25.02.2019 / Schwerpunkt / Seite 3

Ökonomie schlägt Pädagogik

»Digitalpakt« ist ein Geschenk für die IT-Industrie und ein Angriff auf das Kindeswohl

Ralf Wurzbacher

Der »Digitalpakt« wird als großer Durchbruch gefeiert, doch der Eindruck täuscht: Nicht alle begrüßen die in der Vorwoche erzielte Einigung. Die Kritiker sind nur nicht vernehmbar in der lärmenden Euphorie. Parteien, Gewerkschaften und Wirtschaftsvertreter scheinen die Absicht zu haben, Kinder künftig durch Studienrat »Dr. Bertelsmann« unterrichten zu lassen (vgl. Spaltentext). »Es ist bereits fünf nach zwölf«, mahnte am Donnerstag der Verband Bildung und Erziehung (VBE), um danach aufzuzählen, was noch alles zu erledigen ist: Zuständigkeiten klären, Ansprechpartner benennen, Prozesse anstoßen, eine Fortbildungsoffensive, neue Lehrpläne etc. Zeit hat man für all das aber nicht, denn es brauche »schnelles und entschiedenes Handeln«. Was auch fehlt, um die neuen Aufgaben zu stemmen, sind: Lehrer. Nie war der Mangel an Pädagogen so groß wie heute.

Dabei gibt es noch weit schwerwiegendere Bedenken, wie sie etwa Professor Ralf Lankau, Medienwissenschaftler an der Hochschule Offenburg, äußert. Am Beispiel dieser »Zwangsdigitalisierung« habe sich einmal mehr gezeigt, dass die »Berliner Bildungspolitik im Kern Wirtschaftsförderung und erfolgreiche Lobbyarbeit der IT-Wirtschaft ist«, bemerkte er gegenüber junge Welt. »Mit dem Digitalpakt werden Konzepte der Datenökonomie realisiert.« Es gehe um den Zugriff auf Schülerdaten, um Lernprofile, und das Ziel sei eine »zentralisierte technische Kontrollstruktur etwa mittels einer Bildungscloud«, so Lankau. »Das sind ökonomische Prämissen, keine pädagogischen Konzepte.«

Erschreckend ist, wie sehr die ökonomistische Optimierungsideologie inzwischen den Diskurs um Bildung, Schulen, bis hin zu den Kitas beherrscht. Wie selbstverständlich wird der »Digitalpakt« in den Leitmedien als unerlässliche Vorbereitung der Kinder auf die Erfordernisse der Berufswelt und Arbeitsmarktes verhandelt. So, als geriete man unvermeidbar zum digitalen Analphabeten, wenn man nicht mit sechs Jahren ein Smartphone bedienen kann. Die Hirnforschung zieht den genau umgekehrten Schluss: Digitale Kompetenz im Erwachsenenalter entwickeln diejenigen am besten, deren Kindheit in einem natürlichen Lernumfeld ohne Bildschirmmedien und mit mehr menschlicher Zuwendung und körperlicher Bewegung stattfindet. Passend dazu plädiert die Regierungsberaterin Julia von Weiler für ein Smartphoneverbot für unter 14jährige (siehe Interview).

»Empirisch belegte und wissenschaftlich valide pädagogische Konzepte für den Nutzen von IT in Schulen fehlen bis heute«, gab Lankau zu bedenken. Argumentiert werde deshalb mit der »Lebenswirklichkeit« der Kinder: Diese Geräte gehörten nun einmal zum Alltag und müssten daher auch ohne pädagogischen Nutzen integriert werden. »Das ist ein bildungspolitischer Offenbarungseid.« Auch Matthias Burchardt, der Pädagogik an der Universität Köln lehrt, sieht das so. »Für die Reformtechnokraten des bildungsindustriellen Komplexes aus OECD und Bertelsmann sind die fünf Milliarden Euro allerdings gut angelegtes Geld, da nun per Grundgesetzänderung der Föderalismus ausgehebelt werden kann«, befand er im jW-Gespräch. »Hier wurden Zentralismus und Top-Down-Demokratie mit Glasperlen erkauft.«

»Digitalpakt« ist ein Geschenk für die IT-Industrie und ein Angriff auf das Kindeswohl.

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