03.08.2020 / Politisches Buch / Seite 15

Vetorecht für die »Natur«

Loblied auf einen »besseren« Kapitalismus: Dirk Steffens und Fritz Habekuss über die »Zukunftsfrage Artensterben«

Burkhard Ilschner

Dieses Buch ist wichtig, informativ, hilflos und zugleich ein bisschen gefährlich: wichtig für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten, informativ in diesem Kontext insbesondere für Laien, weil es gut lesbar und verständlich geschrieben ist. Es wirkt aber hilflos, weil es dem weitreichenden Anspruch – »Wie wir die Ökokrise überwinden« lautet der Untertitel – nicht gerecht wird; wobei die Kritik nicht der Hilflosigkeit gilt, sondern dem Anspruch. Zugleich vereinfacht es (zu) viel, was auf gefährliche Irrwege führen kann.

Die Autoren sind ohne Zweifel kompetent: Dirk Steffens, bekannt als Moderator der »Terra X«-Fernsehdokumentationen, agiert auch als »nationaler Botschafter« für die (nicht unumstrittene, da vielfältige Kontakte zur Industrie unterhaltende) internationale Naturschutzstiftung WWF und hat gemeinsam mit seiner Ehefrau, einer Unternehmensberaterin, eine Stiftung für Biodiversität gegründet. Fritz Habekuss hat sich seit etlichen Jahren einen Namen gemacht als (auch ausgezeichneter) Wissenschaftsjournalist vorwiegend bei der Zeit. Die Menschheit, so schreiben beide, befinde sich »mitten im sechsten Massenartensterben« der Erdgeschichte und erlebe »den größten Artenschwund seit dem Aussterben der Dinosaurier«. Global betrachtet, sei von etwa acht Millionen bekannten Pflanzen- und Tierarten rund eine Million akut vom Aussterben bedroht, jeden Tag verschwänden geschätzte 150 Arten von diesem Planeten. Der Klimawandel, so die provokante These beider Autoren, bedrohe die Art und Weise, »wie« wir leben. »Nur«, müsste man eigentlich hinzufügen, denn: »Das Artensterben stellt in Frage, ob wir überhaupt leben.«

Engagiert und mit viel Empathie beschreiben Steffens und Habekuss ausführlich, was »Biodiversität« für den Menschen bedeutet; nichts im Alltag sei unberührt von der biologischen Vielfalt. Sie schwärmen von der Bedeutung einer Amsel, sie berichten, wie der dauerhafte Blick ins Grüne das eigene Wohlbefinden steigern kann. Sie erläutern, was Artenvielfalt evolutionsbiologisch heißt und welche Rolle der Mensch spielt – sowohl als Teil der vielfältigen Natur als auch als Zerstörer vieler ihrer Teile. Sie erinnern, wie viele Warnungen bereits missachtet wurden, liefern plastische Beispiele, schreiben, wie erwähnt, ebenso informativ wie verständlich. Salopp gesagt: Das liest sich so weg.

Dies sei kein »Weltuntergangsbuch«, betonen Steffens und Habekuss: »Wenn es um die Erde geht, ist Optimismus Pflicht.« Das klingt vielversprechend, wird jedoch im zweiten Teil des Buchs nur bedingt eingelöst. Denn auf der Suche nach Lösungen verheddern sie sich in ihren eigenen Ansprüchen, wenn sie etwa hinterfragen, wie Ökonomie, Politik und Gesetze verändert werden müss(t)en, um dem Menschen ein Überleben in Vielfalt zu ermöglichen.

Unter anderem thematisieren sie hier die Debatte um die sogenannten Eigenrechte der Natur – aber sie erwähnen mit keinem Wort, dass diese Ansätze schon seit den 1980er Jahren auch scharf kritisiert worden sind, unter anderem aus antifaschistischen Kreisen: Die Einsetzung der Natur als Subjekt von Rechten im menschlichen Rechtssystem könne nur durch Menschen vollzogen werden, so eine Hauptkritik – es bleibe aber offen, welche Natur und welche Art derart privilegiert werden sollten, welche Menschen das mit welcher Legitimation tun dürfen. Zwar verweisen die Autoren selbst auf Warnungen vor einer »Ökodiktatur«, geißeln Parolen vom »Klimanotstand« und mahnen – verknüpft mit den Erfahrungen aus der Coronapandemie – eine Stärkung der Demokratie an: Ohne »sehr schnelle und sehr radikale Veränderungen« der jahrzehntelang eingeübten Politikrituale »verlieren wir die Freiheit, uns selbstbestimmt zu beschränken«. Trotzdem schlagen sie im Rückgriff »Vetorechte« für die Natur vor, was eben ein Mandat, verliehen und ausgeübt durch Menschen, impliziert.

Das mündet in eine Erörterung, die sie als »Systemfrage« klassifizieren: »Eine Ökonomie, die so kompromisslos auf Wachstum geeicht ist wie unser (…) Kapitalismus, ist (…) eher Teil des Problems als Teil der Lösung.« Daraus folgt aber nicht etwa eine historisch-materialistische Kapitalismuskritik. Statt dessen stimmen sie (nach einer Philippika gegen zentralistische Ökoplanwirtschaft mit teils kruden Beispielen) ein schillernd-illustriertes Loblied auf einen anderen, besseren Kapitalismus an – nämlich einen, der die Privatisierung der Profite nicht ankratzt, die weitere Vergesellschaftung von Umweltfolgeschäden aber unterbindet. Geschehen soll das durch Wiederbelebung des in Vergessenheit geratenen Verursacherprinzips – Stichwort »Managerhaftung«. Wenn es doch so einfach wäre.

Dirk Steffens, Fritz Habekuss: Über Leben. Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden. Penguin Verlag, München 2020, 239 Seiten, 20 Euro

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