26.01.2019 / Feuilleton / Seite 10

Hass ist nicht das Problem

Den Rechtspopulismus in privaten Kategorien zu verhandeln ist typisch neoliberal

Johannes Thumfart

Die Durchschnittsdeutsche hat heute schon acht Verkehrsteilnehmer, drei Kollegen, die Schwiegermutter, DHL und den öffentlichen Nahverkehr gehasst. Sie ist viel in sozialen Netzwerken unterwegs, hat also auch ein paar Hater, die sie nicht besonders ernst nimmt. Hass prägt unseren Alltag. Und so schlimm ist das auch wieder nicht. Ein großer Teil des Durchschnittshumors lebt schließlich vom Alltagshass.

Empört klingt es dagegen, wenn in der Diskussion über Rechtspopulismus das Schlagwort Hass fällt. Und natürlich fehlt bei der bigotten Entrüstung nie die gutgemeinte Versicherung, man sei selbst geradezu hassfrei und total »gegen den Hass«. Besonders irre Auswüchse nahm das an, als sich ein Autor der Welt allen Ernstes auf Facebook mit Jesus verglich und meinte, die »beste Antwort auf Hass« sei »noch mehr Liebe«. Daher solle man auf die Rechten zugehen.

Nicht zuletzt ist die moralisierende Wahrnehmung von Gefühlen voraufklärerisch. Im Mittelalter hatten Gedanken und Gefühle gottgefällig zu sein. Erst die Aufklärung machte Selbstinteresse und eben auch Hass als unschönen, aber nicht zu leugnenden Teil des Menschen diskursfähig — und damit zu etwas, das sich zivilisatorisch managen lässt. Bei Hobbes fußt die Politik auf der Erkenntnis, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Nach Immanuel Kant müsste sogar »ein Staat von Teufeln« funktionieren.

Linke Denker haben diesen Aspekt der Aufklärung aufgegriffen. Anders als katholische Sozialreformer verzichtete Marx auf die moralische Verurteilung der Bourgeoisie. Statt dessen analysierte er die Dynamik kapitalistischer Strukturen. Brecht ließ später sagen: Unglücklich ein Staat, der Helden braucht. Übertragen auf heute: Eine funktionierende Gesellschaft bräuchte keinen Kreuzzug gegen den Hass.

Nicht zuletzt eröffnet das Gerede vom Hass einen bedenklichen Relativismus. Wenn Hass insgesamt tabuisiert wird, entsteht eine Gleichsetzung aller Hassobjekte. Das verwischt den Unterschied zwischen Hass wegen Religion, Sexualität oder Hautfarbe, Fahrverhaltens, Musikgeschmacks, politischer Meinung, mangelnder Intelligenz, Alters, Aussehens, hohen oder niedrigen Einkommens.

Das klassische Kriterium des Angeborenseins und Unabwendbaren, das die heftige Ablehnung einer Eigenschaft deutlich illegitim macht, trifft beispielsweise nicht auf Religionen zu. Auf die Intelligenz schon eher. Und dennoch zeigen Linksliberale gerade in der Auseinandersetzung mit Rechten offen und ohne Schuldbewusstsein ihren Hass auf weniger Intelligente, das heißt bildungspolitisch, physiologisch oder psychologisch Benachteiligte. Und all das unter dem Slogan »gegen den Hass«.

Die Gedanken sind frei, die Gefühle erst recht. Sie mögen hässlich, töricht, gefährlich sein. Das bedeutet aber nicht, dass zum Ausdruck gebrachte Gefühle keine Konsequenzen haben dürfen, wie AfD und Konsorten anzunehmen scheinen. Selbstverständlich kann jeder, auch Journalisten und Politiker, auf zum Ausdruck gebrachte Gefühle mit scharfer Ablehnung reagieren. Und wenn jetzt alle ihren Hass auf rechts zum Ausdruck bringen würden, wäre das überhaupt kein Problem.

Nur werden weder Emotionen noch deren Tabuisierung das Problem des Rechtspopulismus lösen. Denn er ist nicht emotional, sondern politisch und wirtschaftlich bedingt. Jahrzehntelang haben Superreiche und Konzerne an Privatisierung, Sozialabbau, Lohnstagnation und Prekarisierung der unteren zwei Drittel der Bevölkerung gearbeitet und ihren Teil dazu beigetragen, dass sich angemessene Gegenpositionen weder in den Medien noch im Bundestag durchsetzen. Wenn der Frust der Bevölkerung zu groß wird, unterstützen Teile der Elite immer wieder traditionalistische Faschisten, um den Hass von den Besitzverhältnissen weg zu lenken. Mit der gegenwärtigen Welle des Rechtspopulismus in der westlichen Welt ist diese Logik, die man etwa aus Lateinamerika, aber auch aus Weimar kennt, von der Peripherie ins niedergehende imperialistische Zentrum zurückgekehrt. Das Problem des Rechtspopulismus als emotionales Problem zu begreifen, heißt ein politisches Problem in privaten Kategorien zu verhandeln. Das ist typisch neoliberal.

Viel effektiver als der privatistische Kampf gegen den Hass ist der politische Kampf gegen Diskriminierung. Er orientiert sich an den Kategorien des liberalen Rechtsstaats und hat radikales Potential. Zu Recht diskutiert werden heute neben rassistischer und sexistischer Diskriminierung auch Klassismus (Diskrimierung nach sozio-ökonomischen Schichten) und Ableismus (Diskriminierung nach körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten). Es sagt viel über den barbarischen und illiberalen Zustand des gegenwärtigen Kapitalismus aus, dass er ohne diese Formen der Diskriminierung nicht denkbar wäre.

https://www.jungewelt.de/artikel/347952.debatte-hass-ist-nicht-das-problem.html