25.07.2019 / Inland / Seite 8

»Containern ist keine Lösung, regt aber Debatten an«

Absurde Verhältnisse: Lebensmittelvernichtung wird geschützt, Essensretter werden kriminalisiert. Ein Gespräch mit Christian Walter

Oliver Rast

Nicht allen Lesern ist bekannt, was es mit dem Begriff des Containerns auf sich hat. Was verbirgt sich dahinter?

Containernde gehen zu den Mülltonnen von Supermärkten und holen dort genießbare Lebensmittel heraus, um sie selbst zu essen oder an andere zu verteilen. Es ist erschreckend, welche Mengen man dabei findet.

Verbreitet sich das Containern hierzulande? Kann man von einer Art Szene sprechen?

Als ich vor gut zehn Jahren damit angefangen habe, war das eher eine unbekannte Randerscheinung. Mittlerweile kennen viele Menschen zumindest den Begriff, es wird gesellschaftlich darüber diskutiert, und immer mehr Interessierte probieren es aus.

Seit wann gibt es denn die Initiative »Aachen containert«?

Ich habe vor ein paar Jahren die Facebook-Seite »Aachen containert« gegründet. Sie wurde zu einer Art Anlaufstelle für Interessierte, über die Seite entstand eine zunächst lose Community. Als dann in Aachen zwei Aktivisten kriminalisiert wurden und eine Anzeige wegen »schweren Diebstahls« bekamen, konnte diese Vernetzung direkt genutzt werden, um eine Solidaritätsgruppe auf die Beine zu stellen. Nach 14 Monaten, in denen wir demonstrierten und eine Petition ins Leben riefen, sah sich das Gericht 2017 gezwungen, den Fall ohne Auflagen einzustellen. Das war ein großer Sieg, der gezeigt hat, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss – und dass Solidarität eine starke Waffe ist.

Wie sieht die Rechtsprechung bei dem Thema in der BRD aus?

Es gab Verurteilungen zu Sozialstunden oder kleineren Geldstrafen. Aber in fast allen Fällen, wo Widerstand organisiert wurde, konnte dies abgewendet werden.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Chance, dass Containern legalisiert werden könnte?

Das Dogma der bürgerlichen Gesellschaft ist der Schutz von Privateigentum. Das gilt selbst für »Müll«. Würde man hier Gesetze lockern, könnten Menschen auf die Idee kommen, Besitzansprüche auch bei anderen Themen in Frage zu stellen – beispielsweise bei Wohnraum oder, weiter gedacht, beim Besitz an Produktionsmitteln. Das schließt natürlich nicht aus, dass das Containern legalisiert werden könnte. Aber dafür muss noch deutlich mehr gesellschaftlicher Druck erzeugt werden.

Wie sehen Sie das: Ist Containern bereits Kapitalismuskritik, bezogen auf die Lebensmittelfrage?

Viele Aktivisten wollen sich vom »falschen Konsum« frei machen, wollen eine zerstörerische Wirtschaftsweise nicht mit ihrem Geld unterstützen. Die Frage ist aber: Kann man den Kapitalismus durch das eigene Konsumverhalten abschaffen oder auch nur verändern? Es wäre ein sehr langwieriger Weg, der organisierte Boykott­kampagnen bräuchte. Und es würde nicht automatisch dazu führen, dass weniger weggeworfen würde. Bestenfalls würde die Produktion auf mehr Bio-, vegane oder angeblich fair gehandelte Produkte umgestellt.

Dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden, hängt unmittelbar mit dem Kapitalismus zusammen: Wenn verschiedene Lebensmittelketten konkurrieren, wollen sie alle optimale Bedingungen vermeintlicher Kundenfreundlichkeit herstellen. Dazu gehört, durch Werbung künstlich Bedürfnisse zu schaffen und die Verkaufsregale bis kurz vor Ladenschluss gut gefüllt zu haben – selbst wenn deswegen kurz danach kistenweise Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Unter diesen Bedingungen ist eine nachhaltige Entwicklung undenkbar. Eine Lösung ist das Containern nicht – aber es kritisiert den Status quo und kann helfen, Debatten anzuregen.

Gibt es öffentliche Unterstützung für das Containern?

Die Bundestagsfraktion von Die Linke hat bereits mehrfach Initiativen gestartet, um die rechtliche Situation für Containernde zu verbessern. Kürzlich haben sich auch Teile der Grünen engagiert: Der Hamburger Justizsenator Till Steffen hatte eine – letztlich erfolglose – Bundesratsinitiative zur Entkriminalisierung gestartet. Die größte Unterstützung kommt aber aus der Bevölkerung: Kaum jemand versteht, warum Lebensmittelvernichtung staatlich geschützt wird und Essensretter kriminalisiert werden.

Christian Walter ist Gründer der ­Initiative »Aachen containert«

aachencontainert.blogsport.de

https://www.jungewelt.de/artikel/359416.wegwerfen-von-lebensmitteln-containern-ist-keine-lösung-regt-aber-debatten-an.html