12.12.2018 / Feuilleton / Seite 8 (Beilage)

Tanzen im Dreieck

Zwischen Usedom und Rügen: Greifswald nicht links liegen lassen!

Gisela Sonnenburg

Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald ist eher nicht als Urlaubsparadies bekannt. Und doch ist sie hervorragend geeignet, um Kulturgenuss und Naturerlebnis zu verbinden, selbst im Winter. Greifswald – auf niederdeutsch klangvoll »Griepswold« – liegt auf dem Festland am Bodden zwischen den beiden Ostseeinseln Usedom und Rügen. Weshalb sich Tagesausflüge auf die Inseln auch empfehlen. Und während die beiden Eilande etliche Möglichkeiten für Wanderer, Sonnenanbeter und Sportsfreunde bieten, warten in Greifswald einerseits hochkarätige Malerei und andererseits eine aufregend untypische Ballettkompanie auf ihr Publikum.

Die Anfahrt mit dem Zug ist auf den ersten Blick nicht unbedingt empfehlenswert. Aber die Aussicht aus den Regionalzügen bei Tag macht den mangelnden Komfort schon wieder wett: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es Landschaften bis zum Horizont zu bestaunen, weite Wiesen, auf denen knorrige Bäume stehen. Hier ist die Sicht noch unverbaut, aber nicht eintönig. Und auch Greifswald ist nicht von so vielen Bausünden entstellt wie andere, viel bekanntere Städte. Man reist insofern in eine heile Welt, als die Anmutung der Stadt wie ihre Silhouette ist: in einem nostalgischen Sinn freundlich.

Anbetungswürdig

Im Konventhaus im Pommerschen Landesmuseum nahe dem Marktplatz kann man sich mit großer Kunst und viel Gefühl einstimmen. »Anbetung der Hirten« heißt das berühmte, 1622 von dem Holländer Gerrit van Honthorst gemalte Bild, das zu den schönsten und innigsten Weihnachtswerken überhaupt zählt. Drei einfache Hirten statt der Heiligen Drei Könige nehmen hier als bewundernde Titelhelden die linke Seite ein, eingehüllt vom Dunkel der Nacht. In der Bildmitte wacht eine bildhübsche Blondine, die sanftmütige Madonna, über ihr Neugeborenes. Das Jesuskind leuchtet wie sein blitzweißes, auf Heu gebreitetes Laken. Marias Gatte Josef trägt den üblichen Rauschebart und steht rechts, den Kopf des Kindes schützend. Mit ihm schaut eine gehörnte Kuh ziemlich aufmerksam drein. Man fühlt sich gleich verbunden mit der Kreatur.

Tierliebe stand dennoch sicher nicht im Mittelpunkt der Botschaft des Künstlers. Stilistisch ließ er sich von dem italienischen Renaissance-Meister Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) beeinflussen. Man erkennt das gut am dramatisch gestalteten Licht-Schatten-Spiel. Solche Farbnuancen wiederum inspirierten später die Romantiker, wie den Maler Caspar David Friedrich, der 1774 in Greifswald geboren wurde. Auch seine Kunst ist im Konventhaus zu sehen, ebenso wie Werke des Niederländers Vincent van Gogh (1853–1890). Wie diese hierher gelangten, ist eine eigene Geschichte. Van Gogh beeindruckte die modernen Expressionisten wie Emil Nolde (1867–1956) und Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), und diese künstlerischen Zusammenhänge lassen sich in der Ausstellung im Konventhaus bestens nachvollziehen.

Abends birgt das schnuckelige Theater in Greifswald eine weitere heimliche Sensation: Das »Ballett Vorpommern« mit seinem langjährigen Chefchoreographen Ralf Dörnen ist unbedingt einen Besuch wert. Das aktuelle Stück heißt so schlicht wie fast ironisch »Weihnachten – Das Ballett«. Träume von Engeln der Poesie kommen darin vor, tanzende Schneeflocken, Dreiecksbeziehungen mit Maria, ein von Christbäumen bedrohter Kubaner, mit Einkaufswagen tanzende Weihnachtsmänner und nicht zuletzt eine laszive Revuelady in grünen Pailletten. Die Musik dazu reicht von Bach über Oldfield bis zu Saint-Saëns und Seal. Am 28. Dezember wird dann noch einmal das Hitchcock-Ballett »Rebeccas Schatten« gezeigt. In feinsinnigen, psychologisch plausiblen Tänzen zeigt es eine Machtstruktur zwischen Menschen auf, die den äußeren ­Hierarchien zuwider läuft. Sehr spannend.

Viel Abwechslung

Wer dann selbst körperlich aktiv werden will, kann im richtigen Winter auf Rügen dem Skilanglauf frönen oder sich dort als Eissegler bewähren. Usedom hingegen bietet vor allem in bezug auf Wellness viel Abwechslung: In der Bernsteintherme in Zinnowitz locken ein Thermal- und ein Meerwasserbad. Neben Saunalandschaften gibt es auf Usedom nahe der Seebrücke Heringsdorf eine große Eisarena, die zum He­rumtollen auf Kufen einlädt. Schlittschuhe sind dort leihweise zu haben. Viel Spaß für die, die sich auf Glatteis zu bewegen wissen.

Wieder zurück in Greifswald, sollte man über den historischen Marktplatz schlendern, sich das backsteinerne Rathaus anschauen und der Volkssternwarte einen Besuch abstatten. Der Sanddornpunsch, der im Nordosten üblich ist, mag nicht jedem so gut munden wie den Einheimischen. Aber einen Versuch ist er doch wert – und allemal sorgt er für beschwingte Träume.

Gisela Sonnenburg ist Journalistin und Ballettfachfrau aus Berlin (siehe: www.ballett-journal.de)

  • Essen: Sommerrollen bei jedem guten Vietnamesen, vor allem in Bahnhöfen.
  • Trinken: Karottensaft (nur unvergoren), bevorzugt zum Frühstück, mit einem Spritzer frischer Zitrone. Macht munter!
  • Lesen: Dante Alighieri: Die göttliche Komödie, nacherzählt von Kilian Nauhaus. Großes Welttheater für unterwegs.
https://www.jungewelt.de/beilage/art/344728