16.03.2019 / Feuilleton / Seite 11

Vollendete Entfremdung

Andauernder gesellschaftlicher Infantilismus – Alfred Sohn-Rethels theoretische Schriften (1947–1990)

Detlef Kannapin

Der biographische und intellektuelle Werdegang des Ökonomen und Philosophen Alfred Sohn-Rethel (1899–1990) widerspiegelt auf schlagende Weise die Probleme eines selbstbestimmten Marxismus im 20. Jahrhundert. Trotz seiner meist stichhaltigen erkenntnistheoretischen und empirischen Befunde über die gesellschaftliche Entwicklung des Monopolkapitalismus und seiner politischen Erscheinungsformen ist Sohn-Rethels Beitrag zur fortschrittlichen Überwindung der Kapitalherrschaft häufig übersehen worden. Das gilt bereits für seine Studien zur Ökonomie des deutschen Faschismus, deren Hauptwirkung er zu Recht als Tendenz zum Rückfall in die Barbarei des absoluten Mehrwerts analysierte. Angesichts dieser Diagnose fällt es nicht schwer, die Möglichkeit der Rückkehr zu solch vormodernen Ausbeutungsgraden wie Arbeitsdienst, Lagerhaltung, Zwangsarbeit und Vernichtung durch Arbeit als systemimmanent für den Kapitalismus zu beschreiben. Die Unterschätzung des Werkes von Sohn-Rethel rührt aber auch daher, dass er stets an den marxistischen Grundlagen einer fortschrittweisenden Philosophie festgehalten und bei persönlicher Bekanntschaft der Protagonisten der Frankfurter Schule deren sukzessive Abkehr von früheren marxistischen Positionen nicht mitgetragen hat.

Seit einiger Zeit werden in loser Folge die Schriften Alfred Sohn-Rethels vollständig zugänglich gemacht. Teil IV umfasst in zwei Teilbänden die theoretischen Schriften von 1947 bis 1990, die um die beiden Hauptwerke, den Aufsatz »Warenform und Denkform« von 1971 und die Abhandlung »Geistige und körperliche Arbeit« von 1970, herum gruppiert sind. »Warenform und Denkform« basiert auf einem Gastvortrag am altertumswissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin aus dem Jahre 1958 und ist gewissermaßen der Extrakt einer Vorstudie zu dem Erkenntnisproblem, wie die dem Kapital wesentlich anhaftende Teilung von intellektueller und manueller Arbeit überwunden werden kann. Zu diesem Zweck ist als Voraussetzung zu verstehen, warum die allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz der Tauschabstraktion die Denkformen und Verstandeskategorien determiniert. Durch die vorherrschende Charakterisierung der Warenform als abstrakte Größe, messbar in dem scheinbar überzeitlichen Äquivalent Geld, überträgt sich die »Selbstverständlichkeit« der Prozesslogik des Warentausches auf die gesellschaftlichen Beziehungen überhaupt und lässt so deren »konkrete« soziale Ursprünge verschwinden.

»Geistige und körperliche Arbeit« nimmt dann den Gesamtvorgang der gesellschaftlichen Synthese von Sein und Denken im Kapitalismus in den Blick und präzisiert ihn im dritten Abschnitt über »Vergesellschaftete Arbeit und private Appropriation« mit Bezug auf die Potentiale des Sozialismus. Dabei gelingen Sohn-Rethel wichtige Einsichten in die Funktionsstruktur tief wirkender Änderungen der Produktionsweise des Imperialismus, die auch in seiner Spätphase nicht aufgehoben sind, sondern sich vielmehr perfektioniert haben. Es geht nach Sohn-Rethel nicht nur darum, den expansiven Charakter des Imperialismus (Lenin, Luxemburg u. a.) zu entschlüsseln. Es geht auch darum, die langfristigen Resultate der produktionsinhärenten Anpassungen der kapitalistischen Produktionsweise an die Monopolkonstellation zu berücksichtigen: Aufspaltung und Intensivierung der zeitlichen Betriebsabläufe, ununterbrochene Produktion, strikte Trennung von Forschung, Entwicklung und Fertigung sowie schließlich die Herausbildung einer Managerschicht als »Usurpatoren« der Kapitalverfügung. Diese Maßnahmen stehen natürlich im Kampf gegen den gesetzmäßigen tendenziellen Fall der Profitrate, erzeugen aber auf lange Sicht einen unlösbaren Widerspruch, nämlich denjenigen zwischen Arbeits- und Marktökonomie. Das hohe Produktivitätsniveau ist nur sehr begrenzt durch Marktexpansion amortisierbar, also muss die Manipulation der Marktregulative stattfinden. Kurzum: Es werden »politische« Preise bezahlt, keine mehr nach Angebot und Nachfrage. Dieser Zustand hält an und wird sich durch die mythologische Anbetung der Digitalisierung noch verschärfen.

Der Hauptfaktor jedoch, der diesem Vorgehen entspringt, ist die Zementierung der Teilung in Hand- und Kopfarbeit, ohne deren Aufhebung kein sozialistisches Projekt realisiert werden kann. Sohn-Rethel: »Den Arbeitern soll also nichts gelassen werden als die bare manuelle Arbeit, während sämtliche Funktionen, auf die sich die Vergesellschaftung ihrer Arbeit gründet, nämlich deren Kombination zum Ganzen eines durchmechanisierten Produktionsprozesses, den Arbeitern entzogen und von der hierarchisch gegliederten spezialisierten Bürokratie der Betriebsleitung im Dienste des Kapitals usurpiert wird. In dieser Usurpation kommt mit der Vergesellschaftung der Arbeit zugleich ihre Entfremdung zur Vollendung.«

Stellt man dann noch in Rechnung, dass innerhalb der Monopolphase des Kapitals der Konjunkturzyklus notwendig wegfällt (Eugen Varga) und eine Reihe von Überschüssen als Kosten verschleiert wird (Paul A. Baran), dann muss konstatiert werden, dass sich im Spätimperialismus die kapitalistische Produktionsweise allein mit politischen Zwangsmitteln am Leben erhält. Dem Abstand zwischen der Sinnlosigkeit der meisten manuellen Tätigkeiten im Produktionsprozess zum erreichten Vergesellschaftungsgrad der Arbeit entspricht ein Bewusstsein auf der Ebene des andauernden gesellschaftlichen Infantilismus, »den Chaplin in ›Modern Times‹ verewigt hat und der in keiner Beurteilung heutiger Kulturäußerungen vergessen werden sollte«. Nur eine politische Intervention, die geistige und körperliche Arbeit auf die Verwirklichung allgemeiner gesellschaftlicher Organisationsziele ausrichtet, kann hier echte Abhilfe schaffen.

Die Schriftenedition ist nicht nur deshalb verdienstvoll, weil sie verschüttetes Wissen wieder zugänglich macht, sondern auch beweist, dass konsequentes marxistisches Denken weiterhin zutrifft.

Alfred Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. Theoretische Schriften 1947–1990. Schriften IV in zwei Teilbänden, hrsg. von Carl Freytag, Oliver Schlaudt und Françoise Willmann. Ça-ira-Verlag, Freiburg/Wien 2018, 1.018 Seiten, 42 Euro

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