12.09.2018 / Feuilleton / Seite 14

Rotlicht: Kritik

Daniel Bratanovic

Der Wütende ist nicht mehr allein. Er findet seinesgleichen inzwischen regelmäßig zu Tausenden auf Straßen in beispielsweise sächsischen Städten. Warum sind er und die vielen anderen so wütend, und in welchem Verhältnis stehen Wut und Wahrheit zueinander? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht bloß eine Obliegenheit der Psychologin oder des Erkenntnistheoretikers. Es gibt andere, im besten Falle weiterführende Methoden.

Ideologiekritik heißt das Verfahren, zunächst eine mangelnde Übereinstimmung von Denken und Sein zu indizieren. Oder, anders gesagt, die Welt nicht als Welt, sondern als falsches Bewusstsein von ihr zu erfassen. Sofern die Ideologiekritikerin dann auch noch weiß, dass die krummen und schiefen, hässlichen und abstoßenden Gedanken, der falsche und dumme Reim, die sich Menschen oft genug zu ihren bzw. auf ihre unschönen Lebensumstände machen, eben genau diesen Umständen, also den gesellschaftlichen Verhältnissen, erwachsen, hat sie sich von Moral und Betroffenheit himmelweit entfernt. Für Wut und dummes Urteil, soll das heißen, existiert ein materielles Substrat – im Grunde eine Binse.

Kritik ist generell, das sei damit angedeutet, ein Denken in Zusammenhängen und Wechselwirkungen. Sie begnügt sich nicht mit der Feststellung und Sammlung von Einzeltatsachen. Indem ein Subjekt tätig in die Objektwelt eingreift, verändert es nicht nur die äußere Wirklichkeit, sondern auch die Beziehungen, in denen es selbst steht, und damit letztlich sich selbst. Diesen Umstand zu reflektieren macht Kritik im allgemeinen aus. Als denkende Vernunft muss Kritik zugleich den Maßstab der Beurteilung an das eigenen Denken anlegen: Reflexion der Reflexion.

Jenseits dieser abstrakten Bestimmung bleibt indessen schwieriger zu beantworten, wie sich ein Bewusstsein von der Welt korrigieren lassen soll, wenn es als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse gleichsam »notwendig« falsch wird. Marx hatte in seiner »Kritik der politischen Ökonomie«, aber nicht nur dort, bemerkt, dass sich die Welt der kapitalistischen Warenproduktion nicht als das zeigt, was sie in Wahrheit ist, dass die Menschen ihr entfremdet gegenübertreten, dass, philosophisch gesprochen, Subjekt und Objekt einander unversöhnt begegnen. Die Verschwendung von Arbeitskraft und Menschenleben, die Kriege und das Elend erscheinen als unabänderliche Naturgewalt, als übermenschliches Schicksal.

Gegen diese schiere Aussichtslosigkeit verfolgt Kritik einen Zweck und wird damit politisch. Sie muss sich ihren Voraussetzungen nach »als Vorbereitung und Aufforderung zur praktischen Veränderung schlechter Verhältnisse verstehen. Sie kann sich nicht darauf beschränken, in den Köpfen der Theoretiker die Skepsis gegen die Wirklichkeit zu nähren« (Hans Heinz Holz). Auch Marx wusste das schon, und nicht anders ist die berühmte Sentenz aus der Einleitung zur »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« von 1844 zu verstehen: »Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.«

Wer da gegenwärtig wütend auf die Straßen drängt, möchte von der Waffe der Kritik und der Theorie als materieller Gewalt nicht viel wissen. Man tut sich keinen Gefallen damit, diesen Leuten als bloß Verhetzten und Fehlgeleiteten mit viel Verständnis und Empathie zu begegnen. Denn damit ist über sie implizit das wenig schmeichelhafte Urteil ausgesprochen, sie seien zu eigener Urteilsbildung kaum fähig. Der deutsche Biedermeier empört sich über brennende Autos in Hamburg und Berlin, nicht aber über brennende Asylbewerberheime in Baden-Baden, Meißen, Stuttgart oder Kornwestheim. Man wende sich doch, auch das wäre Kritik, denen zu, die eben nicht finden, ihr Unterdrücktsein lasse sich am besten dadurch lösen, dass sie andere Unterdrückte durch Straßen jagen, nur weil die anders aussehen.

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