20.09.2018 / Feuilleton / Seite 11

Backpfeife und/oder Straßenraub

Was aus den Frankfurter Jugendbanden der 90er wurde: Der Dokfilm »Tokat«

Maximilian Schäffer

In Zeiten, in denen bestimmte Gazetten tagtäglich mit »arabischen Terrorclans« ihre Titelseiten füllen, ist ein Film wie »Tokat« um so wichtiger. In dem 2016 produzierten und am 13. September in die Kinos gekommenen Film erinnert sich die Frankfurterin Andrea Stevens daran, wie in den 90er Jahren in ihrer Heimatstadt am Main Jugendbanden die braven Bürger in Angst und Schrecken versetzten. Drei der ehemals klein- bis schwerkriminellen Protagonisten trifft sie 20 Jahre nach deren Untergrundkarriere wieder und stößt auf Schicksale, die man so nicht erwartet hätte. Sie führen kein glamouröses Gangsterleben, haben es trotz zeitweiligen Geldüberschusses vielleicht nie geführt. Drogen, Gewalt und Gefängnis bestimmten ihre Jugend, die Auswirkungen bestimmen das Erwachsensein.

Kerem, verurteilter Totschläger, ist ein Wrack. Sein Gehirnwasser kann nicht abfließen, sein Blutdruck ist hoch, seine Zähne sind schlecht. Mit 40 Jahren ist der ehemals legendäre Drogendealer ein Frührentner, der in einer kleinen Wohnung mit seiner Freundin lebt.

Hakan wurde aus Deutschland abgeschoben. Sein trostloses Dasein fristet er am Fuße des ostanatolischen Bergs Ararat in einem Haus, das nurmehr ein Verschlag ist. Er hat keinen Pass, keine Frau und wartet resigniert auf den Tod.

Dönmez hat sich als einziger in seinem Leben zurechtgefunden. Der in Deutschland Geborene ließ sich mit 26 Jahren in die Türkei zwangsausweisen – ein Land, das er nicht kannte. Nach einigen Jahren verzweifelter Rückkehrversuche in die BRD fand er sich mit seinem Schicksal ab, fand einen passablen Job, lebt mit Sohn und Frau im Eigenheim.

Was Schendels und Stevens Film so eindringlich macht, sind nicht nur die heiklen Verschiebungen der Täter- und Opferperspektiven, sondern auch die Illusionen, die praktisch im Minutentakt zerstört werden. Da wären die der ersten Einwanderergeneration: Ihre Kinder sollten es in Deutschland besser haben. Vom Leben auf dem Land in Ostanatolien geprägt entließen die Eltern ihre Sprösslinge in eine Gesellschaft, deren Sprache und Konventionen sie weder in der Schule noch zu Hause lernen konnten. Patriarchat und Blutrache auf der einen, Frust und Trotz auf der anderen Seite erzeugten eine Verlorenheit, die viele Teenager nur mit einem Lebenswandel aufzuwiegen vermochten, der sie 24 Stunden am Tag berauschte.

In der BRD nahm man an, das Überangebot an schlechten Arbeitsplätzen würde schon alles regeln. Die alten Türken sollten die Drecksarbeit zum Hungerlohn verrichten, während die Kinder brav zur Schule gingen und sich von heute auf morgen zu Musterdeutschen entwickelten. In Jugendzentren und Fußballvereinen wären sie darüber hinaus gut aufgehoben. Der wirtschaftliche Reichtum der BRD als Totschlagargument zur Rechtfertigung des eigenen Unverständnisses gegenüber allen, die nicht verstehen, was so schön an »Mainhattan« ist.

Für Patriotismus – weder türkischen noch deutschen – ist in »Tokat«, was übersetzt soviel wie »Backpfeife« und/oder »Straßenraub« bedeutet, auch kein Platz; dafür ist der Film zu vernünftig. Dönmez weiß, was bei ihm falsch gelaufen ist, seinen 11jährigen Sohn in die BRD schicken würde er nicht: »Vor drei bis vier Jahren wollte ich ja unbedingt zurück, aber jetzt nicht mehr. (...) Wenn man arbeitet und Geld verdient, ist überall Deutschland, ist überall Amerika. Du musst nur arbeiten und Geld verdienen.«

»Tokat – Das Leben schlägt zurück«, Regie: Cornelia Schendel, Andrea Stevens, BRD 2016, 77 Minuten, bereits angelaufen

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