11.09.2018 / Feuilleton / Seite 10

Hipster im Bordell

Helmut Höge

Der Westberliner Aurel Johannes Marx hat ein Bordell neuen Typs eröffnet: einen »Hipster-Puff« mit modernen Möbeln und einer von seiner Firma kreierten »Puff-App«. Damit könne man »genau die Daten sammeln, die wertvoll sind: Belegungen, saisonale Trends, Umsatzwahrscheinlichkeiten«. Zudem könne man die »seit 2018 zum Schutz der Huren vom Gesetzgeber vorgeschriebenen und tagesaktuellen Abrechnungen in Bordellen per Knopfdruck erstellen«, erklärte Marx Mitte August der Presse.

Das Modell des bekannten, 2015 aber pleite gegangenen »Café Pssst!« war allerdings noch moderner: mit Bar und vielen teuren Damen, wo der Kaffee aber nur 1,50 Euro kostete. Die interessierten Männer kamen von weit her, tranken jedoch meist nur Heißgetränke und staunten. Der Laden zog die alte Generation Freier an, die sich noch schämte und deswegen die offene Caféatmosphäre schätzte. Der Bartträger Marx hat jetzt den Hipster als neue Klientel entdeckt: »Die sind jung, haben Geld, und sie zahlen ohne zu murren, für Sex.«

Marx sieht sie schon vor sich, wie sie in Massen seinen Puff stürmen. Von denen hat nämlich, so schätzt er, »keiner Bock auf schlechte Dialoge und schalen Prosecco – das haben wir doch schon im echten Leben … Sauber soll es sein, hygienisch, zackig und ohne Verhandlungsmarathon wie auf dem Gemüsebasar. Und vor allem die sichere Option, nix mit Drinks ausgeben im Club oder Herumwischen auf Tinder, sondern einfach kurz und geil einen weggesteckt und ab zurück ins Nachtleben.«

Zack, zack! Sind das nicht eher die »Easyjetter« zu den Clubs am Wochenende als die hiesigen Hipster? Aber was sind Hipster überhaupt? Das Internet meint: Es handelt sich im Großen und Ganzen um die »Bachelor-Generation«, mindestens um angehende »Künstler« oder »Kreative«. Ihre Kleidung gibt es, da bereits »Mainstream«, auch bei H&M zu kaufen.

Der Hipster kommt natürlich aus Amerika, wo er angeblich die Beatniks und Hippies beerbte. Er ist mit Strickmütze und Laptop unterwegs, wurde mit dem Hollywoodfilm »The Royal Tenenbaums« weltweit gestreut und ist laut den deutschen Koautoren des US-Readers »Hipster – eine transatlantische Diskussion« (2012) mit der »digitalen Bohème« verwandt. In Berlin zählt sich die Autorengruppe »Zentrale Intelligenz-Agentur« dazu, die 2006 über ihr digitales Leben »jenseits der Festanstellung« das Buch »Wir nennen es Arbeit« veröffentlichte.

Dem »Hipster-Reader« zufolge tauchten diese Menschen um 2000 herum plötzlich in New York auf. 2009 widmete sich die New Yorker Zeitschrift n+1 auf einer Tagung an der linken »New School for Social Research« den Fragen: »Was sind eigentlich Hipster? Und wofür sind sie ein Symptom? Für eine Generation, die Geld verdienen und doch nicht erwachsen werden will? Ein durch und durch ironisches Zeitalter? Den postindustriellen Konsumkapitalismus?« Die drei Koautoren der deutschen Ausgabe »werfen« darin laut Klappentext »zusätzlich einen deutschen Blick auf dieses transatlantische Phänomen«.

Im Videospieleonlineportal giga.de heißt es über die »Hipster«, dass der Begriff »häufig spöttisch und abfällig benutzt wird«. Und dass die Hipster hierzulande »besonders in Großstädten wie Berlin weitverbreitet sind«. Sie tragen »Lederschuhe und sind häufig mit einem Schnauzbart oder gar einem üppigen Bart anzutreffen. Auch die Nerdbrille mit übergroßen Gläsern ist bei vielen Hipster-Typen zu finden«. Insgesamt bewege sich »ihr Kleidungsstil in der Nähe anderer Subkulturen, z. B. der Emo- oder Hardcorepunkszene«. Weiter heißt es, sie »distanzieren sich vom Mainstreamgeschehen und Politik«, trinken am liebsten Club-Mate und lieben »Onlineauftritte und soziale Medien«. Abschließend wird jedoch auch erwähnt: »Wie bei jeder Subkultur sind natürlich auch unter den Hipstern viele Mitläufer anzutreffen, die dem Hipster-Trend blind folgen.«

Subkultur? Das kann nicht sein: Ich sehe diese Schnösel doch überall – in Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Sie wirken fast wie geklont, dann las ich das Buch »Die Gesetze der Nachahmung« des Soziologen Gabriel Tarde, in dem er den wahren Zusammenhalt einer Gesellschaft auf Nachahmung zurückführt, und dachte: Na gut, aber übertreiben diese Hipster das nicht?

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