15.02.2020 / Wochenendbeilage / Seite 4 (Beilage)

Geschäft mit Gift

»Eine fotografische Untersuchung« des Agrochemiekonzerns Monsanto. Einleitung und Fotos: Mathieu Asselin, Text: Frédérique Wallis Davy

Mathieu Asselin

Monsanto (mit der Übernahme durch die Bayer AG am 7. Juni 2018 wurde der Name gestrichen, jW) verfügt allein in den Vereinigten Staaten über mehr als 50 sogenannte Superfund Sites (hochgradig kontaminierte Gebiete). Im Umfeld dieser Areale gibt es Hunderte von Gemeinden die mit katastrophalen Folgen für Gesundheit und Umwelt zu kämpfen haben. Nichtsdestotrotz macht Monsanto im Vertrauen auf seine guten Beziehungen zur US-Regierung – insbesondere zu der Food and Drug Administration (Behörde für Lebens- und Arzneimittel) – so weiter, wie es dem Unternehmen passt: mit Desinformationskampagnen und unerbittlichen Angriffen auf Institutionen und Einzelpersonen, die es wagen, seine Verbrechen aufzudecken. Der Konzern bringt neue Technologien und Produkte auf den Markt, während sich Wissenschaftler, Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen um Themen wie öffentliche Gesundheit, Nahrungsmittelsicherheit und ökologische Nachhaltigkeit sorgen – Bereiche, die untrennbar mit der Frage unseres Überlebens auf diesem Planeten verbunden sind. Besorgniserregend ist vor allem die Erzeugung und Vermarktung von genetisch veränderten Organismen (GVO), mit denen Monsanto ein neues Kapitel in der Missachtung unseres Planeten aufgeschlagen hat. Mit Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart des Agrochemiekonzerns soll dieses Projekt aufzeigen, wie die nahe Zukunft von Monsanto aussehen wird.

Am 13. Januar 1962 begann unter der Präsidentschaft John F. Kennedys offiziell die »Operation Ranch Hand« – der ursprüngliche Titel »Operation Hades« (nach dem antiken griechischen Gott des Todes benannt) war wegen der allzu offensichtlichen Assoziation zurückgenommen worden. Damit sollte der Kampf der südvietnamesischen Armee gegen das kommunistische Nordvietnam unterstützt werden. An diesem Tag hob ein Flugzeug der US-Luftwaffe vom Militärstützpunkt Tan Son Nhat ab, an Bord über 800 Liter »Agent Violet«. Die nach den Farben des Regenbogens benannten Herbizide auf Dioxin- oder Arsenbasis wurden von sieben US-amerikanischen Konzernen, darunter Monsanto, produziert. Die zuverlässigsten Schätzungen gehen davon aus, dass bis 1971 rund 83 Millionen Liter Entlaubungsmittel – von denen 65 Prozent Dioxin enthielten – über Wäldern und ländlichen Gegenden abgelassen wurden. Manche Gebiete wurden zehnmal oder sogar öfter damit »behandelt«. »Agent Orange« – das giftigste dieser Herbizide – wurde 1965 eingeführt. Bis zu 4,8 Millionen Vietnamesen, Kambodschaner, Laoten aber auch US-amerikanische Truppen und deren Verbündete waren dieser Chemikalie direkt ausgesetzt.

Die »Operationen« zerstörten landwirtschaftliche Nutzpflanzen, das Ökosystem des Waldes und forderten Tausenden zivile und militärische Todesopfer. Zehn Prozent des südvietnamesischen Territoriums (16.797 Quadratkilometer) wurden mit Dioxin verseucht. Das betraf vor allem Agrarregionen mit insgesamt 3.181 Dörfern. In einer Studie der Columbia University von 2003 wurde demonstriert, dass schon 80 Gramm Dioxin in der Trinkwasserversorgung ausreichen würden, um eine Stadt mit acht Millionen Einwohnern auszulöschen.

Diese Zahlen sind erschütternd. Die tatsächlichen Auswirkungen sind jedoch mit Sicherheit deutlich stärker. Dioxin ist bioakkumulativ – reichert sich also entlang der Nahrungskette an und wird durch Fleisch, Eier, Fisch und Milchprodukte wie auch durch Muttermilch weitergegeben. Zudem ist es teratogen und kann bei einem Embryo Fehlbildungen verursachen: Mehr als 500.000 Babys wurden mit solchen Anomalien geboren; die Zahl der Fehl- und Totgeburten lässt sich nur schwer feststellen. Dioxin ist verantwortlich für 33 verschiedene Krankheiten, und mehr als zwei Millionen Menschen leiden an Krebs und anderen Erkrankungen, die auf die Chemikalienbelastung zurückzuführen sind. 400.000 Menschen sind tot oder haben Behinderungen. Können wir also ernsthaft leugnen, dass Vietnam Opfer chemischer Kriegführung geworden ist?

Die Auswirkungen der »Operation Ranch Hand« sind allgegenwärtig, sowohl in Vietnam als auch für US-Veteranen. Rund drei Millionen Soldaten erfüllten ihre »Pflicht« im Namen eines »Friedenskonzepts«, das von der US-Regierung in Washington propagiert wurde. Auf dem Höhepunkt des Krieges 1969 waren über 550.000 Angehörige des US-Militärs in Vietnam stationiert. Viele der Überlebenden, wie auch ihre Nachfahren, sind durch den Einsatz der Entlaubungschemikalien schwer geschädigt worden. Den Soldaten war die Gefährlichkeit der Herbizide damals nicht bewusst. Und es gibt Gründe anzunehmen, dass die US-Regierung die Gefahren bis Ende der 1960er nicht realisierte. Aber die Hersteller dieser Produkte mussten die Risiken kennen.

Mathieu Asselin: Monsanto. A Photographic Investigation. Verlag Kettler, Dortmund 2017, 156 Seiten (Englisch), 55 Euro

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