14.01.2020 / Inland / Seite 4

Weitere Belege für Polizeigewalt

Silvesternacht in Leipzig-Connewitz: Videos und Augenzeugenberichte belasten Einsatzkräfte

Für die Polizeigewalt in der Silvesternacht in Leipzig-Connewitz sind weitere Belege aufgetaucht. Das Nachrichtenportal Buzz­feed News Deutschland berichtete am Freitag von mehreren ihm vorliegenden Videos sowie Gesprächen mit Betroffenen, deren Berichte durch das Filmmaterial gestützt würden.

Polizeibeamte waren demnach in eine Menschengruppe geprescht, hatten auf einzelne Personen eingeschlagen und sie mit Tritten traktiert. Weitere Polizisten zogen einen Mann an den Haaren aus der Menge, und ein Beamter trat nach ihm, bevor er abgeführt wurde. Mitten auf der Straßenkreuzung war ein offenbar bewusstloser Mensch zu sehen, an dem Polizisten vorbeigingen. Ein Beamter stieg sogar über den Mann, ohne sich um ihn zu kümmern.

Drei Videos seien Buzzfeed-Reportern über verschiedene Personen zugespielt worden, berichtete das Portal. Zusätzlich hätten die Journalisten Gespräche mit 15 Augenzeugen und drei Menschen, die nach eigenen Angaben selbst von der Polizeigewalt betroffen waren, geführt. Die vollen Namen und Kontaktdaten aller Augenzeugen und Betroffenen sowie die der Urheber von zwei der drei Videos seien der Redaktion bekannt.

Rund 1.000 überwiegend friedlich feiernde Menschen hatten in der Silvesternacht im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz 250 Bereitschaftspolizisten gegenübergestanden Nach Mitternacht war eine kleinere Gruppe auf Polizeibeamte losgegangen, wohl um eine Festnahme zu verhindern.

Kurz nach der Auseinandersetzung gegen 0.15 Uhr wurde ein 38jähriger Beamter ins Krankenhaus eingeliefert – die Polizei sprach zunächst von einer lebensgefährlichen Verletzung und einer Notoperation, was sich im nachhinein als starke Übertreibung herausstellte. Zudem wurde behauptet, ein brennender Einkaufswagen sei direkt in eine Gruppe Polizeibeamter geschoben worden. Am 2. Januar schwächte das sächsische Landeskrimialamt in einer Mitteilung diese Darstellung deutlich ab. Von einer Notoperation war keine Rede mehr, sondern nur noch von einer stationären Krankenhausaufnahme. Der brennende Einkaufswagen war plötzlich nur noch »in Richtung« der Einsatzkräfte geschoben worden. Augenzeugen, die am 2. Januar von der Taz zitiert wurden, hatten demnach berichtet, er sei rund 30 Meter von den Polizeieinheiten entfernt auf der Kreuzung abgestellt worden.

Buzzfeed zitiert unter anderem eine Frau, die nach eigener Schilderung von Polizeibeamten mit Faustschlägen ins Gesicht misshandelt wurde. »Ein Polizist hat mir ein Piercing aus dem Ohr geschlagen«, sagte Laura N. dem Bericht zufolge. Ihrem Freund seien mehrere Haare abgerissen worden. Er habe den Rest der Silvesternacht mit einem blauen Auge in einer Zelle verbracht. Offenbar ging es den Beamten darum, alle Personen festzusetzen, die sich durch bloße Anwesenheit verdächtig gemacht hatten. Aus den Reihen der Einsatzkräfte sei die Anweisung »Nehmt alles mit!« zu hören gewesen.

Nach der Entlassung des Lebensgefährten von Laura N. hatte die Bild ein Foto seiner Festnahme veröffentlicht und darüber getitelt: »Angriffe auf Polizisten durch linksextreme Terroristen – Polizei warnt vor neuer RAF«. Seitdem traue er sich kaum noch vor die Tür – er fühle sich bei jedem seiner Wege argwöhnischen Blicken ausgesetzt, sagte der Betroffene laut Buzzfeed News den Reportern des Onlinemagazins.

Die Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag hatte am Donnerstag vergangener Woche eine Aufarbeitung der Vorgänge der Silvesternacht in Leipzig-Connewitz beantragt. Die Landesregierung solle über die Einsatzplanung der Polizei und deren Kommunikationsstrategie aufklären, hieß es. Einen Tag zuvor war bereits ein junger Mann im Schnellverfahren wegen der mutmaßlichen Angriffe auf Polizisten verurteilt worden. (jW)

https://www.jungewelt.de/artikel/370488.ausschreitungen-in-neujahrsnacht-weitere-belege-für-polizeigewalt.html