12.08.2019 / Feuilleton / Seite 10

Schimäre in Grün

Umweltbilanz verheerend: »Mit dem Elektroauto in die Sackgasse«, das neue Buch von Winfried Wolf

Sabine Kebir

Ob das Elektroauto zur nachhaltigen Lösung der Verkehrs- und Umweltprobleme der Zukunft beiträgt, mag mancher schon bezweifeln. Dass es diese Probleme sogar verschärfen wird, legt eine Studie von Winfried Wolf dar. In Elektroautos werden große Mengen nur endlich vorhandener Rohstoffe verbaut, u. a. Kupfer und Lithium, die zudem oft in umweltschädigenden und menschenrechtlich unzulässigen Verfahren, z. B. durch Kinderarbeit gefördert werden. In Chile führt der Lithiumabbau zur Zerstörung von nicht regenerierbaren Grundwasserreserven.

Die vielgepriesene Freiheit von schädlichen Emissionen erweist sich als Schimäre, wenn man die Emissionen berechnet, die bei der Produktion, aber auch im Betrieb anfallen, etwa den durch Abrieb der Reifen entstehenden Feinstaub, dessen Menge durch das das große Gewicht der Wagen höher ausfällt.

Ungünstig sieht sogar die Energiebilanz des Elektroautos aus: Die Strommenge die es auf der Straße verbraucht, kann in den nächsten Jahrzehnten nicht aus erneuerbaren Energieträgern erzeugt werden. Deshalb denken die meisten Staaten nicht daran, die Kohleförderung zu reduzieren, sondern weiten sie aus. Das dabei entstehende CO2 wird also nicht auf den Straßen, sondern schon vorher, bei der Energiegewinnung, freigesetzt. Oft ist der angepeilte Umstieg auf Elektromobilität für Regierungen keinesfalls ein Anlass, einen Ausstieg aus der Atomenergie zu erwägen, sondern deren Produktion erheblich zu erhöhen. Das ist zum Beispiel im Nachbarland Frankreich der Fall.

Auch China, das wegen der Förderung der Elektromobilität oft gelobt wird, erzeugte bis 2017 nur 26 Prozent seiner Energie mit alternativen Verfahren und setzt beim geplanten drastischen Ausbau der Elektromobilität auf Energie aus Steinkohle und Atomspaltung. Heute gibt es dort 39 Atomkraftwerke, weitere 19 sind im Bau. Wegen der vergleichsweise geringen Reichweite der Elektroautos führt selbst ein staatlich stark subventionierter Preis meist nicht zum Ersatz eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor, sondern zum Kauf eines Zweitwagens für kürzere Wege. Da sich diese Tendenz überall zeigt, wo Elektromobilität gefördert wird, ist nicht absehbar, dass sich die Menge der Autos und damit die Verkehrsdichte auf den Straßen verringert. Selbst wenn man annimmt, dass sich die Umweltbilanz der Elektromobilität doch als günstiger herausstellen sollte, ist keineswegs absehbar, dass sich das Gros der Entwicklungsländer auf diese Technologie einlassen wird. Und gerade dort wird die Mobilität – allein schon aus demographischen Gründen – in den kommenden Jahrzehnten enorm ansteigen.

Nur weil die von Wolf physikalisch-mathematisch überzeugend belegte schlechte Umweltbilanz medial weitgehend beschwiegen wird, kann das Elektroauto seinen Käufern bislang ein fortschrittlich-grünes Image verschaffen. Wenn es nicht mehr nur Zweitwagen Besserverdienender, sondern Transportgerät normaler Familien werden soll, müsste die Anzahl von Ladegeräten enorm erhöht und die Ladezeit erheblich reduziert werden. Das wiederum setzt gewaltige Investitionen voraus, die die Autoindustrie nicht ohne erhebliche Zuschüsse des Steuerzahlers tragen will. Wolf weist nach, dass bereits mit der geplanten CO2-Steuer die Allgemeinheit an der Subventionierung der privaten Elektromobilität kräftig beteiligt sein wird.

Zur raschen, quantitativ und qualitativ stark verbesserten Entwicklung und Vernetzung des öffentlichen Verkehrs sieht Wolf keine Alternative. Nach Verlautbarungen der Politik soll es – parallel zur Entwicklung der privaten Elektromobilität – dazu auch kommen. Leider aber lässt sich in Norwegen – dem Land mit der höchsten Dichte an Ladestationen und Elektroautos – gegenwärtig sogar ein Rückbau des öffentlichen Verkehrswesens beobachten.

Dass sich die deutsche Autoindus­trie nun auf die Entwicklung von Elektroautos zu konzentrieren scheint, hängt mit dem Streben zusammen, vom noch immer nicht ausgestandenen Dieselskandal abzulenken. Als tatsächliche Bremse hat aber wohl der Ausstieg aus der Kohleverstromung und der Atomenergie gewirkt. Um die für die Elektromobilität nötige enorme Energiemenge bereitzustellen, müssten beide Stromarten künftig importiert werden.

Winfried Wolf: Mit dem Elektroauto in die Sackgasse, Promedia, Wien 2019, 216 S., 17,90 Euro

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