18.09.2019 / Feuilleton / Seite 11

Sie kennt sich aus

Familiensache: Das HipHop-Debüt »The Return« von Sampa the Great

Christian Meyer

Afrozentrisch wäre der falsche Begriff. Auf »The Return« von Sampa the Great finden sich wohl Afrobeat-Einflüsse, und der Opener ist fast vollständig in Bemba, der Bantusprache Sambias gerappt, doch man hört eben auch R ’n’ B, Grime, vor allem Boom Bap. Die Platte lässt sich sehr gut ins HipHop-Regal stellen.

Sampa Tembo, so ihr bürgerlicher Name, wurde in Sambia geboren und wuchs in Botswana auf. Mit 19 Jahren zog sie nach San Francisco, um Musik für visuelle Medien zu studieren, weiter ging’s in Sydney mit Audiotechnik. Seither liegt ihr Lebensmittelpunkt in Australien. Damit unterscheidet sich ihre Biographie deutlich von denen der meisten anderen schwarzen Künstlerinnen und Künstler. Und natürlich ist Sampas Bezug zum »Motherland« Afrika ein anderer als derjenige US-amerikanischer Rapper.

Sampa verarbeitet in ihren Stücken zwar Rassismuserfahrungen, die sie in Australien machen musste, den identitätspolitischen Zeigefinger lässt sie jedoch unten. In einem Interview mit dem Radiosender Beats 1 erzählte sie: »Das bin ich, von hier komme ich – und so weit bin ich gekommen.« »The Return« bezeichnet sie als Rückkehr zu sich selbst. Womit auch der etwas seltsame Debüttitel verständlich wird.

Häufig handeln Sampas Texte vom Musikbusiness, von der »Industry«, ein relativ neues Terrain für die junge, schwarze Frau. Geldverdienenmüssen auf der einen, der Wunsch nach kompromisslosem künstlerischen Ausdruck auf der anderen Seite – Themen, die mehr als nur ein bisschen an die Künstlerinnenidentität rühren und an subkulturelle Diskurse der 90er im Indierock oder Deutschrap erinnern. Das hat man lange nicht gehört. Dabei läuft es bei Sampa ausgezeichnet. Sie wird gefeiert, heimst Preise ein, tourt mit den richtigen Leuten, mit Kendrick Lamar, Little Simz, Joey Badass, Thundercat.

Es verwundert nicht, dass an »The Return« eine Menge Künstlerinnen und Künstler beteiligt waren, mit vielen hat Sampa bereits bei ihren Mixtapes zusammengearbeitet. Produziert haben die Platte unter anderem der australische Jazzmusiker und Produzent Silentjay und das in London ansässige Duo Blue Lab Beats. Dass Jonwayne sie abgemischt hat, trägt wahrscheinlich zu dem Stones-Throw-typischen, leicht verwaschenen Sound mancher Tracks bei, der UK-Vibe anderer Stücke wiederum dürfte auf Kwes Darkos Konto gehen. Sampa beschreibt den Produktionsprozess als intim, gleichzeitig hatten die Produzenten genug Freiheiten, ihr eigenes Ding zu machen. Das braucht anscheinend Zeit. Das Album sollte bereits vergangenes Jahr erscheinen. Doch wer weiß, vielleicht war ja auch die Industry schuld.

Auf 14 Tracks sind unterschiedliche Rapper, Sänger, Musiker und Familienmitglieder zu hören. Das Album wirkt beinahe wie eine Kompilation, zusammengehalten wird es durch Sampas zwar klassischen, aber abwechslungsreichen Rap-Style. Sampas Kopfstimme geht nicht unbedingt leicht ins Ohr, stört allerdings auch nicht groß. Die Musik selbst schleppt sich mitunter absichtlich träge dahin, dann wieder sind die Beats drängend, die Atmosphäre düster. Auf dem ersten Track »Mwana« singt nicht nur Sampas Schwester, es gibt darauf auch ein Sprachsample ihrer Mutter. Dass die anscheinend nichts davon weiß, macht die Sache noch sympathischer. Die Tracks, auf denen niemand außer Sampa zu hören ist, sind jedoch die stärksten. Der Beat von »Final Form« ist bombastisch und angenehm ausgeruht zugleich. »OMG«, so der Titel eines weiteren Stücks, steht für »Oh My Gosh« und erinnert an Grime. Bläsersoundschnipsel, schnelle Raps und treibende Beats haben hier klassischen HipHop hinter sich gelassen, das schrille Video erinnert an Auftritte Deichkinds.

»The Return« ist keine Ghetto-Music, Gerede über Knarren und Karren gibt’s nicht. Auch Instagram-Kids auf Codein sollten wenig damit anfangen können, benebelter Sound ist Sampas Sache nicht. Sie betrachtet HipHop und Rap als Musik der Befreiung, als universelle Sprache. Die Referenzen sind nicht so sehr Popzitatspiel – postnationale Realness einer klugen Rapperin, die sich auskennt in der Welt, trifft’s besser.

Sampa the Great: »The Return« (Ninja Tune/Good to Go)

https://www.jungewelt.de/artikel/363072.hiphop-sie-kennt-sich-aus.html