21.03.2020 / Titel / Seite 1

EU verlässt Italien

Mehr Tote durch Covid-19 als in China. Solidaritätsbekundungen aus Berlin. Beijing und Havanna schicken Mediziner

Gerhard Feldbauer

In Italien sind bereits mehr Menschen an der Erkrankung Covid-19 gestorben als in der Volksrepu­blik China. 3.405 Todesfälle wurden am Freitag von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA gemeldet. Das sind 475 mehr als am Donnerstag. Insgesamt seien 33.190 Personen positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Premierminister Giuseppe Conte sagte am Donnerstag, dass die Ausgangssperre über den bislang festgelegten 3. April hinaus verlängert werde. Neben der Schließung von Schulen, öffentlichen Einrichtungen und Geschäften erwägt die Regierung in Rom sogar ein Verbot aller Freizeitaktivitäten im Freien.

Ein beispielloses Drama spielt sich in der Lombardei, dem Epizentrum der Pandemie in Italien, ab. Regionalpräsident Attilio Fontana von der ultrarechten Lega forderte angesichts der steigenden Todeszahlen am Freitag die Regierung in Rom auf, das Militär einzusetzen, um die Ausgangssperre durchzusetzen. Das berichtete das Nachrichtenportal stol.it.

Bereits am Donnerstag hatte der in der Lombardei für Gesundheit zuständige Regionalkommissar Giulio Gallera laut ANSA am Donnerstag gesagt, die Krankenhäuser stünden vor dem Kollaps. In der rund 122.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt Bergamo sind bisher fast 400 Menschen gestorben. Armeelastwagen mussten am Donnerstag weitere Särge in die Stadt liefern. Da die Friedhöfe überfüllt sind, würden die Lastwagen die Särge zum Teil auch gleich abtransportieren. Die Bestattungsunternehmen kämen laut Medienberichten nicht mehr hinterher. Wenn Beerdigungen stattfänden, dann im Abstand von 30 Minuten, damit die Trauernden sich nicht anstecken.

Die Bundesregierung sichert Italien unterdessen ihre »Solidarität« zu, so Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. Deutschland nehme Anteil am Leid der Menschen in Italien und trauere mit dem italienischen Volk um die Toten. Dem tapferen und unermüdlichen Einsatz im italienischen Gesundheitswesen und Beispielen des Bürgersinns gälten Respekt und Bewunderung, so Seibert.

In Italien kann man mit den netten Worten aus Berlin nicht soviel anfangen. Der Mailänder Corriere della Sera kritisiert die fehlende Zusammenarbeit in der EU, insbesondere den Alleingang der BRD in der gegenwärtigen Situation. Angesichts der »Weigerung der Deutschen, den Euro wie eine wirklich gemeinsame Währung zu steuern«, würde »eine Rettungsaktion für Italien mit von außen diktierten Bedingungen aus moralischer Sicht wie Gift und politisch destabilisierend wirken«. Das könne bei der nächsten Gelegenheit, also Neuwahlen, »eine nationalistische, antieuropäische Regierung hervorbringen, die bereit ist, die gemeinsame Währung zu verlassen«.

Zumindest auf Hilfe aus Havanna kann man sich in Italien verlassen. Am Samstag werden 53 Ärzte und Krankenschwestern aus Kuba in der Lombardei erwartet, wie das Nachrichtenportal Cubadebate am Donnerstag berichtete. Wegen des Personalmangels hatte die Region die Unterstützung angefordert. Am Donnerstag war bereits ein Team von 37 chinesischen Ärzten und Sanitätern mit 20 Tonnen Material in Mailand eingetroffen, in den kommenden Tagen sollen weitere folgen.

Bereits am 12. März war eine neunköpfige Gruppe von Experten aus der Volksrepublik in Italien angekommen. Um die Hilfe hatte Außenminister Luigi Di Maio bei seinem Amtskollegen Wang Yi gebeten. Di Maio bedankte sich in den »sozialen Medien« noch am selben Abend in einem Video für diese Form der Solidarität: »Wir sind nicht allein. Es gibt Menschen in der Welt, die Italien helfen.«

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