15.04.2019 / Feuilleton / Seite 10

Der Blick auf den Fremden

Meisterhafte Konzentration: Michael Thalheimers Inszenierung von Shakespeares »Othello« am Berliner Ensemble

Erik Zielke

Weit und schwarz und leer ist die große Bühne des Berliner Ensembles (BE). Nur ein schwarzes Schlagzeug steht im Hintergrund auf einem Podest, jenes Instrument, das Michael Thalheimer seit dem Kindesalter spielt. Nach einem Schauspielstudium und Engagements an verschiedenen Theatern wechselte er ins Regiefach. Seit der Spielzeit 2017/18 ist er Leitender Regisseur am BE, wo er sich vor einem halben Jahr bereits mit Shakespeare beschäftigt hat (»Macbeth« in Heiner Müllers Fassung). Am Sonnabend hatte dort nun sein »Othello« Premiere, wieder geprägt von Thalheimers Gespür für den richtigen Rhythmus und großer Musikalität.

Die ersten Takte des Schlagzeugs (Musik: Bert Wrede) sind zu hören – schneidend, treibend. Othello (Ingo Hülsmann) tritt nach vorne – nackt, mit roter Farbe markiert. Von hinten tritt Desdemona (Sina Martens) an ihn heran, ebenfalls unbekleidet, auch sie mit Farbe, allerdings weißer, bedeckt. Zu impulsiver werdenden Rhythmen umschlingt sie leidenschaftlich ihren Gemahl. Es folgt eine Choreographie der körperlichen Liebe, die mit einem eindrucksvollen Bild endet: Othello wiegt sich auf Dedesmona, die auf dem Rücken liegt, und umfasst ihren Hals mit seinen Händen. Würgt er sie? Ist das Ausdruck von Brutalität oder von Hingabe? Zeigt sich hier schon das »Animalische« in der Titelfigur, das ihn zum Mörder an der Geliebten werden lässt? Nein, so einfach ist es nicht. Thalheimer zeigt dem Publikum, was es sehen will, was es zu sehen bereit ist. Shakespeare hat kein rassistisches Stück über den wilden Fremden geschrieben, sondern eine große Tragödie über den rassistischen Blick der Gesellschaft. Das ist überaus klug und trifft, aufgesetzten Debatten über die richtige Besetzung der Rollen mit weißen, schwarzen oder irgend sonst kategorisierten Schauspielern zum Trotz, den Punkt.

Wenn die Farben der Körper sich beim Liebestanz vermischen – Othello gar nicht mehr so blutrot scheint, Desdemona nicht mehr so rein weiß wie zuvor –, stellt sich das Problem nochmals in aller Deutlichkeit dar: Ist sie, die den Fremden liebt, nun eine andere? Wird er durch sie mehr zu »einem von uns«? Und sind das Fragen, die wir dargestellt sehen wollen, wenn »Othello« im Spielplan steht? Wessen Blick wird hier vorgeführt? Zentral ist ein mehr als zwanzigköpfiger, uniformgrau bemäntelter, dazu maskierter Chor. Fünf mehr als überzeugende Darsteller treiben ihr Spiel und sind gleichzeitig dem Spiel ausgesetzt, während der Chor (Leitung: Marcus Crome) kommentiert und hetzt – vor allem aber schweigend mit durchdringendem Blick das Geschehen verfolgt. So sieht auch das Publikum auf die Handlung und ihre Figuren, auf Intrige und Blutrünstigkeit, auf Stillschweigen und fremdenfeindliche Abscheu. Nicht die Beweggründe für das Handeln des Einzelnen, etwa des undurchsichtigen Jago, herausragend gespielt von Peter Motzen, geraten so in den Mittelpunkt, sondern die außerordentliche Situation im Gefüge der Mehrheitsgesellschaft. Auch wer nur zusieht, schweigend erträgt oder sich bestätigt fühlt, ist Teil der Tragödie.

All das fügt sich scheinbar leicht zu einem spannungsvollen Theaterabend, weil Thalheimer ein Meister der Konzentration ist. In weniger als zwei Stunden lässt er das Drama spielen, ohne dass man sich um Essentielles beraubt fühlte. Die Inszenierung will – das ist zu spüren – das Verstehen fördern. Die starke Übersetzung des Schriftstellers Werner Buhss, die den Vers nicht leugnet, ist dabei ebenso hilfreich wie das Vermögen der Schauspieler, mit diesem Text umzugehen. Thalheimer reduziert die handelnden Figuren auf ein Minimum. Für die aufreibende Darstellung bedarf es weder der Geliebten Cassios noch des zypriotischen Gouverneurs Montano. Der schwarze Hauptmann Othello, seine Frau Desdemona – auch sie Opfer eines sehr männlichen Blicks –, der Soldat Cassio, der die Gunst seines Hauptmanns durch falsches Spiel verliert, der Strippenzieher Jago und dessen Frau Emilia, Kammerfrau der Desdemona, bewältigen ihn alleine. Letztere, verkörpert durch Kathrin Wehlisch, findet einen ganz eigenen, mal schnoddrigen, mal verzweifelten Ton für die Frage nach der Mitschuld durch Untätigkeit. Überhaupt ist es die exakte Sprachregie, die bei dieser Inszenierung besonders überzeugt. Der Regisseur nimmt den Text ernst und fürchte das Tragische nicht. Das Premierenpublikum dankte mit Applaus und Bravi.

Nächste Vorstellungen: 18. und 25.4., 2., 3. und 10.5., 19.30 Uhr

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