17.11.2018 / Feuilleton / Seite 11

Schöne Frauen pupsen nicht

Feueralarm bei der ausverkauften Franz-Jung-Revue im Berliner HAU. Danach lief, besonders dank Corinna Harfouch, alles weitgehend nach Plan

Peter Wawerzinek

Besser als »Die Technik des Glücks« kann die Franz-Jung-Revue am Tag der Premiere im »HAU 2« gar nicht heißen. Glück ist der Umstand, dass meine Freundin Klaudia mich von meiner Haustür aus bis zum Theatertor im Taxi mitnimmt. Hinter mir im Wagen sitzt Robert, der zum Glück nicht viel redet. Es ist dann dort, im Theater, wie beim Klassentreffen. So viele Altbekannte sind zu grüßen. Verwirrend viel Frauen im Publikum. Mag sein, es liegt an Jung, der einfach alles gewesen ist, was einer im vorigen Jahrhundert sein konnte: Autor, Expressionist, Fassadenkünstler, Kriegsfreiwilliger, Deserteur, Linksradikaler, Terrorist, Gefängnisinsasse, Internierter, zum Tode Verurteilter, Wirtschaftsfachmann. Einer, dem reichlich viel widerfahren ist. Zum Teil von ihm selber ausgelöst, aufgerührt, angestoßen.

Jung hat Verstand, Gefühl, Herz. Jung ist ein Lebemann, Revolutionär und auf Drogen. Jung ist mal manisch genial, dann wieder idiotisch depressiv, aber alles in allem verdammt gut unterwegs. Er erfreut. Er verschreckt. Seine Streiche und Taten sind ohnegleichen, ob in Berlin, San Francisco, Paris oder Wien, München, Budapest. Und stirbt dann einfach so 1963 zu leicht bekleidet im Frost von Stuttgart, mit immerhin vierundsiebzig Jahren. Alles andere kann man nachlesen, erkunden, erfragen, googeln.

Also Platz genommen, Reihe 4 Sitz 2, links außen. Da kann ich rasch fliehen, wird es mir zu dröge. Und so richtig los geht das Spiel auf der Bühne nicht. Bisschen Poch und Wumm von der Band. Bisschen zu viele Lebensdaten. Im Verlauf immer weniger überzeugende Musik, obwohl ich mich so auf »Die Sterne« gefreut hatte. Abgehakt und verziehen. Zur Kritik. Robert Stadlober macht seine Sache richtig gut und überzeugt. Was der gute Wolfgang Krause Zwieback da auf der Bühne herumtänzeln, umherlaufen und dazwischen reden muss und auch sonst an Turnübungen dem Publikum vorführt, ist nicht zu erraten. Im Kopf hängen bleibt mir vom ersten Teil, dass Jung lebenslänglicher Fan vom Fußballverein Minerva 93 ist. Das reicht den zwei Zuschauern vor mir. Sie erheben sich very auffällig und laufen davon. Der Bandboss sieht es und ist verwirrt. Kann zum Glück aber weiterspielen.

Ich habe volle Sichthoheit, blicke direkt ins Geschehen. Merke mir die Aussage zu den Fliegen, die sich nicht wie wir Leute mit Erinnerungen herumschleppen müssen. Ein sehr unangenehmer Umstand ist, dass der Typ neben mir im Zehn-Minuten-Abstand pupst. Hinter mir sitzen vier Frauen, vor mir drei Schönheiten, neben mir zwei. Die Pupse können unmöglich von ihnen stammen. Ich mag Anarchisten, aber pupsende Anar­chie nicht. Besonders, wenn dazu von der Bühne her die stickige Luft unter Deck eines Schiffes beschrieben wird.

Meine Nase erleidet die Dauerqual kaum. Ich wäre so gern in einer Gefängniseinzelzelle, wie sie Jung geliebt hat. Da konnte er schreiben wie nirgendwo sonst. Und dann passiert es! Plötzliche plärrende Alarmtöne, zuckende Lichter, irritiertes Publikum. Gehört das zum Stück? Oder ist es Dada? Niemand sagt etwas. Keiner stürmt den Saal. Der Bandboss weiß von nix. Dreimal, viermal geht das. Dann heißt es, alle müssten raus. Draußen fragt Corinna Harfouch nach Feuer. Ich bin der Schnellste aus unserer Pausenhoftruppe. Sie bedankt sich, erkennt mich aber nicht. Dabei haben wir früher so herrlich miteinander gestritten. Oder ist es Spiel, Teil ihrer hohen Schauspielkunst? Will sie sich ganz bewusst nicht an mich erinnern? Ach so viele Fragen schwirren in der Luft.

Schuld an der Zwangspause, heißt es, sei eine hypersensible neue Sicherheitstechnik (HNS) gewesen, die noch nicht richtig eingestellt war. Dem folgt die Bitte, wieder hineinzugehen und Platz zu nehmen. Die Pause tat gut. Man sieht dem Ganzen deutlich entspannter zu. Die Darsteller leben auf. Ist doch nur Spiel, denke ich. Und auf der Bühnenleinwand ist zum Vortrag minutenlang eine Schornsteinrauchschwade zu sehen, von jener HNS bestimmt vorausgeahnt. Fragen Sie mich nicht, wonach die Wolke riecht. Ich müsste »nach den altbekannten Pupsen« antworten. Duftkino pur ist das. Ich bekomme Kopfschmerzen davon. Muss nicht nur am Pupsen liegen, kann auch vom Bühnendilemma herrühren.

Die Harfouch aber ist supertoll. Sie spricht in die Kamera und rettet die Aufführung. Sie ist als Projektion auf dem Rücken von ihrem Krause Zwieback als sprechender Kopf zu sehen. Drei-, viermal steht der still und steif und tut zum Glück nichts und übernimmt trotzdem eine tragende Rolle. Die Geschichte mit Lotte Lenya, die mutig für einen zusammengeschlagenen Flüchtling eintritt, ihn vor den SA-Schergen rettet, hätte der Anfang vom Spiel sein müssen! Sich das Beste für den Schluss aufheben, ist hier vollkommen falsch inszeniert.

Am Ende glänzt der Krause Zwieback noch einmal so richtig, als er sich, für mein Empfinden am gekonntesten, galant und scheinbar hocherfreut verbeugt. Dass ich, ganz gegen meine Gewohnheit, nicht zur Premierenparty bleibe, sondern nur ein kleines Bierchen nehme, liegt an zwei Dingen ganz bestimmt nicht: A) Ich eile nicht nach Hause, um meinen Kommentar so frisch wie möglich in die Tasten zu hauen. B) Es wäre scheiß ungerecht, wenn ich schreiben müsste, dass die Feier danach das Allerbeste vom Abend war. Ein Bier, sagt Klaudia zu uns, und dann geht es mit Robert im Taxi zurück. Den Absacker nehmen wir in der »Luxus Bar«, Ecke Prenzlauer Allee/Danziger, um auch mal für die Leute Reklame zu schieben, die dort Nacht für Nacht arbeiten. Für deutlich weniger Publikum als bei der dreimal ausverkauften Jung-Revue.

Nächste Vorstellung heute, 20 Uhr, im HAU 2, Berlin

https://www.jungewelt.de/artikel/343751.musikrevue-schöne-frauen-pupsen-nicht.html