12.08.2019 / Schwerpunkt / Seite 3

Mann über Bord

In Deutschland werden zu wenig Seeleute ausgebildet. Reeder setzen auf Ausflaggung

Burkhard Ilschner

Ohne Seeleute kein maritimes Know-how: eine einfach anmutende Erkenntnis. Seit Jahren wird kritisiert, die Ausflaggungspolitik deutscher Reeder trage stark dazu bei, hierzulande immer weniger Seeleute auszubilden – was auch der maritimen Branche an Land Probleme beschert. Der ehemalige Präsident des Bundesverbands der See- und Hafenlotsen (BSHL), Kapitän Kurt Steuer, hat jetzt in einem Beitrag für das Magazin Hansa die Sache auf den Punkt gebracht und fordert sofortiges Handeln.

Steuer, Vorstandsmitglied des Nautischen Vereins zu Hamburg, stellt kategorisch fest, maritimes Know-how werde eben nicht nur in der eigentlichen Seefahrt benötigt, »sondern auch für die Bereiche Logistik, Umschlag, Versicherungen, Finanzen, Reedereimanagement, Schiffbau und Zulieferer, Umwelt, Ausbildung, Forschung, Fischerei, Regelung und Management des Verkehrs auf den Wasserstraßen«. Einfache Seeleute schließen ihre Ausbildung ab mit sogenannten Befähigungszeugnissen oder Wachbefähigungen, viele qualifizieren sich anschließend weiter und erwerben Kapitänspatente. Laut Steuer sind in den 1960er Jahren allein in der damaligen BRD jährlich bis zu 900 Wachbefähigungen und 700 Kapitänspatente für internationale Fahrt ausgegeben worden. So sei auch der maritimen Wirtschaft an Land der Nachwuchs gesichert worden.

Solche Zahlen würden bei weitem nicht mehr erreicht. Steuer nennt ein Beispiel aus seinem eigenen Erfahrungsbereich: Um allein im Lotswesen »die jährlichen Abgänge durch Kapitäne mit angemessenen Fahrtzeiten zu decken«, seien mehr als 200 neue Patente pro Jahr erforderlich, längst würden hier und in anderen Bereichen eigenständige Ausbildungsgänge eingerichtet. Dabei drohe aber »nicht nur der umfassende Ansatz der maritimen Ausbildung« verloren zu gehen, »sondern auch das Selbstverständnis eines Wirtschaftszweiges« – und das sei »nicht einfach« wieder herstellbar.

Steuer verweist abschließend auf die reichhaltigen, den Reedern gewährten Subventionen (Tonnagesteuer, Lohnsteuereinbehalt, Rückerstattung von Beitragsanteilen zur Sozialversicherung) und verlangt unter dem Motto »Fördern und fordern!«, der Staat müsse stärker darauf drängen, dass die finanziell unterstützte Branche ihre Ausbildungs- und Beschäftigungsbemühungen verstärkt.

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