16.11.2019 / Ansichten / Seite 8

Land unter

Klimaschutzgesetz verabschiedet

Wolfgang Pomrehn

So sieht also Klimaschutz nach den Vorstellungen der Berliner Koalition aus: Wir sparen hier und dort ein paar Tonnen CO2 ein, lassen die Bevölkerung ein bisschen mehr für Benzin und Heizung zahlen, reichen das Geld per Pendlerpauschale an den in den Speckgürteln lebenden Mittelstand weiter, während die ärmeren Haushalte draufzahlen. Und unterm Strich ist alles für die Katz. Denn die am Freitag per Klimaschutzgesetz im Bundestag beschlossene Minderung der Treibhausgase reicht hinten und vorne nicht, um die Klimaziele zu erreichen.

Auf deutlich unter zwei Grad Celsius soll die globale Erwärmung im Verhältnis zum vorindustriellen Niveau beschränkt werden, wurde 2015 in Paris international verabredet. Nach Möglichkeit sogar auf 1,5 Grad Celsius, denn sollte es wärmer werden, so hat die internationale Gemeinschaft der Klimawissenschaftler im letzten Jahr den Regierungen ins Stammbuch geschrieben, dann nimmt zum Beispiel die Gefahr von Dürren und Waldbränden wie derzeit in Australien drastisch zu. Auch könnte ein Teil der großen Eismassen auf Grönland oder in der Antarktis so weit destabilisiert werden, dass ihr Abtauen nicht mehr zu stoppen sein würde. Die Folge wäre in den nächsten Jahrhunderten ein Meeresspiegelanstieg um etliche Meter. Zwei Meter bis zum Ende dieses Jahrhunderts erscheinen derzeit nicht mehr ganz unwahrscheinlich.

Soll das vermieden werden, darf die Menschheit nur noch rund 340 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft blasen. Legt man die Bevölkerungszahlen zugrunde, wäre Deutschlands Anteil daran 3,8 Milliarden Tonnen CO2. Alles, was darüber hinausgeht, wird uns in eine Welt jenseits der Pariser Klimaziele, eine Welt großer Dürren und Hungersnöte, führen. In eine Welt, in der Hunderte von Millionen Menschen ihre Häuser an den Küsten verlassen müssen.

Genau auf diesem Wege befindet sich Deutschland mit dem nun beschlossenen Gesetz. Die darin vorgesehenen Emissionsmengen bedeuten, dass Deutschland seinen Anteil schon lange vor 2030 aufgebraucht haben, aber trotzdem immer weiter Treibhausgase emittieren wird – von Klimaschutz weit und breit keine Spur.

Übrigens: In Italien lehnte der Rat der Region Venetien am Dienstag abend mit der Mehrheit der konservativen und faschistischen Parteien alle von der Opposition vorgeschlagenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels ab. Nur zwei Minuten nach diesem Votum drang das Mittelmeer in den Saal ein. Das passierte erstmals in der Geschichte des Rates, dessen Gebäude in Venedig am Canale Grande liegt. Die Lagunenstadt erlebte zu Beginn der Woche den höchsten Wasserstand ihrer Geschichte. An der Spree wird es nicht ganz so schnell gehen. Doch wenn in einigen Jahrtausenden das Eis an den Polen vollständig verschwunden sein sollte, wird vom Reichstagsgebäude bestenfalls noch die Kuppel aus dem Wasser gucken.

https://www.jungewelt.de/artikel/366916.land-unter.html