18.11.2019 / Ansichten / Seite 8

Tropenhelm auf

Mehr deutsches Militär nach Afrika

Arnold Schölzel

Die belgische Kolonie Kongo, eines der rohstoffreichsten Gebiete der Welt, wurde 1960 formal unabhängig. Seitdem führt der Westen dort Krieg, steigerte ihn in den 90er Jahren bis zum »Afrikanischen Weltkrieg« mit geschätzt etwa zehn Millionen Toten. Kongos erster Ministerpräsident, Patrice Lumum­ba, hatte sich um Hilfe gegen »westliche Aggression« an die Sowjetunion gewandt und wurde deswegen im Januar 1961 im Auftrag Washingtons ermordet. Die DDR plakatierte: »Seine Mörder sitzen auch in Bonn«, und benannte Schulen und Straßen nach ihm. In der heutigen Großbundesrepublik wird sein Name für ein Getränk verwendet, das auf Weihnachtsmärkten ausgeschenkt wird. Es verursacht Übelkeit in jeder Hinsicht.

Wo so etwas zur Folklore gehört, berichten die Medien fast nicht darüber, wenn der seit Januar amtierende Präsident der Demokratischen Republik Kongo (DRK), Félix Tshisekedi, in Berlin Industrieverbände, Außenminister, Bundespräsident und Kanzlerin trifft. Das tat er am Donnerstag und Freitag. Verbindliches gab es nicht. Dennoch sah Angela Merkel ein »neues Kapitel in den Beziehungen«, sprach über Hilfe im »Rohstoffbereich« und »strategisches Interesse« und freute sich, dass Tshisekedi »die Beziehungen zum Internationalen Währungsfonds wieder hat aufleben lassen«. An der G-20-Initiative »Compact with Africa«, die am morgigen Dienstag mit vielen Staatschefs Afrikas in Berlin tagt, nimmt die unter EU-Sanktionen stehende DRK nicht teil. Die beiden Amtsvorgänger Tshisekedis, der Lu mumba-Anhänger Laurent-Désiré Kabila und dessen Sohn Joseph, Absolvent einer Beijinger Militärhochschule, waren im Westen äußerst unbeliebt. Die Leitmedien helfen bis heute nach und berichten über Korruption in der DRK – die DDR bestand schließlich auch aus Mauer und »Stasi«.

Aber es gibt neue Tatsachen. Die VR China hat heute am Export der DRK einen Anteil von 40 Prozent, beim Import von 20 Prozent. Das steht stellvertretend für den Kontinent.

Nun naht Hilfe. Emmanuel Macron ruft nach mehr EU-Militär in Afrika, und Berlin setzt den Tropenhelm auf. Paris sieht im Zerfall der meisten Staaten Westafrikas, den es 2011 durch den Krieg gegen Libyen gemeinsam mit Großbritannien und den USA herbeigeführt hatte, ein Sicherheitsproblem erster Ordnung. Das frankophone Kolonialreich droht anderen in die Hände zu fallen. In Macrons Perspektive relativiert das die angeblich von Russland ausgehende Gefahr. Passend ernannte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Rede vom 7. November an der Bundeswehr-Universität in München die Sahelzone zum deutschen Interessengebiet. Am Sonnabend meldete der Spiegel, dass seit Monaten an konkreten Plänen für eine »robuste« Kriegsausweitung in Mali gearbeitet wird und daran, ein deutsches Kriegsschiff vor die Küsten Chinas zu schicken. Der Kongo zeigt: 60 Jahre Krieg hält die Rohstoffpreise niedrig. Er lohnt sich.

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