13.09.2018 / Sport / Seite 16

Quittung für die Chauvis

Die Fußballerinnen von Turbine Potsdam waren schon in der DDR besser als die Männermannschaft – in der neuen Saison wollen sie wieder vorne mitspielen

Oliver Rast

Es war ein folgenreicher Anschlag im volkseigenen Betrieb. Auf dem Zettel der Wandzeitung des VEB Energieversorgung in Potsdam war zu lesen: »Gründen Frauen Fußball Mannschaft. Bitte melden, 3. März 1971, 18 Uhr im Klubhaus Walter Junker.« Das Vereinsheim war das der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Turbine Potsdam. Die Männermannschaft des Betriebs kickte in unteren Ligen, ohne Herzblut, ohne nennenswerte Erfolge – das sorgte für Unmut. Es musste was passieren.

Der Gründungsmythos der Potsdamer Frauenfußballerinnen geht so: Während der betrieblichen Silvesterfeier 1970 mischten sich Frauen in die Unterhaltung um die müden Kicker ein. Viel Gesprächsstoff, der aber Frauen nichts anginge, so die männlichen Kollegen. Die Quittung für die Chauvis von der Werkbank kam recht prompt. Einige der Betriebsfrauen konterten gekonnt und gründeten an besagtem 3. März die Sektion Frauenfußball innerhalb der BSG.

Die Versammlung im Klubheim wurde für einen zu einer schicksalsvollen Begegnung, für Bernd Schröder, Trainer der Turbinen von 1971 bis 1992 und 1997 bis 2016. Er kann aber nicht mehr genau sagen, warum er das Amt für die spielfreudigen Betriebsfrauen übernommen hatte. Eigentlich wollte der Extorwart der Reserve von Lok Leipzig an jenem Tag nur zu Abend speisen. Irgendwie muss das private Mahl zu einem offiziösen Akt geworden sein. Schröders Erinnerungslücke samt Klubgeschichte überliefern die Autoren Birgit und Heiko Klasen in ihrem Buch »Elf Freundinnen. Die Turbinen aus Potsdam« (2005). Die Pressesprecherin des Vereins, Friederike Mehring, bestätigt gegenüber jW diese Geschichtsversion.

»Bestenermittlung« nannte sich die Meisterschaftsrunde für nichtolympische Sportarten wie Frauenfußball. Die erste landesweite fand im Oktober 1979 statt. 1981 holten die Turbinen ihren ersten von insgesamt sechs DDR-Meistertiteln. 1994 dann der Aufstieg in die gesamtdeutsche Eliteliga – seinerzeit noch in Nord- und Südstaffel unterteilt. Zehn Spielzeiten später, 2004, endlich der erste Triumph für die Turbinen nach drei zweiten Plätzen hintereinander. Fünf weitere Trophäen sollten bis 2012 folgen. Seitdem dominieren die Frauen vom VfL Wolfsburg und von Bayern München. Pressesprecherin Mehring zur Ligakonkurrenz: »Diese Vereine haben in die Damenmannschaften stark investiert; sie identifizieren sich mit dem Frauenfußball.« Der sportliche Erfolg sei ein Resultat dieser Weiterentwicklung.

Im Vorfeld der siebten Saison ohne Meisterschale sagte Turbine-Trainer Matthias Rudolph gegenüber jW: »In der Liga haben wir uns das erste Tabellendrittel als Ziel gesetzt.« Eine Aussage mit Bedacht. Mit Rang vier, drei und sieben in der Schlusstabelle der vergangenen drei Spielzeiten verpasste sein Team den Sprung an die Spitze deutlich. Elf Punkte bei 22 Ligaspielen betrug in der Saison 2017/18 der Rückstand auf die Meisterinnen aus Wolfsburg. Dennoch könne seine Mannschaft »auf Augenhöhe« mitspielen, zumindest »an einem guten Tag«. Der frühere PDS-Bundestagsabgeordnete und heutige Vereinspräsident Rolf Kutzmutz zeigt sich auf jW-Nachfrage etwas offensiver: Die Qualifikation für die Champions League (mindestens zweiter Tabellenplatz in der Liga) und das DFB-Pokalfinale seien Saisonziele.

Aber: Stimmt der Rahmen für die Ziele? Kein eigenes Stadion, keine wettkampftaugliche Trainingsstätte und mehrere Vereine, die um Trainingszeiten konkurrieren – Realität für den sechsmaligen bundesdeutschen Meister aus Potsdam. Nur Spitzenergebnisse auf dem Platz befördern die Unterstützung durch die Stadt. Kutzmutz weiß das. Dahinter steckt auch die Kontroverse um Profitum im Frauenfußball. Nationalspielerin Svenja Huth ist als Torgarantin eine der wenigen Vertragsspielerinnen im Team. Gegenüber jW sagt sie: »Ich kann mich hundertprozentig auf den Fußball konzentrieren und zwischen den Trainingseinheiten oder nach Spielen optimal regenerieren.« Vereinspräsident Kutzmutz fragt aber auch: »Wenn der Frauenfußball eins zu eins das Spiegelbild der Männerbundesliga würde, warum sollten sich Zuschauer dann dafür interessieren?« Eine Entwicklung zum reinen Profisport wäre allein aus wirtschaftlichen Gründen oft nicht möglich.

Ab- und Zugänge, Trainer Rudolph musste umbauen. Nach dem Wechsel von Tabea Kemme und Lia Wälti zu Arsenal London klaffte eine Lücke. Mit Lena Petermann vom SC Freiburg kam eine neue Leistungsträgerin an die Havel. Die Saisonvorbereitung verlief gut, Rudolphs Kickerinnen gewannen alle Testspiele meist souverän. Auch die Bewährungsprobe am vergangenen Sonntag wurde mühelos bestanden: 6:0 beim Zweitligisten SV Meppen. Nun wartet im Achtelfinale des DFB-Pokals der MSV Duisburg.

Der Erstligaalltag beginnt für die Turbinen am Sonntag vormittag, 11 Uhr. Kick-off ist im Sinsheimer Stadtteil Hoffenheim bei der TSG. Favoritinnen sind die Potsdamerinnen. Stürmerin Huth wirbt für ihren Sport: »Der Frauenfußball ist in den zurückliegenden Jahren athletischer und technisch versierter geworden.« Taktisch variabler zugleich. Gut, dass die VEB-Frauen durch ihren einstigen emanzipatorischen Vorstoß Erstligafußball in Potsdam möglich gemacht haben.

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