14.03.2020 / Titel / Seite 1

Corona kriegt Kontra

Covid-19-Pandemie: Hilfsgüter und Experten aus der VR China in Italien eingetroffen. BRD geht nationalen Sonderweg

Jörg Kronauer

China weitet seine Hilfsmaßnahmen für besonders schwer von der Covid-19-Pandemie betroffene Länder aus. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag traf auf dem Flughafen Rom-Fiumicino ein neunköpfiges Expertenteam aus der Volksrepublik ein, um Italien im Kampf gegen das Virus zur Seite zu stehen. Mit an Bord des Airbus »A350« von China Eastern waren 31 Tonnen medizinisches Material, darunter vor allem Schutzkleidung und Intensivpflegeausstattung. Schon am Mittwoch war ein Flugzeug mit Hilfsgütern aus der ostchinesischen Provinz Zhejiang nach Italien aufgebrochen. Die Maßnahmen folgen einer entsprechenden Vereinbarung zwischen Chinas Außenminister Wang Yi und seinem italienischen Amtskollegen Luigi Di Maio. Wang sagte dazu, Beijing wolle sich mit den Hilfsmaßnahmen für die »wertvolle Unterstützung« aus Rom während der schlimmsten Phase der Epidemie in China bedanken.

Italien ist bereits das dritte Land, in das Beijing ein Team von Medizinern und weiteren Experten zur Bekämpfung der Pandemie entsendet. Zuvor waren chinesische Spezialisten bereits im Iran und im Irak eingetroffen. Chinesische Hilfslieferungen, vor allem Gesichtsmasken und weitere Schutzkleidung, aber auch Testkits, sind mittlerweile ebenfalls in mehrere Länder geflogen worden, darunter neben Iran und Irak auch Südkorea und Japan. Eingebunden in die Aktivitäten sind neben offiziellen Stellen auch Stiftungen – die Alibaba Foundation und die Jack Ma Foundation. Die Hilfsmaßnahmen für Italien haben dabei freilich eine besondere Bedeutung. Mit ihnen springt Beijing nicht nur einem Land Europas zur Seite – des Kontinents, der China einst zu kolonisieren versuchte und dessen Selbstverständnis es bis heute nicht entspricht, auf chinesische Hilfe angewiesen zu sein. Die Unterstützung aus der Volksrepublik trifft zudem ein, nachdem andere EU-Staaten, nicht zuletzt Deutschland, mit einem Exportverbot etwa für Atemschutzmasken die üblichen Phrasen von angeblicher Solidarität in der Union als inhaltsloses Gerede entlarvt hatten.

Unterdessen schnellen in Europa nicht nur die Zahlen der Covid-19-Ansteckungs- und -Todesfälle in die Höhe und überschritten am Donnerstag jeweils deutlich die Schwelle von einem Drittel der chinesischen Fälle – dies bei rasant weiter steigender Tendenz. Auch die wirtschaftlichen Folgen treten immer klarer zutage. Weltweit sind längst nicht mehr nur die Tourismus- und die Verkehrsbranche sowie die Gastronomie schwer betroffen. Risse in den globalen Lieferketten aufgrund von Produktionsausfällen in China machen sich in zahlreichen Branchen weltweit ebenso bemerkbar wie eine krasse Unterbesetzung der Belegschaften in Betrieben, weil Lohnabhängige erkrankt sind, sich in Quarantäne begeben haben oder nach Schulschließungen ihre Kinder betreuen. Nach ihrem dritten Kollaps binnen nur drei Wochen am Donnerstag fingen sich die Börsenkurse gestern zunächst wieder. Stabil sind sie freilich trotz umgehender Zinssenkungen mehrerer Notenbanken und anderer Stützungsmaßnahmen seitens der EZB nicht: Wirkliche Abhilfe kann nur, darauf wies unter anderem Jens Weidmann hin, der Präsident der Bundesbank, »die Eindämmung der Epidemie« schaffen. Die ist – jedenfalls im alten Westen – nicht in Sicht. Dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ­gestern unbeschadet der Ankündigung milliardenschwerer Hilfsprogramme durch die Bundesregierung selbst Verstaatlichungen »in hochsensiblen Bereichen« nicht ausschließen wollte, spricht Bände.

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