15.04.2019 / Feuilleton / Seite 11

Harte Tür, weiche Tür

Im Dokfilm »Berlin Bouncer« erzählen drei Türsteher vom Nachtleben und von sich

André Weikard

Frank Künster hockt auf einer Bierbank. Der wuchtige Kerl mit dem fast kahl rasierten Kopf ist zum Klassentreffen in die Provinz gereist. Den dagebliebenen Mehrfachpapas in Outdoorkleidung ihm gegenüber haut er Sätze um die Ohren, die beginnen mit: »Ich will ja nicht sagen, dass hier alles rückständig ist, aber …« Was der Frank, der mit seinen Unterarmtattoos aussieht wie ein Schwerkrimineller, so macht, wer genau er ist, weiß hier niemand. In Berlin kennt man ihn. Da wurden Fotos seines nackten, behaarten Körpers in den Straßen plakatiert. Ein Matratzenhändler warb so mit dem Mann, den die Boulevardpresse als »Berliner Original« feiert.

Ein Dokfilm wird ihn nun auch landesweit bekannt machen. Ihn und zwei weitere Männer. Sie alle eint ihr Job: Sie sind Türsteher. Sie sind die Schleusenwärter der Nacht. In ihrer Rolle mit scheinbar unbeschränkter Macht ausgestattet wie Petrus an der Himmelspforte.

Sie entscheiden, wer »in« ist und wer »out«. Und das seit Jahrzehnten. Sie sind Zeuge des Berliner Nachtlebens von der »Wendezeit« bis heute. Regisseur David Dietl hat mit seinen drei Protagonisten aber vor allem deshalb einen Glücksgriff getan, weil alle drei keine starken Kerle mit verschränkten Armen und beschränktem Horizont sind, sondern sensible, nachdenkliche Männer.

Da ist Smiley, der dunkelhäutige GI, der nach Berlin kam, um eine Grenze zu bewachen. Türsteher, die habe es beim Militär auch gegeben. In die Kaserne sei nur reingekommen, wer sich ausweisen konnte oder wer angemeldet war, erzählt er. Zum Machowitz: »Gut für die, die mehrere Freundinnen hatten«, lächelt er nur matt. So ist Smiley nicht. Seinen Namen bekam der Mann von den karibischen Jungferninseln, weil er die Warteschlange vor den Clubs nicht grimmig, sondern gut gelaunt und zuvorkommend moderiert.

Ganz anders Sven Marquardt. Der mit zahlreichen Gesichtstattoos und Piercings dekorierte Fotokünstler mit Dutt und Karl-Lagerfeld-Attitüde reibt die Fingerspitzen zärtelnd aneinander. Seine Kamera trägt er im Louis-Vuitton-Täschchen umher, und nachts hebt oder senkt die Diva unter den Türstehern ihren Daumen über die einlasswilligen Décadents, die im Berghain ihr hedonistisches Hipstertum feiern.

Und dann eben Frank. Der sentimentale Bär, der um die Schließung des »King Size« trauert wie um den Tod eines Freundes. Derselbe Frank, der vor vielen Jahrzehnten die Zimmertür nicht mehr öffnen wollte an einem Heiligabend, wie sich seine Schwester erinnert: »Und dann wurde es mir klar. Diese Tür bleibt zu. Wir haben danach nie mehr Heiligabend zusammen gefeiert.« Frank schwänzte die Schule, trampte nach Spanien, taucht nach Monaten wieder auf und dann endgültig ab, ins Berliner Nachtleben.

Filmemacher David Dietl, Sohn des verstorbenen Schickeria-­aufs-Korn-Nehmers Helmut Dietl, hat zwar kein Gesellschaftsporträt geschaffen, er hat sich dem Mythos des Berliner Nachtlebens kein Stück angenähert. Aber er hat die Geschichte dreier außergewöhnlicher Männer erzählt, mit denen er zum Teil ungewöhnlich intime Momente erlebte.

Smiley wird darüber reden, wie es ist für einen Sohn, beim Tod der Mutter nicht bei ihr sein zu können. Und wie er seine beiden Kinder beschützt, wenn Menschen ihn in der Öffentlichkeit wiedererkennen, die er einmal ausgesperrt hat. Marquart wird auf die Frage, ob er gerne eine Beziehung hätte, lange aufs Meer hinausblicken und dann antworten: »Nein, ich glaube, dann hätte ich eine.« Und Frank wird darüber reden, dass er 5.000 Freunde hat. Menschen, die ihn auf der Straße erkennen, mit ihm Umarmungen oder Küsschen tauschen. Viele davon sind im Film zu sehen. Er wird aber auch sagen, dass nur sehr wenige echte Freunde darunter sind.

Es wird viel geredet über die angesagtesten Clubs und darüber, ob sie eine »harte Tür« haben oder eine »weiche«. Die harten Männer in »Berlin Bouncer« (Bouncer: engl. für Türsteher) zeigen sich von ihrer weichen Seite. Das unterläuft Klischees. Und das ist gut so.

»Berlin Bouncer«, Regie: David Dietl, Deutschland 2019, 87 Min., bereits angelaufen

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