12.03.2019 / Titel / Seite 1

Himmel, hilf!

Deutsche Verkehrspolitik: Neue Zeitrechnung bei der Bahn – 15 Minuten Verspätung sind jetzt »pünktlich«. Minister Scheuer fliegt auf Lufttaxis

Ralf Wurzbacher

Pünktlich wie die Eisenbahn? Besser nicht, solange es sich um die Deutsche Bahn handelt. Aber es bewegt sich was. Im Februar sei man im Fernverkehr mit »80 Prozent Pünktlichkeit schon deutlich besser unterwegs« gewesen als im Januar mit 76,3 Prozent, gab Bahn-Chef Richard Lutz gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Montag zum besten. Für das Gesamtjahr 2019 strebt das Unternehmen eine Quote von 76,5 Prozent an, nach 74,9 Prozent im Vorjahr. Damit würden dann schon mehr als drei von vier Reisenden planmäßig von A nach B gelangen.

Dies kommt als Resultat ausgeklügelter Innovation daher: der neuen »Pünktlichkeitsstatistik«. Bislang gilt ein Zug als verspätet, sobald er mindestens sechs Minuten nach der Vorgabe sein Ziel erreicht. In Zukunft soll der einzelne Fahrgast das Maß aller Dinge sein, womit auch berücksichtigt wird, ob er seinen Anschlusszug erwischt oder einen Ersatzzug nehmen muss. Sogar Komplettausfälle will das Unternehmen in die Rechnung einbeziehen. Anders als bisher: Da fuhr ein kaputter ICE zwar nicht los, war aber immer noch »pünktlich«, weil blind für die Statistik. Dem Wert der »Reisendenpünktlichkeit« entgeht dagegen nichts mehr, was ihn freilich ein bisschen dehnbarer macht. »Pünktlich« ist die Bahn neuerdings auch dann noch, wenn der Passagier mit maximal 15 Minuten Verzug ankommt.

Wem das nicht reicht, der soll nach dem Willen der Bundesregierung buchstäblich in die Luft gehen dürfen. Am Montag vormittag stellten Verkehrsminister Andreas Scheuer und Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär (beide CSU) den sogenannten City-Airbus auf dem Rathausplatz im bayerischen Ingolstadt vor. In den kommenden Monaten soll das »Lufttaxi« des führenden europäischen Flugzeugbauers in der Region auf seine Praxistauglichkeit getestet werden. Das Modell ist eine elektrobetriebene, drohnenähnliche Maschine mit vier Sitzplätzen und acht Rotoren. Dieses und ähnliche Flugobjekte sollen künftig in Großstädten Passagiere auf festen Routen befördern.

Bär, die mit ihrem Vorstoß für Flugtaxis noch vor einem Jahr für Gelächter gesorgt hatte, geht inzwischen glatt als Visionärin durch. »Mein Ziel ist es jedenfalls, dass Deutschland in dieser neuen Technologie Weltmarktführer wird«, sagte sie der Rheinischen Post vom Montag. Der Luftverkehr lasse sich sogar leichter und sicherer regeln als der Straßenverkehr, »weil es hier zum Beispiel keine Fußgänger und Fahrradfahrer gibt, und mit dem autonomen Fliegen wird es noch leichter«, so Bär und weiter: »Ich rechne fest mit dem Jungfernflug noch in dieser Legislaturperiode.«

Der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin hält die Pläne für unsinnig. »Am Ende verlagert man den Stau vom Boden in die Luft, oder man schafft sogar noch ein zusätzliches Angebot, das zu noch mehr Verkehr führt«, sagte er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom Montag. Verkehrsminister Scheuer tickt anders. Gegenüber Bild nannte er am Montag die Ankündigung des schwedischen Autoherstellers Volvo, nur noch Fahrzeuge mit maximal 180 km/h Höchstgeschwindigkeit produzieren zu wollen, »eine hochgeblasene Geschichte, die imagegetrieben ist«. Und beim Anblick des City-Airbus war Scheuer gestern hin und weg: »Schaut ziemlich cool aus, jetzt muss er nur noch fliegen.« Bis es soweit ist, drückt die Regierung in den luftverschmutzten Städten ein Auge mehr zu: Die geplanten Ausnahmen von möglichen Dieselfahrverboten sollen auf noch mehr Fahrzeuge ausgeweitet werden, wie am Montag bekannt wurde.

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