13.03.2019 / Thema / Seite 12

Humoristische Theologie

Antifaschismus in historischem Gewand. Mit Thomas Manns »Joseph und seine Brüder« liegt nun das wohl wunderlichste Werk deutscher Exilliteratur in der »Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe« vor

Dennis Püllmann

Neben anderen Klassikern der Exilliteratur wie Anna Seghers’ »Transit« und »Das siebte Kreuz«, Bertolt Brechts »Furcht und Elend des Dritten Reichs« oder den »Flüchtlingsgesprächen« und selbst noch dem »Josephus« von Lion Feuchtwanger, der dem römisch-jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus gewidmet ist, nimmt sich Thomas Manns Romandichtung »Joseph und seine Brüder« reichlich merkwürdig aus. Das liegt nicht nur an dem durch das »1. Buch Mose« der Bibel überlieferten Stoff und der, wie Mann später in einem Brief schrieb, »mehr oder weniger humoristische(n) Theologie der Josephsgeschichten«, sondern auch an der seltsam unbedrückten und überaus freien artistischen Haltung ihres Erzählers. Das Lübeck der Buddenbrooks und das biblische Sichem liegen hier nicht allzuweit auseinander. Zu dieser Freiheit gehört auch, dass die Josephsgeschichte in das 14. vorchristliche Jahrhundert verlegt wird, um so eine Begegnung zwischen Joseph und dem Pharao Echnaton arrangieren zu können. Über den eigentümlichen Charakter seines Werkes war sich Thomas Mann selbst sehr im klaren, ein »Kuriosum« nannte er es einmal, das »wunderlich in dieser Epoche herumliegen werde«. Und doch ist der »Joseph« ein Werk ganz der letzten Jahre der Weimarer Republik und dann der Emigration. Georg Lukács erkannte in ihm sofort ein »Alterswerk ganz besonderer Art. Es ist durch die Kultur der imperialistischen Periode und ihre spezifisch deutsche Variante bestimmt.«¹

Einseitiger Kommentar

Dieses Alterswerk liegt nun endlich auch in der »Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe« vor. Die Tetralogie – »Die Geschichten Jaakobs« (1933), »Der junge Joseph« (1934), »Joseph in Ägypten« (1936) und »Joseph der Ernährer« (1943) – wird in zwei Bänden dargeboten, begleitet von zwei Bänden Apparat, die den kommentierten Text in der Seitenzahl knapp übertreffen. Das ist in dem Fall kein philologischer Übereifer, denn dieses Apparates bedarf der Leser dringend, will er sich nicht in den orientalischen Landschaften, die Thomas Mann 1925 und dann noch einmal 1930 bereist hatte, verlieren. Der die Grenze zum Essayistischen gelegentlich mutwillig überschreitende Stellenkommentar verdient hier eine ebenso aufmerksame Lektüre wie der eigentliche Text. Als Mitherausgeber der Ausgabe wurde nämlich der Ägyptologe Jan Assmann gewonnen, der ideale Führer durch die altorientalischen und biblischen Mythenwelten.

Vielleicht aber nicht unbedingt durch die antike Wirtschafts- und Sozialgeographie, wenngleich sich im Kommentar doch andeutet, wie interessiert Thomas Mann anscheinend Max Webers Schrift über die Wirtschaftsethik des antiken Judentums zur Kenntnis genommen hat. Ist im Roman etwa von »Stapel-, Umschlags- und Geleitgeldern für Waren« die Rede oder wird erwähnt, wie man »durch Kapitalvorschüsse auch freie Bauern sich unterwerfen mochte«, so bleibt dies meist unkommentiert. Wo man es aber einmal wagt, den »Joseph« »historisch-materialistisch« zu lesen, liegt man dann auch eher knapp daneben: Mitnichten ist Jaakobs Brotherr und Schwiegervater Laban »durchgängig als (verkappter) Kapitalist gezeichnet (…), stets auf der Jagd nach Kapital«. Er ist in der so plastischen Darstellung Thomas Manns nicht mehr als ein plumper, freilich stets auf seinen Vorteil bedachter, dabei aber in Sitte und Tradition zutiefst befangener »chaldäischer Geschäfts- und Vertragsmensch«. Als nicht einmal anstößig vermögender Großbauer und Viehzüchter agiert er, wie Jaakob bemerkt, zwar durchaus »hart, und sein Gott ist das unerbittliche Wirtschaftsgesetz«. Dieses unerbittliche Wirtschaftsgesetz bringt vor allem aber Laban selbst in Bedrängnis. Vor dem Geschäftssinn der städtischen Kaufleute und des Finanzkapitals gerettet wird er nur durch Jaakobs Segen, was nichts anderes heißt, als dass die Klasse, für die er steht, in dem Moment zum Untergang verurteilt ist, wo der göttliche Beistand ausbleibt.

Auch Geopolitisches ist im Roman präsent, und das nicht erst in seinen letzten Bänden. So werden gleich zu Beginn der »Geschichten Jaakobs« bei einem Gastmahl ausbleibende Kupfertribute Zyperns, die Herausbildung einer äußerst bedrohlichen Kriegsmacht im Norden (es handelt sich um die in Anatolien und im Gebiet des heutigen Syriens ansässigen Hethiter), neue militärische Bündnisse, separatistische Tendenzen sowie Gründungen neuer Reiche diskutiert. So etwas wird auch im Stellenkommentar zur Kenntnis genommen, vermag die Aufmerksamkeit des Herausgebers jedoch selten solange zu binden wie die Erörterung religionshistorischer Fragen. Dem Erzeuger des Kommentars zum »Joseph«-Roman ergeht es ein wenig wie dem Erzeuger Josephs, also dessen leiblichen Vater Jaakob, bei besagtem Gastmahl: Seine »Teilnahme an der Unterhaltung (war) stark herabgesetzt, seit nicht länger von Gott die Rede war«. Assmanns große Lebensfrage ist eben die »mosaische Unterscheidung«, die epochemachende Verschiebung vom Polytheismus zum Monotheismus, und nicht der ägäische Elfenbein- und Kupferhandel oder das Aufkommen eines antiken Banken- und Kreditsystems.

Ganz zu Recht erinnern die Herausgeber daran, was der »Joseph«-Roman für Thomas Mann »vor allem bedeutete: ein persönliches Monument gegen den Faschismus«. Als solches liegt der Roman sogar voll auf der Linie von Lukács’ fulminanter Kritik der Zerstörung der Vernunft. Eine Schlüsselstelle des dritten Bandes, die Auseinandersetzung Josephs mit dem obskuren Priester des Amun, ist da nur das eindeutigste Statement gegen jeden Irrationalismus und Nationalismus. Jener Beknechons, der stets von seiner persönlichen Schutzstaffel »Gottesmilitär mit Speeren und Keulen« begleitet wird, ist die aufmarschierende Gegenaufklärung in Person: »Während Joseph als Mann der Vernunft und des Fortschritts erscheint, ist sein Gegenspieler (…) ein fanatischer Parteigänger urfrommer Volksordnung und Sittenstrenge, ein geistfeindlicher Glaubenspolitiker, der mit der Waffe des Schreckens droht, ein Ausländerfeind und Reaktionär, der um der Ehre und des Reiches willen den hebräischen Sklaven Joseph-Osarsiph zu demütigen rät.« – Ein echter Romantiker eben.

Gelogene Gedanken

Auf genau diesen hier von den Herausgebern hervorgehobenen Konflikt hatte sich auch Georg Lukács berufen, als er den »Joseph«-Roman als »ein menschlich-individuelles Bild vom Entstehen des Faschismus«² deutete. Doch findet sich ähnliches bereits im ersten Band, wo es oft übersehen wird. Nur ein Beispiel, nicht um die Leistung des Kommentators zu schmälern, sondern um aufzuzeigen, was der Preis seiner immensen Gelehrsamkeit und disziplinären Quellenkenntnis ist: Wenn der Erzähler ganz am Anfang, im Vorspiel zu den »Geschichten Jaakobs«, erwähnt, »dass Joseph schöne babylonische Verse auswendig wusste, die aus einem großen und schriftlich vorliegenden Zusammenhange voll lügenhafter Weisheit stammten«, wird im Stellenkommentar nicht versäumt, auf eine bestimmte dem Autor zur Verfügung stehende Ausgabe einer Übertragung babylonisch-assyrischer Literatur sowie eine zu vermutende Anspielung auf Hesiod hinzuweisen. An dieser Stelle bricht aber eben auch Thomas Manns Kritik der Literaturverhältnisse der Weimarer Republik heftig durch. Und hier bekundet sich eine bemerkenswerte, weil seltene Nähe zu Brecht, genauer: zu dessen Kritik an falscher, trügerischer Weisheit als Ideologieform, wie sie in seinem Gedicht »An die Nachgeborenen« erklingt. Solchen Nähen geht der Kommentar sonst auch gerne nach, wenn es um Künstler wie Richard Wagner, ­Joseph Roth oder Hermann Hesse geht. Wo Thomas Mann über die »Hoch- und Erzgescheiten« spottet, würde Brecht von »Tuis« sprechen.

An anderer Stelle deutet der Kommentar Jaakobs ausbleibende Intervention gegenüber seinen zum Raubzug aufbrechenden Söhnen dann ganz zutreffend als »indirekte und hellsichtige Kritik an den bürgerlich-konservativen Intellektuellen der Weimarer Republik, die in ihrer Fixierung auf das rein Geistige die bevorstehende Barbarei nicht sehen wollten und so unwillentlich zu ihren Handlangern wurden«. Nur dieses konziliante »unwillentlich« sieht der Erzähler des Romans tatsächlich etwas ironischer und ambivalenter, und er registriert akribisch (und wiederum in durchaus Brechtscher Manier) die Beute, die dem Jaakob zufällt und die er gerne annimmt. Das wird sich später als Leitmotiv des Romans erweisen. Thomas Mann entwirft in ihm die kritische Psychologie eines gewinnbringenden Von-allem-nichts-gewusst-Habens und führt sie gleich an mehreren Hauptfiguren vor, bevorzugt an solchen, die im Leben – und das heißt: im Wirtschaftsleben – besonders erfolgreich sind. Es sind gerade die strategischen Illusionen, Täuschungen und Selbsttäuschungen all dieser Patriarchen und Kaufleute, die ihre Erfolge garantieren. Lüge nicht als unwahrhaftiges Sprechen, sondern vielmehr als notwendig falsches Bewusstsein: »Aber schon die Gedanken – und nicht erst die Rede – des Erdenmenschen sind nur ein Kleid und eine Beschönigung seiner Strebungen und Interessen, die er in rechtliche Form bringt, indem er denkt, so dass er meist lügt, bevor er spricht, und seine Worte so redlich kommen, weil nicht erst sie gelogen sind, sondern bereits die Gedanken.« Man weiß da stets sehr genau, welche Fragen man nicht stellen darf, welche Ahnungen man »wieder hinab ins Dunkel fallen« lassen muss und welchem Verdacht man nicht nachgehen sollte, wenn man einen Profit nicht gefährden will.

Peter Hacks liest »Joseph«

Natürlich lässt sich Thomas Manns »Joseph« nicht so aufschlüsseln wie Peter Hacks’ »Ekbal, oder: Eine Theaterreise nach Babylon«. Aber Hacks war eben nicht der erste, der Zeitkritik in altorientalische Stoffe zu verpacken wusste, und es ist schade, dass die so gründlich wie urteilssicher verhandelten Rezeptionsgeschichten der vier »Joseph«-Romane nur bis Mitte der 1950er Jahre verfolgt werden, so dass Hacks als Nachgeborener und Schüler Bertolt Brechts und Thomas Manns nicht mehr in den Gesichtskreis der Herausgeber tritt. Die Aufzeichnung dieser Einflussgeschichte bleibt damit ein Auftrag an die Hacks-Forschung. So kann Hacks den ironischen Gebrauch von Anachronismen im Rahmen seiner »Joseph«-Lektüren studiert und erlernt haben, ebenso wie manchen Kniff der Dialogführung und der Vermeidung von Fremdwörtern. Für Hacks’ Auffassung des Absolutismus könnte der ägyptische »Joseph« eine später vielleicht vergessene Quelle darstellen, führen die beiden letzten Bände doch tatsächlich genau jene Überwindung des überholten Feudalismus durch einen modernen Zentralstaat vor Augen, die Hacks so fasziniert hat. In diesem Sinne wäre Echnaton Elisabeth I. und Ludwig XIV. zur Seite zu stellen, Joseph als Minister des Pharao ein würdiger Vorfahr Richelieus. (Thomas Mann dachte hier allerdings eher an Franklin D. Roosevelt und seinen New Deal.) Denken wir auch daran, dass auch Hacks die »Genesis« als Material für ein Werk voller »humoristischer Theologie« genutzt hat: seine Komödie »Adam und Eva« von 1972. Es gibt in den »Joseph«-Romanen sogar Passagen, die für uns fast klingen, als würde Thomas Mann einen kurzen Augenblick lang Peter Hacks imitieren – »prophetisch plagiiert« nannte Adorno so etwas in seinem »Valéry«-Essay. Regelrecht der »Theaterreise nach Babylon« entsprungen scheint Manns »Ölbeschauer« Rimut, wenn er von sich sagt: »Keine andere Art von Wahrsagekunst möchte ich üben als einzig und allein die ölkundige, denn das ist mit Abstand die vernünftigste, klarste und beste. Unter uns gesagt, es ist bei der Leberschau sowohl als beim Pfeilorakel viel Willkür im Spiel, und auch die Deutung von Träumen und Gliederzuckungen entbehrt nicht der Fehlerquellen, so dass ich mich im stillen oft etwas lustig darüber mache.«

»(Fast) alle Literatur ist Migrationsliteratur, (fast) alle Literaten sind Migranten«³ – ich bin mir nicht sicher, ob Ingar Soltys vor einigen Monaten an dieser Stelle vorsichtig formulierte These wirklich gilt, für Thomas Manns »Joseph«-Roman aber gilt sie voll. Der »Joseph« ist ein Migrationsroman durch und durch, und er hat wie sein Autor und seine Figuren seine ganz eigene Migrationsgeschichte. Während die ersten beiden Bände durch den Fischer-­Verlag noch in Berlin verlegt werden konnten, erschien der dritte, weitgehend im Schweizer Exil entstandene Band im Herbst 1936 in Wien. Auch dieses Buch konnte im Reich noch bestellt und gekauft werden. Dann war erst einmal Pause, in der Mann zwischendurch noch seinen Goethe-Roman »Lotte in Weimar« verfasste. Erst im Sommer 1940 nahm der inzwischen in Kalifornien lebende Autor die Arbeit am »Joseph« – nach dreijähriger Unterbrechung – wieder auf. Der vierte und letzte Band erschien dann 1943 zunächst in Stockholm, bevor er 1944 als photomechanischer Nachdruck in New York herauskam. »Kurioserweise mussten«, so teilen die Herausgeber mit, »die Druckbogen des so entschieden gegen den Ungeist des Nationalsozialismus gerichteten Romans auf dem Weg (von Stockholm) in die Schweiz, wo sie gebunden werden sollten, auch Deutschland passieren.«

Als Thomas Mann 1940 die Arbeit am ägyptisch-amerikanischen Teil des »Joseph« begann, hatte in den USA die Debatte um einen Kriegseintritt ihren Höhepunkt erreicht. Wenige Tage zuvor hatte General John Pershing in einer Radioansprache weitgehende Kriegshilfen für Großbritannien gefordert, während Charles Lindbergh als Sprecher des »America First Committee« für eine strikt isolationistische Politik eintrat. Die Debatte um einen Kriegseintritt der USA spiegelt sich in den Gesprächen zwischen Joseph und dem Pharao wider, dem Joseph die Träume deutet. Diese Traumdeutungen und was Joseph Pharao sonst noch zu erzählen weiß, sind nichts anderes als eine Art Political consulting, Lektionen staatshumanistischer und dabei keineswegs pazifistischer Fürstenerziehung, die dem jungen und allzu unentschlossenen Herrscher zuteil werden. Joseph ist, so erfahren wir, Monarchokeynesianer. Er rät zu umfassenden Maßnahmen der sozialen Wohlfahrt, ja sogar zu Enteignungen, und zum Kriegseintritt. Appeasement ist seine Sache nicht: »Was willst du machen mit Räuber-Königen, die brennen und brandschatzen? Den Frieden Gottes kannst du ihnen nicht beibringen, sie sind zu dumm und böse dazu. Du kannst ihn ihnen nur beibringen, indem du sie schlägst, dass sie spüren: Der Friede Gottes hat starke Hände.« Als Thomas Mann Anfang 1943 die letzten Zeilen von »Joseph der Ernährer« niederschrieb, tobte die Schlacht von Stalingrad. Am 8. Januar endlich hielt er in seinem Tagebuch fest: »Mit dem Joseph bin ich früher fertig geworden als die Welt mit dem Faschismus.« Zwei Tage später startete die Rote Armee ihre letzte, kriegsentscheidende Großoffensive gegen die Sechste Armee der Wehrmacht.

Aber nicht nur der Autor und seine Bücher, auch im Roman selbst ist alles und jeder in Bewegung. Jaakob, Joseph und seine Brüder sind ohnehin halbnomadische Viehzüchter, nicht sesshafte Besitzer erheblicher Herden. Selbst wo sie sich für längere Zeit niederlassen (wie vor Sichem, dem heutigen Nablus), bleiben sie nichts als »Landfremde, Zugewanderte (…) in den Augen der Leute«. Auch sonst wimmelt es in der Romantetralogie nur so von Flüchtlingen, Hungernden und Vertriebenen, von Vagabunden, Sendboten, Hermesgestalten und reisenden Kaufleuten, ziehenden Herden und Karawanen und ihren Führern und Schleppern durch die Fremde. Die Geschichte, so wie sie erzählt wird, beginnt in Palästina, in Hebron, Karriere aber macht Joseph in Ägypten, wohin am Ende auch seine Brüder auswandern: Das wären dann also jene Kettenmigration und der Familiennachzug, vor dem immer gewarnt wird. In Ägyptenland reinzukommen aber ist auch Mitte des 14. Jahrhunderts nicht gar so einfach. Denn auf den Migrationsdruck von außen reagiert das Reich mit Abschottung. Eine gewaltige Mauer und gut trainierter Grenzschutz mit Speeren sichern die Außengrenze: »Kein Durchlass! Es wird geworfen!« (Auch der Spruch könnte von Hacks sein.) Doch richtet sich all das vornehmlich gegen die Armen und Ärmsten (die »Hustenden«, wie Thomas Mann schreibt, das »Gesindel«, wie die Mauerwache schreit) und nicht so sehr gegen die reichen Händler, mit denen Joseph reist. So macht der die Erfahrung Brechts, dass das wichtigste Körperteil des Menschen sein Pass ist. Hor-waz, der Kommandant der Grenztruppen, verlangt eben, Geschriebenes zu sehen, Briefe, Dokumente, »polierte Ziegenhaut«. Die scheinbar so abseitige Szene am Rande der Wüste erinnert an viele Texte der Exilliteratur, in denen die bürokratischen Martyrien geschildert werden, die zu erleiden hat, wer aus Europa fliehen muss. Das Marseille aus Anna Seghers’ »Transit« liegt nicht fern, Hor-waz könnte auch dort im mexikanischen Konsulat Dienst tun.

Wie reagierte die linke Literaturkritik im Exil auf diesen wunderlichen antifaschistischen Bildungs- und Migrationsroman? Alfred Kurella in Moskau begriff erst mal gar nichts. Das will schon etwas heißen, denn Kurella war, wie Hans Mayer – später einer seiner erbittertsten Gegner – eingestand, »ein gebildeter Literat und Kommunist. Er hatte noch mit Lenin diskutiert.«⁴ In seiner Besprechung des ersten »Joseph« zeigten sich jedoch die inquisitorischen Züge, die Mayer ihm auch attestierte. Seine für die Internationale Literatur angefertigte Rezension stand unter dem Titel »Die Dekadenz Thomas Manns« und behauptete allen Ernstes, dass die »Geschichten Jaakobs« »niemand anderem dienen können als Herren Goebbels und seinem Propagandaministerium«. Vorausgegangen war diesem üblen Text allerdings die Sammlungs-Affäre, welche die Zuverlässigkeit Manns in der Tat in Frage gestellt hatte: Um nicht vom Vorwurf des Landesverrats sowie einem gegen die Literatur der Emigranten gerichteten Boykottaufruf der »Reichsstelle zur Förderung deutschen Schrifttums« betroffen zu sein, hatte sich Mann (ebenso wie Alfred Döblin, Stefan Zweig und René Schickele) öffentlich von der von seinem Sohn Klaus in Amsterdam herausgegebenen Exilzeitschrift Die Sammlung distanziert. Das wurde von vielen als Verrat wahrgenommen.

Trotzdem kam Kurellas Polemik in Moskau nicht gut an. In ihrer Einleitung schreiben die Herausgeber: »Tatsächlich scheinen die Moskauer Exilanten, so Johannes R. Becher, Kurella wegen dieser Abrechnung die Leviten gelesen zu haben, so dass er sie 1937 widerrief.« – Das dürfte es so ziemlich treffen. Kurellas spätere Texte leisten dem Schriftsteller dann Abbitte, der sich inzwischen unmissverständlich zur Emigration und ihrer Literatur bekannt hatte und dem am 5. Dezember 1936 durch den Reichsminister des Innern, Wilhelm Frick, offiziell die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden war. Der einzige, der das Werk weiterhin rundum, wenn auch im stillen ablehnte, war Bertolt Brecht. In seinen Arbeitsjournalen bezeichnet er den »Joseph« als eine »Enzyklopädie des Bildungsspießers«⁵. An schlechten Tagen des Selbstzweifels hatte Thomas Mann übrigens den gleichen Eindruck und beklagte in seinen Tagebüchern den luxuriösen »Alexandrinismus« seines Alterswerkes.

Die beste Antwort auf solche Zweifel und Selbstzweifel bleibt vielleicht eines der frühesten Zeugnisse der Wirkung des »Joseph« in Hitlerdeutschland. Kurz nach der Veröffentlichung der »Geschichten Jaakobs« erschien am 2. Dezember 1933 in der Zeitung Die Hilfe eine Rezension des jüdischen Kritikers Fritz Cronheim. In Anbetracht der späteren Vernichtung der europäischen Juden bedürfen seine Worte keines weiteren Kommentars: »Die Erscheinung dieses ›Joseph‹-Romans ist nicht frei von einer tragischen Aktualität. Ein wesentlicher Teil der altjüdischen Geschichte tritt dank der besonnen-hartnäckigen Erneuerungsarbeit eines großen Künstlers in dem Augenblick auf den Plan, wo die Träger dieser Überlieferung aus der europäischen Geschichte mancherorts beseitigt werden.«

Anmerkungen:

1 Georg Lukács: Die Tragödie der modernen Kunst. In ders.: ­Werke, Bd. 7, Neuwied und Berlin 1964, S. 535

2 Lukács, a. a. O., S. 542

3 Ingar Solty: »Wir Migranten«, junge Welt, 20.11.2018

4 Hans Mayer: Der Turm von Babel, Frankfurt am Main 1993, S. 162

5 Bertolt Brecht: Journale 2. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 27, Frankfurt am Main 1995, S. 207

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. ­Große, kommentierte Frankfurter Ausgabe. ­Bände 7.1–8.2 (vier Bde.), hg. v. Jan Assmann, Dieter Borchmeyer u. Stephan Stachorski unter Mitwirkung von Peter Huber. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 4.010 S., 181 Euro

Dennis Püllmann schrieb an dieser ­Stelle ­zuletzt am 28. September 2018 über den ­mazedonischen Namensstreit.

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