23.09.2019 / Politisches Buch / Seite 15

Der Wellenbrecher

Fragen aufgeworfen, ohne sie zu beantworten: Roger Moorhouse erzählt die Geschichte des polnischen Verteidigungskrieges von 1939

Reinhard Lauterbach

Der Titel der Studie von Roger Moorhouse über den polnischen Verteidigungskrieg gegen Nazideutschland im Jahr 1939 ist ein Zitat. Die Parole »Wir waren die ersten, die gekämpft haben« zierte in den Kriegsjahren Plakate, mit denen die polnische Diaspora in den USA und Großbritannien für ihr Land warb. Solche Propaganda war bitter nötig (und im Ergebnis nur mäßig erfolgreich), denn für seine westlichen Alliierten war Polen ein strategisch zweitrangiger Verbündeter. Für die zweite Kriegshälfte, als das Bündnis mit der Sowjetunion für Großbritannien und die USA entscheidend wichtig war, um Nazideutschland maximal zu schwächen und dabei eigene Kräfte zu schonen, ist das breit dokumentiert; der britische Historiker Moorhouse ergänzt nun das Bild um eine populär erzählte Geschichte des ersten Kriegsmonats und seiner diplomatischen Vorgeschichte.

Er tut das mit der Überzeugung, dass Großbritannien im September 1939 »mehr hätte tun können«, um den polnischen Verbündeten zu entlasten und zu verteidigen. Den faktischen Gegenbeweis, dass eine schnelle Eröffnung von Kampfhandlungen im Westen durch Großbritannien und Frankreich Polen hätte retten können, bleibt er aber zwangsläufig schuldig.

Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht, wie die polnische Bevölkerung den deutschen Angriff erlebte. Gestützt auf zahlreiche archivalische Quellen und die reichhaltige, in Deutschland bisher kaum rezipierte polnische Erinnerungsliteratur, zeichnet er das Bild einer Nation, die weniger vom Beginn des Krieges als solchem überrascht war als von der rücksichtslosen Brutalität, mit der die deutschen Angreifer ihn führten. Luftangriffe auf unverteidigte Städte wie Wielun und Frampol, Beschuss von Flüchtlingskolonnen aus der Luft und in ihrer Schnelligkeit von niemandem erwartete Panzervorstöße schufen eine Atmosphäre der Panik, so dass die polnischen Verteidigungsanstrengungen ins Chaos abglitten – ganz abgesehen davon, dass die polnische Armee ihrem Gegner allenfalls bei der Zahl der Soldaten halbwegs gleichkam, bei technischen Kriegsmitteln wie Flugzeugen und Panzern aber im Verhältnis 1:5 unterlegen war. Der ganze polnische Militäretat sei geringer gewesen als die Summe, die Deutschland für die Ausrüstung einer einzigen Panzerdivision ausgegeben habe, schreibt Moorhouse an einer Stelle. Schon nach wenigen Kriegstagen beherrschte Görings Luftwaffe uneingeschränkt den Himmel über Polen und verbreitete das lähmende Gefühl, dem Gegner und seiner Willkür vollkommen ausgeliefert zu sein. Die USA haben »Shock and Awe«, wie sich hier zeigt, nicht erfunden.

Wo die polnische Armee vorbereitete Verteidigungsstellungen besaß, kämpfte sie in der Regel zäh und konnte den deutschen Vormarsch verlangsamen. Aber sobald die Front im Nachbarabschnitt durchbrochen wurde und den in den Stellungen ausharrenden Truppen die Einkreisung drohte, wurde der Rückzug angeordnet, und der geriet im Feuer deutscher Flugzeuge und Artillerie oftmals zum Massaker. Immer wieder verweist Moorhouse darauf, dass die polnischen Bunkerlinien etwa nördlich von Warschau nur halb fertig gewesen seien. Erst im Juli 1939 sei mit dem Bau der Stellungen am Fluß Narew begonnen worden, wo sich bei dem Dorf Wizna das ereignete, was heute in Polen die »polnischen Thermopylen« genannt wird: ein aussichtsloser Kampf bis zum letzten Mann.

Dieser Topos der »halbfertigen Befestigungen« kommt zu häufig vor, als dass dieser Zustand ein Zufall gewesen sein kann. Polen hatte offensichtlich erst im Frühjahr 1939 begonnen, die deutsche Bedrohung ernst zu nehmen. Warschau hatte sich zwischen 1934 und 1938 Berlin angenähert und mit deutscher Zustimmung im Oktober 1938 von der Tschechoslowakei das Olsagebiet (»Teschener Schlesien«) geholt – um nur wenige Wochen später mit deutschen Forderungen bezüglich des sogenannten Korridors und Danzigs konfrontiert zu werden. Damals begann in Polen die hektische Suche nach belastbaren Bündnissen. Formal wurden die auch gewährt: Großbritannien garantierte im März 1939 die polnische Unabhängigkeit – nicht aber, was häufig übersehen wird, Polens damalige Grenzen. Und als der Krieg im August 1939 unmittelbar bevorstand, hielt Großbritannien den osteuropäischen Verbündeten hin. Premierminister Chamberlain wusste schon im August und sprach es gegenüber Vertrauten aus, dass er Polen nicht werde helfen können. Dafür gab es objektive Gründe: Schon 1938 im Zuge der Sudetenkrise hatten britische Militärs gewitzelt, die Royal Navy könne leider nicht »in die böhmischen Gewässer einlaufen«; das britische Landheer war weit weg und ohnehin zu schwach, um die Wehrmacht aufhalten zu können.

Die Frage stellt sich, ohne dass Moorhouse sie beantwortet: Warum ging Großbritannien gegenüber Polen Verpflichtungen ein, von denen es selbst wusste, dass es ihnen nicht würde nachkommen können? Die landläufige Erklärung lautet, London habe Hitler abschrecken wollen und seine Entschlossenheit zum Krieg unterschätzt. War aber die sowjetische Wahrnehmung so weit von der Realität entfernt, dass die Energie der deutschen Aggression nach Osten abgeleitet werden sollte – mit dem bekannten Ergebnis, dass Moskau es vorzog, sich dann auf eigene Faust mit Hitler zu arrangieren, nachdem der Versuch einer kollektiven Abwehr an britischem, französischem und nicht zuletzt polnischem Widerstand gescheitert war? Moorhouse weicht dieser Frage aus. Dennoch wäre seinem Buch auch eine deutsche Ausgabe zu wünschen.

Roger Moorhouse: First to Fight. The Polish War 1939. Random House, London 2019, 400 Seiten, 14,99 Euro. Polnische Ausgabe: Polska 1939. Pierwsi przeciw Hitlerowi. Znak Horyzont, Krakow 2019, 461 Seiten, 65 Zloty (circa 15 Euro)

https://www.jungewelt.de/artikel/363360.september-1939-der-wellenbrecher.html