12.09.2018 / Inland / Seite 8

»Nicht bevorzugten Kirchen Geld zuschießen«

Stadt Aachen finanziert »Interreligiösen Dialog« mit Integrationsmitteln. Gespräch mit Werner Hager

Gitta Düperthal

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten, IB KA, kritisiert die Finanzierung des Aachener »Interreligiösen Dialogs« aus Mitteln des kommunalen Haushalts für Integration. Nun sind die dafür vorgesehenen 3.000 Euro kein großer Betrag – für Sie aber dennoch ein Grund zur Aufregung?

Wir monieren grundsätzlich, dass überhaupt Religionsgemeinschaften oder deren Aktivitäten aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Der Inte­grationsrat hat die Aufgabe, einen Querschnitt der Bevölkerung zu fördern.

Ebenso am Dialog beteiligt sind die Stadt Aachen und die Nichtregierungsorganisation »Religions for Peace«.

Dass sich die Stadt überhaupt in einen religiösen Prozess einschaltet, ist zu kritisieren. Sie tritt als Moderator auf – da­raus ist aber nicht zu folgern, dass sie ein neutraler Akteur ist. Ihre Vertreter können selbst Kirchenmitglied oder Anhänger einer Glaubensgemeinschaft sein.

Ich finde es gut, wenn sich bei »Religions for Peace« Gemeinden zusammenschließen und in der Friedensbewegung engagieren. Trotzdem ist es ein religionsinterner Bereich, der mit Integrationspolitik nichts zu tun hat. Dort versammeln sich die katholische, evangelische sowie frei-evangelische Kirchen, die griechisch-, russisch- und koptisch-orthodoxe Kirche, die alevitische Gemeinde, die Bahai-Gemeinde, die jüdische Gemeinde, die hinduistische Gemeinde, die Quäker, Sunniten und Schiiten sowie die buddhistischen Gemeinschaften.

Warum fordern der IBKA und andere humanistische Verbände nicht, an diesem gesellschaftlichen Dialog beteiligt zu werden?

Verschiedene Städte sind den Weg gegangen, statt eines interreligiösen einen interkulturellen Dialog zu eröffnen. Im Detail betrachtet, sieht es letztlich aber doch so aus: Während die in­stitutionellen Religionsgemeinschaften dort ihren theologischen Diskurs organisieren, sind andere Vereine in der Minderheit und »dürfen« unter »ferner liefen« mitdiskutieren. Eine Integration säkularer Verbände erfolgt nicht, etwa von kurdischen Kulturverbänden.

Die Präambel des 2007 begründeten interreligiösen Dialogs lautet: »Wir sprechen miteinander, um uns gegenseitig kennenzulernen, zu verständigen und gemeinsam zu suchen, wie wir das Zusammenleben in Aachen friedlich gestalten können.« Was ist daran verwerflich?

Gar nichts. Es ist aber nicht zielführend, den Dialog als interreligiösen hervorzuheben. Das spaltet die Gesellschaft in einen religiösen und einen säkularen Teil. Bei der Integration geht es darum, alle Bürgerinnen und Bürger zu fördern.

Wenn viele Menschen Religion offenbar als Bezugssystem für sich ansehen, muss es dann nicht darüber auch eine gesellschaftliche Auseinandersetzung geben?

Der IBKA sieht Religion als Privatangelegenheit an. Staatlich geförderte Integrationspolitik sollte die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt darstellen, sie aber nicht gemäß der Linien zwischen unterschiedlichen Konfessionsgruppen abbilden. Dies bedeutet einen Rückschritt in der Kulturalisierung für alle anderen.

In den Grundsätzen des Dialogs heißt es etwa, Religion und Glaube dürften niemals für politische Zwecke missbraucht werden oder als Rechtfertigung von Gewalt dienen …

Klar, alles andere wäre gefährlich. Dennoch ist es falsch, der Religiosität durch den Staat besonderen Stellenwert einzuräumen. Wir wollen den gesellschaftspolitischen Dialog gemeinsam mit anderen säkularen Vereinen voranbringen. Am Aufbau eines solchen Formats arbeiten wir. Der Inte­grationsrat sollte bewusst entscheiden, welche Projekte zu fördern sind, und nicht mit einem Automatismus den sowieso schon bevorzugten Kirchen Geld zuschießen.

Werner Hager ist Sprecher des Internationalen Bunds der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) in Aachen

https://www.jungewelt.de/artikel/339685.religion-und-atheismus-nicht-bevorzugten-kirchen-geld-zuschießen.html