10.12.2019 / Schwerpunkt / Seite 3

Mit der Bibel in der Hand

Bolivien: Evangelikale Gruppen als Speerspitze gegen linke Regierung von Evo Morales. Mehrere rechte Präsidentschaftskandidaten

Björn Brunner und Araceli Gómez, La Paz

Dicht gedrängt stehen am 7. November Kokabauern aus Los Yungas neben Bewohnern aus La Paz, El Alto und weiteren Städten. Sie sind gekommen, um an der »Volksversammlung« der Gewerkschaft der Kokabauern (ADEP Coca) teilzunehmen, für die sich unter anderem Luis Fernando Camacho, der erzreaktionäre und religiös-fundamentalistische Oppositionsführer aus Santa Cruz angekündigt hat. Aus den Lautsprechern schallt die hypnotisierende Stimme einer Pastorin: »Christus wird kommen, Evo wird gehen! Gott befreie Bolivien aus der Dunkelheit und der Sklaverei, aus aller Unterdrückung und aus dieser teuflischen, perversen, satanischen, bösen und grausamen Ideologie. Und führe uns in dein bewundernswertes Licht, wo Frieden, Liebe und Demokratie herrschen. Jesus Christus ist in allen von uns, er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wir wollen, dass das Wort Jesu Christi diese Nation wieder regiert. Das kann Realität werden, wenn wir Bolivien jetzt befreien.« Wenige Tage später tritt Evo Morales, der bei den Wahlen am 20. Oktober wiedergewählte Präsident Boliviens, unter dem Druck gewaltsamer Proteste sowie gezwungen von Polizei und Militär zurück.

Die reaktionäre Rolle der christlichen Kirchen hat in Bolivien Tradition. Seit der Eroberung Lateinamerikas diente insbesondere der Katholizismus zur Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung sowie der Zerschlagung ihrer Kulturen. Auch wenn noch heute ein Großteil der lateinamerikanischen Bevölkerung angibt, katholischen Glaubens zu sein, steckt die Kirche in einer Krise. Das wird besonders an den rückläufigen Mitgliederzahlen deutlich. Bekannten sich in Bolivien 1995 noch 83 Prozent der Bevölkerung zum Katholizismus, waren es im Jahr 2013 nur noch 76 Prozent.

Evangelikale auf Vormarsch

Die 1906 eingeführte Religionsfreiheit öffnete erstmals der protestantischen Kirche das Tor nach Bolivien. Heute existieren über 200 mehrheitlich evangelikale, aus den USA stammende Kirchen im Land. Besonders um die Jahrhundertwende stieg der Anteil an Protestanten von sieben Prozent im Jahr 1996 auf bis zu 17 Prozent 2013.

Während katholische Priester ein umfassendes theologisches Studium vorweisen müssen, ist der Werdegang für Evangelikale einfacher. Pastor Carlos aus La Paz erklärt gegenüber jW, dass nach einigen Jahren aktivem Engagement in der Kirchengemeinde lediglich ein halbjähriges Seminar notwendig ist, um Pastor zu werden. Hürden wie Glaubensdogmen und Zölibat existieren nicht, und den Gemeinden steht viel Geld zur Verfügung.

Kurz nach der Wahl vom 20. Oktober riefen evangelikale Kirchenoberhäupter wie Luis Aruquipa vom »Consejo Nacional Cristiano« (National-christlicher Rat, CNC) zum Widerstand und zur Mobilisierung gegen die »korrupte Regierung« auf. Seit dem Amtsantritt von Morales bekämpften evangelikale Führer progressive Gesetzgebungen zur Religionsfreiheit, Geschlechtsidentität oder zur Reform des Abtreibungsgesetzes (siehe Hintergrund). Offene Sympathie hegt Aruquipa für Camacho, der Katholik ist, dessen Auftreten jedoch stark an das der Evangelikalen erinnert.

Gespaltene Rechte

Das Agieren von Aruquipa, Camacho und Co. ebnete schlussendlich den Weg zum Putsch, der, gestützt von Polizei und Militär, von einer Vielzahl christlich-religiöser Symbolik begleitet wurde. »Die Bibel kehrt in den Palast zurück«, erklärte die selbsternannte »Interimspräsidentin« Jeanine Áñez, als sie am 12. November ihr Amt antrat. Einige Tage zuvor hatten Camacho und Marco Pumari, Chef des »Civicos« (Bürgerkomitee) von Potosí, im Regierungspalast bereits eine Bibel niedergelegt und erklärt, dass »Gott« nun an die Regierung zurückkehren werde.

Am 24. November verabschiedete die Putschregierung mit den Stimmen der Abgeordneten von Morales’ Partei »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) ein Gesetz für Neuwahlen. Dabei wird die bolivianische Rechte voraussichtlich gespalten antreten. Neben den Hardlinern Camacho und Pumari haben auch Carlos Mesa von der »Comunidad Ciudadana« und Chi Hyun Chung von der Christdemokratischen Partei (»Partido Demócrata Cristiano«) ihre Kandidatur angekündigt. Unterdessen demonstrierten die Mitglieder der MAS am Wochenende auf ihrem Parteitag in Cochabamba Einigkeit und Stärke und riefen für den 18. Dezember zu einer weiteren Zusammenkunft auf, um ihren Präsidentschaftsbewerber zu bestimmen. Morales, der eine erneute Kandidatur ausschloss, wurde zum Wahlkampfchef gewählt.

Die sozialen Kämpfe in Lateinamerika sind Thema auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz am 11. Januar 2020 in Berlin.

Während der ersten Amtszeit von Evo Morales wurde 2009 eine neue Verfassung verabschiedet, die seither das Fundament des Plurinationalen Staates Bolivien darstellt. Ein Element des neuen Grundgesetzes ist die Trennung von Religion und Staat.

Die neue Verfassung stellt jegliche Diskriminierung aufgrund von sexuellen Präferenzen und der Geschlechtsidentität unter Strafe. Seit 2016 ermöglicht zudem das Gesetz zur Geschlechtsidentität eine einfache Veränderung von Name oder Geschlecht in den Ausweisdokumenten. Ende September 2017 stimmte das Abgeordnetenhaus Boliviens einer Gesetzesänderung zu, die Abtreibungen in bestimmten Fällen legalisiert. Selbstbestimmte Schwangerschaftsabbrüche gelten jedoch weiterhin als Straftatbestand.

Im Frühjahr 2019 wurde das Gesetz 1161 zur »Religionsfreiheit« verabschiedet, das allen Religionsgruppen in Bolivien die gleichen Rechte garantiert. Das Gesetz verpflichtet Kirchen unter anderem dazu, den Staat über ihre finanziellen, adminis­trativen, rechtlichen und sozialen Aktivitäten zu informieren.

Während Vertreter der Katholischen Kirche dem Gesetz zustimmten, äußerten Zusammenschlüsse der protestantischen Kirche in Bolivien heftige Kritik. »Dieses Gesetz möchte uns so behandeln, als ob wir Unternehmen wären«, beklagte Luis Aruquipa, Präsident des »Consejo Nacional Cristiano«, und fügte hinzu: »Für die evangelikale Kirche ist Gott der einzige, der Christen regiert und wir akzeptieren kein Gesetz, das unsere Verwaltung einschränkt.«

Vor der Wahl am 20. Oktober riefen evangelikale Führer wie Aruquipa dazu auf, rechte Kandidaten bei den Wahlen zu unterstützen. Nicht zuletzt dadurch lässt sich das unerwartet gute Abscheiden des evangelikalen Pastors Chi Hyung Chung als Kandidat des »Partido Demócrata Cristiano« erklären, der 8,7 Prozent der Stimmen erhielt. (bb/ag)

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