16.04.2019 / Sport / Seite 16

Die Sache mit den Laternen

Vom Kampf der Fußballfünftligisten BSG Chemie Leipzig und FSV Luckenwalde um den Wiederaufstieg

Ronald Kohl

Es ist ein Duell der Nichtgiganten. Im vorigen Sommer stiegen die BSG Chemie Leipzig und der FSV Luckenwalde gemeinsam ab. In der laufenden Spielserie liefern sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Wiederaufstieg in die vierte Liga. Und es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Vereine standen früher jahrzehntelang im Schatten privilegierter Nachbarn.

Die Rivalität zwischen der BSG Chemie und dem 1. FC Lokomotive ist legendär. Beschlüsse des Fußballverbandes der DDR sicherten damals in allen Bezirken den Wechsel herausragender Spieler von den kleineren Betriebssportgemeinschaften zu den größeren Klubs. Im Grunde war es wie heute, nur dass kein Geld floss. Als Gipfel der Gemeinheit empfanden zu Beginn der 70er Jahre viele in Leipzig-Leutzsch, wo die BSG Chemie nach wie vor beheimatet ist, den Abtransport von Stahlelementen für eine Flutlichtanlage – die bereits zur Montage bereitstehende Konstruktion wurde gemäß Verbandsbeschluss kurzerhand auf Sattelschlepper verladen und in Jena aufgestellt. Womit die Funktionäre unmissverständlich klarmachten, wen sie im internationalen Wettbewerb vorzuzeigen gedachten.

Die Straßenlaternen, die in Luckenwalde am Spielfeldrand dafür sorgten, dass der Ball auch an Winterabenden beim Training zu sehen war, blieben unangetastet. Sich in der drittklassigen Bezirksliga Potsdam zu behaupten, war für den FSV dennoch Jahr für Jahr ein zäher Kampf. Es mangelte der Stadt an einem finanzkräftigen Großbetrieb. Überdurchschnittliche Spieler, auch von außerhalb, waren so kaum an den Verein zu binden.

Im 30 Kilometer nördlich gelegenen Ludwigsfelde kannte man diese Sorgen nicht. Hier wurden in einem großen Werk Lastkraftwagen für den Export produziert, der Rubel rollte. Bei Motor Ludwigsfelde liefen Erstligaspieler aus der Sowjetunion auf, die in der DDR ihren Wehrdienst absolvierten. Zeitweilig schien für Motor ein Aufstieg in die DDR-Oberliga machbar.

Heute ist der Ludwigsfelder FC froh, wenn er den Spitzenmannschaften in der fünften Liga hin und wieder ein Bein stellen kann. Am Sonnabend hatte er die BSG Chemie zu Gast. Die Leipziger gingen die Partie im Waldstadion offensiv an. Doch zeigten sich die hochmotivierten Gastgeber dem Druck gewachsen und kamen zu gelegentlichen, wenn auch meist harmlosen Kontern. Es entwickelte sich ein ausgeglichenes, nicht übermäßig attraktives Spiel. Ein Höhepunkt der ersten 45 Minuten war der Moment, in dem der Stadionsprecher den ältesten Fan der Ludwigsfelder begrüßte: Harry aus Babelsberg, 96 Jahre jung. Dann fiel drei Minuten vor dem Halbzeitpfiff doch noch ein Tor. Für Ludwigsfelde. Paul van Humbeeck hatte sich auf der rechten Seite durchgemogelt und aus kurzer Distanz den Ball ins lange Eck gehämmert.

In der Pause treffe ich Andy Müller, den sportlichen Leiter von Chemie. Die Frage, warum die BSG denn unbedingt in die Regionalliga zurück wolle, beantwortet er mit einem Hinweis auf den Reiz, sich als Amateurverein mit Mannschaften zu messen, die unter professionellen Bedingungen arbeiten. Und, ja natürlich auch wegen der Derbys mit Lok. Eine heikle Frage ist die nach dem Unterbau, also welche Chancen denn der eigene Nachwuchs auf Plätze in der ersten Mannschaft hat. Müller: »Wir verfolgen ja das Ziel, dass wir alte Chemiker, die damals noch bei Sachsen Leipzig im Nachwuchs gespielt haben, wieder zu uns holen, also Spieler, mit denen sich die Fans auch identifizieren können. Das ist unser Weg. Es wird nicht so sein, dass wir irgendwelche ausgemusterten Profis von irgendwo herholen.«

Die zweite Halbzeit beginnt wie die erste, nur mit etwas mehr Glück für Leipzig. Nach 52 Minuten steht es 1:1. Keine Minute nach dem Ausgleich kommt der Ludwigsfelder Christopher Lemke frei vor dem Leipziger Gehäuse zum Schuss, scheitert jedoch am Torwart. Bei der nächsten Hundertprozentigen scheitert er an der Latte. Am Ende kann Leipzig mit dem Unentschieden zufrieden sein.

Am Sonntag holt Luckenwalde bei der Reservemannschaft von Carl Zeiss Jena einen Punkt. Es bleibt also spannend.

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