »Tribut« ähnlich der Kolonialrente der kapitalistischen Staaten abverlange. Der Getreideexport, mit dessen Erlösen ausländische Technologien importiert wurden, ging auch während der Hungersnot nur unwesentlich vermindert weiter. Dass die sowjetische Landwirtschaft sich von dem Aderlass an Menschen und Ressourcen, der den Dörfern zwischen 1929 und 1933 zugefügt wurde, nie mehr richtig erholt hat, ist bekannt.

Anne Applebaum, eine der führenden Journalistinnen des transatlantischen Medienbetriebs, Autorin praktisch aller »meinungsbildenden« Zeitungen dies- und jenseits des Atlantiks und studierte Historikerin, hat sich mit ihrem »Roten Hunger« das Ziel gesetzt, der spezifisch ukrainischen Sichtweise mehr internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Schon der Untertitel macht das deutlich: »Stalins Krieg gegen die Ukraine«. Sie verweist selbst darauf, dass das Buch auf Anregung des »Harvard Ukrainian Research Institute« entstanden sei, das diese Sichtweise ebenso zu propagieren vorhat wie ein offenkundig in den Kreisen der ukrainischen Diaspora in Kanada – sie setzt sich zu hohem Anteil aus Nachkommen von Nazikollaborateuren zusammen, die nach 1945 Gelegenheit zur Emigration dorthin bekamen – verwurzeltes »Holodomor Research and Education Consortium« mit Sitz im kanadischen Toronto. Die Erwähnung von Expräsident Wiktor Janukowitsch, zu dessen Zeit die Ukr­aine »kaum in den Medien aufgetaucht« sei, lässt den Verdacht aufkommen, dass hier ab 2010, als Applebaum in das Projekt einstieg, aus den USA und Kanada langfristig Ideologieproduktion betrieben werden sollte. Klar ist von Anfang an: Applebaums Buch ist eine Tendenzschrift.

Allerdings eine, die nicht nur gut geschrieben – das muss man der Autorin und ihrem Übersetzer lassen –, sondern die auch gestützt ist auf Quellen vor allem in ukrainischen Archiven und auf eine umfangreiche Memoirenliteratur. Auch wer den ukrainischen Nationalismus, der aus den Vorgängen der frühen dreißiger Jahre den Kern seiner moralischen Legitimation zu ziehen sucht, ablehnt, kann nicht umhin, die von Applebaum zusammengetragenen Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen.

Denn sie eröffnen jenseits ihres polemischen Charakters den Blick auf einen Aspekt sowjetischer Innenpolitik, der in der auf die sowjetische Unionsebene zentrierten Geschichtsschreibung nur am Rande beachtet worden ist: den zwischen Opportunismus und Zwang schwankenden Umgang der Bolschewiki mit der Ukraine. Sie hatten 1917 die Gelegenheit genutzt, ein Land sozialistisch zu revolutionieren, in dem der Zusammenbruch des Zarismus vielerorts parallel auch eine ganz andere Revolution ausgelöst hatte: die bürgerlich-nationale der nichtrussischen Völker, darunter auch der Ukrainer.

Zudem prägte der Konflikt zwischen den Bolschewiki, die die Städte kontrollierten, sie aber auch versorgen mussten, und den Bauernmassen, die zwar die Agrarrevolution getragen hatten, aber darüber zu Parzellenbauern mit entsprechenden Eigentümerinteres­sen geworden waren, die Klassenverhältnisse jener Jahre. Dass es den Bolschewiki erst 1920 gelang, die Ukraine unter Kontrolle zu bringen, hat nicht nur mit den Weißgardisten und westlichen Interventionen zu tun, sondern auch mit dem bäuerlichen Widerstand dagegen, das Land schon wieder abgeben zu müssen. Dass die Moskauer Führung seither die Ukraine mit einigem Misstrauen beäugte, wird von Applebaum überzeugend dargestellt. Man muss mit der zentralen Behauptung der Autorin nicht einverstanden sein, um ihr Buch mit Interesse zu lesen.

Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine. Siedler, München 2019, 544 Seiten, 36 Euro

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